Datum: 09.12.2011
„Russland auf der Überholspur?“
Nach der jüngst abgehaltenen russischen Parlamentswahl gibt es in der Hauptstadt Moskau weiterhin Massenproteste. Bis zu 30.000 Personen seien für die Demonstration gegen Wahlfälschungen angemeldet. Können die Menschen Druck auf Wladimir Putin ausüben? finanzwelt sprach mit Angelika Millendorfer, Leiterin der Abteilung Emerging Markets Equities bei Raiffeisen Capital Management, über den BRIC-Staat.
finanzwelt: Am vergangenen Wochenende fanden die Parlamentswahlen in Russland statt. Wie ist der Ausgang aus ökonomischer Sicht zu werten?
Millendorfer: Ministerpräsident Putin ist durch das schlechte Ergebnis seiner Partei und die öffentlichen Demonstrationen deutlich geschwächt. Viele Russen sind offenbar unzufrieden mit den undemokratischen Verhältnissen und der ausufernden Korruption. Mittelfristig ist das positiv, kurzfristig könnte die politische Lage aber etwas weniger stabil werden. Ein Pendant zum Arabischen Frühling dürfte es aber nicht geben, dazu ist der allgemeine Frust wohl nicht groß genug. Deshalb werden vermutlich die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Kapitalmärkte gering bleiben.
finanzwelt: Jim O’Neill, Urvater des BRIC-Konzepts, sieht das ehemalige Zarenreich ökonomisch auf der Überholspur. Teilen Sie diese Ansicht und wenn ja, welche Gründe lassen sich für diese These finden?
Millendorfer: Russland hat in den letzten Jahren massiv von den hohen Roh- und Grundstoffpreisen profitiert, insbesondere, aber nicht nur, von Öl und Gas. Auch Metalle und Stahl sind sehr wichtig. Insgesamt ist der Charakter der Wirtschaft also sehr zyklisch, was angesichts der globalen Situation 2012 problematisch sein könnte. Die Diversifikation in andere Sektoren ist bis jetzt noch nicht wirklich vorangekommen. Angesichts des Rohstoffhungers der aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien und China erwarten wir aber ein mittelfristig anhaltend hohes Preisniveau, was für Russland sehr vorteilhaft sein sollte.
finanzwelt: Der WTO-Beitritt Russlands steht vor der Tür. Könnte dieser für Impulse sorgen (-> Rechtssicherheit, erleichterter Zugang zum Kapitalmarkt)?
Millendorfer: Der WTO-Beitritt sollte mehr Wettbewerb durch den Wegfall von Handelsschranken bringen und in einigen Sektoren einen erleichterten Zugang für ausländische Investoren. Auch einige Exporteure, z.B. im Stahlsektor, sollten profitieren. Insgesamt erwarten wir aber keine dramatischen Auswirkungen.
finanzwelt: Wie lässt sich der Aktienmarkt produkttechnisch abdecken?
Millendorfer: Unser Raiffeisen-Russland-Aktienfonds hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an mittelgroßen Unternehmen (ca 20-30% ), wobei das Fondsmanagementteam der Raiffeisenbank Moskau vor Ort als Berater fungiert. Dadurch können wir neben den traditionellen Sektoren Rohstoffe und Banken auch den wachstumsstarken Konsumsektor, der ansonsten im russischen Aktienmarkt unterrepräsentiert ist, gut abdecken und den Investoren das Potential der ganzen Volkswirtschaft zugänglich machen.
Das Interview führte Alexander Heftrich
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