Krisenzeiten
„Bleibe bei Deiner deutschen Hausbank und nähre Dich redlich …“
„Wie viel Staat darf´s sein?“, fragt die „Welt am Sonntag“ Ende Januar in einem Schwerpunktartikel. „Finanzkrise – wo soll die denn sein?“ fragt Professor Stefan Homburg, veritabler, Volkswirtschaftler, im „Spiegel“-Gespräch mit Kollege Bert Rürup, Chef des Sachverständigen-Rates. Irritationen überall dort, wo über die Finanzkrise gesprochen oder geschrieben wird. Das sind Gründe genug, um mit Top-Managern aus dem Banken-Bereich und aus dem Maschinenbau weniger akademisch als bodenständig die Situation, die das Thema Finanzkrise heute ausmacht, zu beleuchten.
Die Geprächsgäste:
Norbert Langenbach, Mitglied des Vorstandes der Coface Deutschland AG, Mainz. Coface Deutschland gehört zu einem der weltgrößten Kreditversicherer, der Compagnie Française d'Assurance pour le Commerce Extérieur, Paris, und zählt zu den führenden Anbietern von Dienstleistungen im Forderungsmanagement.
Günter Högner gehört dem Vorstand der Nassauischen Sparkasse, Wiesbaden, an. Nach der Sparkassenrangliste 2007 ist sie mit 236 Sparkassenstellen die deutsche Sparkasse mit den meisten Filialen und SB-Terminals. Bei der Naspa arbeiten derzeit 2287 Mitarbeiter.
Dr. Ingo Koch ist Mitglied des Vorstandes der manroland AG, Offenbach, einer der weltweit größten Hersteller von Drucksystemen und Weltmarktführer im Rollenoffset. Das Unternehmen mit den Hauptstandorten Offenbach und Mainhausen sowie Augsburg und Plauen beschäftigt knapp 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Standortbestimmung
finanzwelt: Wo stehen wir heute? Muss der Staat die Wirtschaft retten?
Högner: Ich halte die von der Regierung getroffenen Maßnahmen uneingeschränkt für richtig und für dringend erforderlich. Es wäre gar nicht auszudenken, wenn diese Maßnahmen nicht getroffen worden wären. Das, was der Staat bisher gegen die Krise unternommen hat, kann ich nur begrüßen.
Koch: Würden Sie sagen, es war ein Fehler, Lehmann Brothers pleite gehen zu lassen?
Högner: Selbstverständlich war dies ein Fehler. Ich kenne auch niemanden, der das Gegenteil behauptet. Die Auswirkungen der Pleite waren damals wahrscheinlich noch nicht so überschaubar. Die Frage ist, ob die Pleite letztlich gebraucht wurde, um das Milliardenrettungspaket in den USA durch den Kongress und den Senat zu bringen.
Langenbach: Ich denke, die getroffenen Maßnahmen sind zielführend. Ich finde es aber besorgniserregend, dass die Rettungsmaßnahmen jetzt auf unterschiedlichste Branchen ausgeweitet werden. Braucht denn jede Branche ihren Schutzschirm nach dem Motto: „Wo dürfen es noch ein paar Milliarden sein?" Eine Wirtschaftsbranche, die nicht gut aufgestellt ist und schlecht gemanagt wird, kann auch durch zusätzliche Milliarden nicht fit gemacht werden.
finanzwelt: Wir hören in der Öffentlichkeit viele Kommentare, auch solche, wonach wir vor keiner Krise stehen.
Koch: Wenn die momentane Situation keine Krise sein soll, dann weiß ich nicht, was eine Krise ist.
Högner: Eine Finanzkrise haben wir in jedem Fall. Ich sehe aber die Tendenz, alle unternehmerischen Probleme und jede schlechte Auftragslage hinter dem Argument der Finanzkrise zu verstecken.
Langenbach: Ich denke ebenfalls, dass wir eine Finanz- und Wirtschaftskrise haben. In unserem Hause sind die Schadensquoten seit Oktober 2008 exorbitant gestiegen und halten sich auf hohem Niveau. Auch die Zahl der Insolvenzen ist gestiegen. Das ganze Ausmaß der Krise ist momentan noch gar nicht erkennbar. Es ist schwer einzuschätzen, wie viele Milliarden die Banken abschreiben werden müssen.
Koch: Es ist nicht mehr nur eine Finanzkrise. Es ist auch eine Wirtschaftskrise. Die strukturellen Probleme, die unsere Wirtschaft schon vor der Krise hatte, verschlimmern das Ausmaß natürlich noch.
finanzwelt: Welche Branchen sind von der Finanzkrise am meisten betroffen?
Högner: Die Automobil- und die Maschinenbauindustrie. In anderen Branchen ist eher von einem starken Wirtschaftsabschwung auszugehen, nicht von einer Krise. Die Märkte sind global dermaßen vernetzt, dass auch in den Ländern, die in der Vergangenheit vom Wirtschaftsaufschwung getragen worden sind, die Auftragslage zurückgeht
Koch: Die Krise trifft insbesondere die Branchen, in denen mit Investitionsgütern gehandelt wird. Dort gibt es einen Investitionsstau und eine große Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen. Es sind dort extreme Umsatzrückgänge zu verzeichnen, und zwar in einem Maße, wie in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht. Zusätzlich haben wir momentan eine extrem negative Stimmung, die sich natürlich ebenfalls nachteilig auf die Konjunktur auswirkt.
Langenbach: Die Finanzkrise hat gewisse Entwicklungen, die bereits vor ein oder zwei Jahren ihren Anfang genommen haben, verstärkt. Ein gutes Beispiel ist die Transport- und Logistikbranche, die schon in den vergangenen Jahren durch Kostenfaktoren wie hohe Ölpreise oder Autobahnmaut sehr gelitten hat. Die Finanzkrise wirkt verstärkend.








