Germany
„Home Bias”
Traditionell neigen Anleger dazu, ihre Heimatmärkte gegenüber anderen Investmentregionen überzugewichten – nicht selten sogar in höchst irrationalem Maß. Dieses Verhalten widerspricht dem Grundsatz der Diversifizierung und führt zu...
Klumpenrisiken im Portfolio.Amerikaner beispielsweise investieren überwiegend, viele sogar ausschließlich in USA. Welche Bedeutung sie dem eigenen Markt beimessen, kann unter anderem auch daran abgelesen werden, dass amerikanische Investmentgesellschaften in der Regel zwischen „Global-” und „International-Funds” differenzieren. So genannte „Global- Funds” investieren weltweit mit einem klaren Schwerpunkt auf USA. „International-Funds” legen ihr Geld weltweit an, aber nicht in USA. Der eigene Markt hat in jedem Fall Sonderstatus.
Was die Risikostreuung der Amerikaner angesichts der Tatsache, dass der USAktienmarkt etwa 50 % der Weltbörsenkapitalisierung ausmacht, schon suboptimal aber vielleicht gerade noch vertretbar erscheinen lässt, wird für uns Deutsche zum echten Problem. Wir investieren laut Statistik durchschnittlich 60 % unserer Gelder in den eigenen Heimatmarkt, der lediglich 2 % des Weltmarkts für Aktien ausmacht. Das Phänomen wird besonders bei jenen Anlegern deutlich, die in Einzeltiteln investieren, kommt in abgeschwächter Weise aber auch bei Fondsanteilsinhabern zum Ausdruck. Denn wer einen globalen, einen europäischen und einen deutschen Aktienfonds im Portfolio hat, muss zur Kenntnis nehmen, dass er in der überwiegenden Zahl der Fälle dreimal in deutschen Aktien investiert ist. Diese irrationale Übergewichtung des eigenen Marktes bezeichnet die „Behavioural Finance” mit dem Begriff „Home Bias”.
Was bedeutet denn „Home Bias?”
Ein Blick auf die Übersetzungsmöglichkeiten des englischen Begriffs „Bias” zeigt schnell, was gemeint ist: Neigung, Vorliebe, Einseitigkeit, Befangenheit. Während die Wörter Vorliebe und Neigung vielleicht noch halbwegs positiv als liebenswerte menschliche Schwäche assoziiert sein mögen, lassen spätestens Einseitigkeit und Befangenheit Probleme für unsere Anlagestrategien und Portfolios erwarten.
Ursächlich für die Problematik ist die Tatsache, dass die breite Masse der Investoren glaubt, den eigenen Markt am besten zu kennen und damit auch einschätzen zu können. Die scheinbare Transparenz und Marktkenntnis wiegt sie in trügerischer Sicherheit. Handelt es sich bei diesem Markt dann auch noch um einen mit internationaler wirtschaftlicher Bedeutung, fühlt sich der Betrachter in seinem Weltbild weiter bestärkt. Psychologisch erscheinen die eigenen Chancen größer, die eigenen Risiken kleiner, als im Ausland. Dazu kommt Misstrauen gegenüber allem Fremden und Fernen und die Angst, unter Umständen über Währungsrisiken Verluste hinnehmen zu müssen. In der Konsequenz wird der eigene Markt häufig zum Basisinvestment deklariert, der Rest allenfalls zu kleinen Depotbeimischungen.
Was macht den deutschen Markt so interessant? Das niedrige Lohnniveau, die unterdurchschnittlichen Lohnnebenkosten, die steuerlichen Anreize für Unternehmen, die unbürokratischen Rahmenbedingungen oder die großen Rohstoffressourcen? Kommen wir doch abseits des Zynismus bitte zur Sache. Der deutsche Markt gilt zwar im europäischen Vergleich als unterbewertet, die Hedgefondsmanager dieser Welt mögen auch auf einzelne Sahnestücke ein Auge geworfen haben, aber der Zukunftsmarkt schlechthin, der nach einer deutlichen Übergewichtung schreit, ist der deutsche Markt sicher nicht! Wer nur oder überwiegend in Deutschland investiert, verschließt sich direkt oder indirekt 98 % des weltweiten Anlageuniversums.
Das Zeitalter der Globalisierung
Im Minimum muss der ausgedehnte Euro-Währungsraum als unser neuer „Binnenmarkt” empfunden und die aus ihm resultierenden Chancen erschlossen werden. Überdies stellen die USA nach wie vor den größten Markt der Welt dar und die Schwellenländer dürfen – als die Industrienationen der Zukunft – nicht vernachlässigt werden. Im Zeitalter der Globalisierung können wir es uns nicht mehr erlauben, den Heimatmarkt, selbst wenn wir ihn nicht mehr als Deutschland, sondern als West- oder sogar Kerneuropa definieren, unnötig stark im Portfolio zu gewichten. Das Anlageuniversum wird andernfalls mutwillig eingegrenzt. Da Geld die unbestrittene Eigenschaft hat, dahin zu gehen, wo es bei kleinstem kalkulierbarem Risiko den größten Ertrag erwirtschaften kann, müssen wir es auch dahin gehen lassen, wohin es unter Berücksichtigung dieser Kriterien will.
Wer nicht über den Tellerrand hinwegsieht, wird die dort stattfindenden Ereignisse verschlafen. Wenn die Studie des Hauses Goldmann Sachs „Dreaming with the BRICS” zutrifft, wonach etwa im Jahre 2025 Brasilien, Russland, Indien und China die G7 gemessen am Bruttosozialprodukt überholt haben werden, ist das Risiko heute größer, in den Schwellenländern nicht investiert zu sein, als es zu sein. Gerade in der Diversifizierung findet der Investor die Sicherheit, die er so sehr sucht. Deutschlandfonds gehören nur dann in ein Anlegerportfolio, wenn sie mit Blick auf eine deutliche Unterbewertung des deutschen Marktes, der verstärkenden Akzentsetzung über bestehende Europaengagements hinaus dienen. Aktuell mag das angeraten sein, darf aber keineswegs übertrieben werden.







