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Datum: 21.11.2011

„Achillesferse Italien: Anhaltende Schwäche bezüglich Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit“

Krisenmanager Mario Monti! Der neue Regierungschef verordnet seinem Land einen radikalen Kurs der Erneuerung. Dieser sieht Einsparungen und Arbeitsmarktreformen vor, um die Krise zu bewältigen. finanzwelt sprach mit Ralph Gasser, Produktspezialist Festverzinsliche bei Swiss & Global Asset Management in Zürich.

finanzwelt: Die Schuldenkrise hat Italien scheinbar fest im Griff. Der Staat kann sich nur noch zu hohen Zinsen Geld leihen. Wird sich die Lage in absehbarer Zeit normalisieren?

Ralph Gasser: Italien kämpft nicht primär mit einem Solvenzproblem, sondern mit einem Vertrauensdefizit, das nicht nur Italien erfasst hat, sondern die Eurozone im Allgemeinen. Hieraus ergeben sich nicht zu unterschätzende Liquiditäts- und Refinanzierungsrisiken, was sich in den aktuellen Turbulenzen an den Staatsanleihenmärkten spiegelt.

Bei nüchterner Betrachtungsweise erscheint die Situation für Italien weniger dramatisch als dies vielleicht auf den ersten Blick der Fall sein mag. Natürlich haben sich die Marktzinsen beispielsweise für 10-jährige italienische Staatsanleihen über die letzten 12 Monate von einem historischen Tiefststand von 3.7% auf aktuell 6.7% ausgeweitet, liegen damit aber gerade mal 1.5% über der Marke vor 3 Jahren, nicht zu sprechen von den Zinsniveaus vor Einführung des Euros. Nie wurde aber in der jüngeren Vergangenheit die Liquidität und Solvenz Italiens als Schuldner ernsthaft angezweifelt, wie das derzeit der Fall ist. Dies soll die aktuelle Situation nicht beschönigen. Natürlich trägt Italien mit einer Bruttostaatsverschuldung von rund 120% relativ zur Wirtschaftsleistung (BIP) eine massive Schuldenlast, ein Zustand, der seit Beginn der 90er Jahre nahezu unverändert geblieben ist. Anders als die meisten westlichen Industrieländer weist Italien aber einen strukturellen Primärüberschuss auf. Die Staatseinnahmen vor Zinszahlungen sind also höher als die –ausgaben. Italien verfügt damit über deutlich mehr Handlungsfreiheit als andere Länder mit hoher Staatsverschuldung. Ferner weisen die privaten Haushalte und Unternehmen in Italien, nicht zuletzt aufgrund des Ausbleibens eines Immobilien- und Konsumbooms über die letzten 10 Jahre, eine im internationalen Vergleich tiefe Verschuldung und hohe Liquiditäts- und Vermögensbestände aus, was die Flexibilität Italiens zur Sanierung des Staatshaushaltes ebenfalls erhöht. Neben politischen Ausführungsrisiken ist die Achillesferse Italiens die anhaltende Schwäche bezüglich Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, und die Abhängigkeit von den internationalen Kapitalmärkten. So werden 2012 Staatsanleihen im Umfang von 200 Milliarden Euro zur Refinanzierung fällig, und weitere rund 15 Milliarden Euro zur Neufinanzierung. Die Liquidität Italiens hängt also nicht zuletzt  davon ab, ob Investoren auslaufende Anleihen in neue Papiere „rollen“ – eine Vertrauensfrage. Damit dieses Vertrauen nachhaltig wiederhergestellt werden kann, hängt im Wesentlichen von den politischen Entscheidungsträgern in Rom, Berlin und Paris ab, was wohl eher für eine weiterhin volatile Entwicklung sprechen dürfte. Die Institution mit intakter Kredibilität, die schlagartig für eine markante und nachhaltige Marktberuhigung sorgen könnte, wäre aber die EZB.

 

finanzwelt: Welche Szenarien erscheinen Ihnen gegenwärtig am plausibelsten? (Ein Ausstieg aus der Eurozone ist wohl kaum denkbar)

Ralph Gasser:  Wir erachten Italiens fundamentale Probleme für durchaus lösbar und die ersten Ankündigungen durch die Regierung Monti gehen in die richtige Richtung. Vergleichbare Sanierungen des Staatshaushaltes wurden beispielsweise in den 80er Jahren auch schon gemeistert. Italien ist nachhaltig bis zu einer durchschnittlichen Zinslast von 7% bis 8% solvent. Zudem besteht aus unserer Sicht in Italien, anders als in gewissen anderen Euro-Mitgliedsländern, ein breiterer gesellschaftlicher Konsens darüber, dass zur Krisenbewältigung nicht nur wenige und immer die anderen, sondern alle werden beitragen müssen. Dies sollte die politischen Ausführungsrisiken reduzieren.

 

finanzwelt: Haben die politischen Entscheidungsträger in Rom versagt und Reformen sträflich vernachlässigt?

Ralph Gasser: Dem ist sicherlich so, wobei dies wohl nicht nur exklusiv für Italien, sondern wohl für die Mehrzahl der westlichen Industrieländer gibt. Es gilt, die anhaltende Schwäche bezüglich Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit Italiens anzugehen. An Optimierungsmöglichkeiten, welche direkt durch die politischen Entscheidungsträger in Rom angegangen werden können, dürfte es nicht fehlen. Dazu zählt nicht zuletzt die im internationalen Vergleich exzessive Regulierungsdichte oder die verbesserungsfähige Effizienz der staatlichen Institutionen.

 

finanzwelt: Ist Italien mittelfristig wiederum für ein Investment interessant? (Aktientitel wie Pirelli halten sich vergleichsweise gut)

Ralph Gasser: Durchaus, ein solides Nervenkostüm vorausgesetzt. Wir erachten beispielsweise 2 bis 4-jährige italienische Staatsanleihen bei einer Verfallrendite von rund 6% bis 6.4% als interessant für eine Portfoliobeimischung. Bei Anleihen italienischer Banken sind wir weiterhin zurückhaltend, was auch aus relativer Bewertungssicht auf italienische  Unternehmensanleihen zutrifft.

 

Das Gespräch führte Alexander Heftrich

 


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