Datum: 31.10.2011
„Afrika – Standortbestimmung Herbst 2011“
Aus einer Serie von Massenunruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten Ende vergangenen Jahres ist der Begriff „arabischer Frühling“ entstanden. Wie steht es nun um den Schwarzen Kontinent? finanzwelt sprach hierzu mit einem ausgesprochenen Branchenkenner, Jens Schleuniger, Portfoliomanager des VCH Africa.
finanzwelt: Der „Arabische Frühling“ hat den Islamisten genützt. Sie gehen als Sieger der ersten freien Wahlen in Tunesien hervor. Ein ähnliches Ergebnis ist für die bevorstehenden Wahlen in Ägypten zu erwarten. Gibt es für die nordafrikanische Region nunmehr eine größere „Investorensicherheit“ (Planungssicherheit)?
Jens Schleuniger: Die Wahlen in Tunesien sind weitestgehend ruhig verlaufen. Das ist zunächst einmal sehr positiv zu werten. Tunesien hat hier meines Erachtens eine klare Vorreiterrolle was den Demokratisierungsprozess in Nordafrika angeht. Das hängt auch mit dem vergleichsweise hohen Bildungsniveau zusammen. Tunesien könnte aus Investorensicht innerhalb den nächsten 12 Monaten wieder auf den Radarschirm der Schwellenländerexperten kommen, sofern der Demokratisierungsprozess konsequent weiter- und nötige Reformen durchgeführt werden. In Ägypten finden die Parlamentswahlen Ende November statt – später als ursprünglich angesetzt aber unseren Erwartungen entsprechend. Etwas enttäuschend dürfte für die Ägypter wie auch für internationale Investoren die Tatsache sein, dass die Präsidentschaftswahl auf Mitte bis Ende nächsten Jahres verschoben wurde. Noch regiert das Militär und eine Abgabe der Macht an eine vom Volk gewählte Regierung ist noch nicht abzusehen – was viele Ägypter verständlicherweise beunruhigt. Aber auch hier gilt: Wenn sich die Ägypter für eine wirtschaftsfreundliche, gemäßigte Regierung entscheiden, dürften viele Investoren kurzfristig wieder in Ägypten nach interessanten Investment Chancen suchen. Ägypten war „everybodies darling“ vor dem arabischen Frühling und hat das Potenzial, es auch wieder zu werden.
Deshalb gilt, dass der langfristige Trend weiter klar für ein Investment in Afrika spricht. Denn die grundsätzlich vorhandene Bewegung hin zu mehr Demokratie stärkt auch die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Wirtschaften. Die freien Wahlen in Tunesien oder Ägypten sind daher ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichwohl braucht es für eine nachhaltige Demokratisierung der Region oder des ganzen Kontinents noch einiges mehr. Politik, Bevölkerung und private Kapitalgeber müssen dabei effektiv zusammenwirken. In jedem Fall wird der afrikanische Kontinent langfristig immer wichtiger für Unternehmen und Investoren werden – ganz unabhängig von den Ergebnissen einzelner Wahlen.
finanzwelt: Welche Gründe sprechen, grob umrissen, für ein Investment auf dem Schwarzen Kontinent?
Jens Schleuniger: Afrika wird in einigen Jahren zu den bedeutendsten Wirtschaftsräumen der Welt gehörenWer hier frühzeitig dabei ist, hat die Chance auf attraktive Erträge. Die Fakten sprechen für sich: Schon heute liegen viele der weltweit wachstumsstärksten Länder auf dem afrikanischen Kontinent. Ein immer größerer Anteil der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen fließt nach Afrika. Angetrieben wird die Entwicklung auch durch den Rohstoffreichtum: Viele bedeutende Lagerstätten für Öl, Gas, Gold und Platin befinden sich auf dem Territorium afrikanischer Länder. Und das Geld aus den Rohstoffexporten schiebt zunehmend auch die afrikanischen Binnenwirtschaften an. Davon profitieren lokale Konsumgüter-, IT- und Finanzunternehmen. Kurz und gut: Die Chancen sind beeindruckend, und Investoren sollten hier rechtzeitig dabei sein.
finanzwelt: Wie ist es um den dortigen Übernahmemarkt bestellt? Gibt es spezielle Branchen, die Sie augenblicklich favorisieren und die im Rahmen der M&A-Aktivitäten überdurchschnittlich profitieren könnten?
Jens Schleuniger: Seit dem Jahr 2007 wurden bereits acht der Unternehmen, die ich im Fonds hatte, übernommen. Die Unternehmen gehörten entweder dem Rohstoff- oder dem Konsumsektor an, und Investoren konnten von einer Übernahmeprämie profitieren. Auch dieses Jahr gab es eine Reihe von M&A-Transaktionen, vorwiegend auf der Rohstoffseite. Für Aufsehen gesorgt hat sicherlich auch Wal-Mart, die sich an der südafrikanischen Massmart beteiligt hat. Außerdem haben Unternehmen wie SAB Miller oder Heineken ihr Engagement in Afrika weiter ausgebaut, zum Teil durch Übernahmen.
Ich bin überzeugt, dass wir vor weiteren Übernahmen stehen, vor allem im Rohstoff- und Konsumsektor. Aber auch andere Branchen sind interessant, wie beispielsweise die Verpackungsindustrie. Wichtig ist uns bei der Auswahl der Unternehmen, dass das jeweilige Unternehmen ein kompetentes Management, eine gut funktionierende Infrastruktur und eine starke Marktposition hat.
Das Interview führte Alexander Heftrich








