Datum: 18.01.2012
„Konjunkturausblick 2012“
Neues Jahr - neues Glück? Der richtige Augenblick, um über den konjunkturellen Ausblick 2012 und die Asset-Klassen zu reden. finanzwelt sprach hierzu mit Herrn Christian Heger, Chief Investment Officer bei HSBC Global Asset Management (Deutschland).
finanzwelt: Winterkälte lässt uns dieser Tage erzittern. Muss den Deutschen beim Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung 2012 auch Bange werden oder erwarten Sie ein gutes/erfreuliches Jahr?
Heger: Deutschland erwartet 2012 ein schwieriges, aber keineswegs ein dramatisches Jahr wie etwa 2009. Zwar wird der Export von der Rezession in der Eurozone und der nachlassenden Dynamik in China in Mitleidenschaft gezogen, Konsum und Bau erwiesen sich jedoch als wichtige Stützen. Hier helfen nicht nur das historisch ungewöhnlich niedrige Zinsniveau von unter 3% für längerfristige Immobilienfinanzierungen sondern auch ein Arbeitsmarkt, der die niedrigsten Arbeitslosenzahlenzahlen seit gut zwanzig Jahren aufweist. Erstmals seit mehreren Jahren ist daher auch bei den Lohnabschlüssen mit Zuwächsen oberhalb der Inflationsrate zu rechnen. Nach 3% in 2011 dürfte das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft im laufenden Jahr knapp 1% betragen.
finanzwelt: Welche Sektoren werden in diesem Jahr reüssieren?
Heger: In unserem erwarteten konjunkturellen Szenario werden vor allem die binnenwirtschaftlichen Sektoren profitieren. Dazu zählen vor allem der Wohnungsbau, das Handwerk und der höherwertige Einzelhandel. Die aktuell gute Auftragslage lässt aber auch bei einigen exportabhängigen Bereichen wie dem Maschinenbau noch keinen Einbruch erwarten.
finanzwelt: Wie sehen Sie die Zukunft der einstigen Weltmacht USA und wird sich nach Ihrer Einschätzung die Erfolgsgeschichte BRIC fortsetzen?
Heger: Die USA steuern einer deutlich schwierigeren Zukunft entgegen. Allerdings werden sich 2012 noch die Aufschwungkräfte durchsetzen, da weder von der Fiskal- noch von der Geldpolitik Bremsmanöver drohen. Nach der Präsidentschaftswahl im November dieses Jahres droht jedoch 2013 ein deutlicher Rückschlag. Kommt es tatsächlich zu den bereits im Sommer 2011 beschlossenen automatischen Kürzungen der Staatsausgaben, kann ein Rückfall in eine Rezession nicht ausgeschlossen werden. Trotz äußerst expansiver Geldpolitik dürfte die enorme Verschuldung der USA die Volkswirtschaft in eine Art „Japan Szenario“ drücken, d.h. unbefriedigend Wachstumszahlen bei allenfalls temporären Inflationsschüben. Für die BRIC-Länder ist die Ausgangslage jedoch spürbar günstiger: Niedrige Staatsverschuldung, stabile Bankensysteme, günstige Demographie und die noch immer geringe Ausgangsbasis ergeben Spielraum durch expansive Fiskal- und Geldpolitik den Wachstumsprozess zu begleiten. Bleiben große externe Schocks aus, dürften diese Länder daher nicht nur 2012, sondern auch in den Folgejahren deutlich stärker als Euroland, Japan oder die USA wachsen.
finanzwelt: Bitte kommentieren Sie Ihre zentralen Asset-Allokation-Empfehlungen für 2012?
Heger: Die Anlagestrategie für 2012 sollte folgenden Grundsätzen folgen:
- Staatsanleihen stellen in den Industrieländern kein attraktives Investment dar. Die Realverzinsung etwa in den USA und Deutschland ist bereits heute negativ. Bereits ein kleiner Zinsanstieg genügt um mit der Gesamtperformance auch nominal im Minus zu landen. So lange vor allem die Unklarheit über die Rettung von Griechenland anhält, stellen auch höher verzinsliche Anleihen aus Spanien und Italien keine attraktive Anlagealternative dar. Wir empfehlen im gesamten Segment eine deutliche Untergewichtung.
- Unternehmensanleihen sind auch in 2012 eine attraktive Assetklasse. Im Vergleich zu 2007 verfügen Unternehmen in den Industrieländern heute über eine geringere Verschuldung und höhere Kassereserven. Mit Ausnahme des Bankensektors stehen daher die Chancen nicht schlecht, dass Unternehmen relativ gut durch die aktuelle Konjunktureintrübung zu steuern. Anleger können gleichzeitig mit rund 180 Basispunkten noch immer einen Risikoaufschlag über Bundesanleihen vereinnahmen, der deutlich über den historischen Durchschnitten liegt. Wir empfehlen daher in diesem Segment eine deutliche Übergewichtung.
- Anleger sollten auch auf der Zinsseite zunehmend Diversifizierungsmöglichkeiten in andere Währungen und Regionen nutzen. Wir empfehlen hier vor allem Anleihen aus den Emerging Markets. Solidere Staatshaushalte und eine nachhaltigere Wachstumsdynamik sorgen nicht nur für höhere Nominalzinsen, sondern eröffnen auch die Chancen auf Währungsgewinne. Nach der relativen Schwäche dieser Währungen in 2011 könnte das laufende Jahr eine deutlichere Aufwärtsbewegung bringen.
- Aktienmärkte sollten in der Asset Allocation weltweit nicht mehr vernachlässigt werden. Mit Kurs/Gewinn-Verhältnissen von rund 10 und Kurs/Buchwert-Verhältnissen von 1 bis 1,5 liegen die Bewertungsrelationen weit unter den historischen Durchschnitten. Die meist gute Krisenaufstellung des Unternehmenssektors lässt zudem, trotz schwächerer Konjunktur, keinen Gewinneinbruch erwarten. Bei den Aktien erscheinen uns vor allem diejenigen Regionen interessant, die 2011 im Zuge der gestiegenen Risikoaversität besonders unter Druck gekommen sind und deren Risikoprämien folgerichtig besonders hoch ausfallen. Dazu zählen Euroland, insbesondere Deutschland, aber auch alle BRIC- Länder. Wir halten daher in beiden Regionen eine Übergewichtung für angezeigt, während die USA und Großbritannien untergewichtet werden. Insgesamt sollten Anleger Aktien derzeit erst neutral gewichten. Vermutlich ergibt sich spätestens im zweiten Quartal, im Zuge der Eurokrise, die Möglichkeit schwächere Notierungen für eine übergewichtete Positionierung zu nutzen.
Insgesamt sollten Anleger ihr Portfolio in 2012 zwar immer noch vorsichtig, aber keineswegs zu defensiv ausrichten. Insbesondere bei Staatsanleihen empfiehlt sich eine deutliche Untergewichtung, Anlagen aus dem Unternehmenssektor, sowohl Anleihen, als auch Aktien, verdienen hingegen wieder eine größere Beachtung. Auch Emerging Markets, insbesondere die BRIC- Länder, sollten noch stärker ein fester Bestandteil der Portfolios werden.
Das Gespräch führte Alexander Heftrich
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