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Datum: 17.11.2011

„Sorgenkind Italien“

Axel AngermannAxel AngermannAnsicht vergrößern

Der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Mario Monti ist diese Woche in Rom als neuer italienischer Ministerpräsident vereidigt worden. Er werde dem Land treu dienen und die Interessen der Nation wahren, sagte Monti bei der feierlichen Zeremonie. Wie geht es nun weiter? finanzwelt sprach mit Axel Angermann, Mitglied der Geschäftsleitung der Feri EuroRating Services AG in Bad Homburg.

finanzwelt: Die Schuldenkrise hat Italien scheinbar fest im Griff. Der Staat kann sich nur noch zu hohen Zinsen Geld leihen. Wird sich die Lage in absehbarer Zeit normalisieren?

Angermann: Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft des Euroraums. Damit hat das Land grundsätzlich alle Möglichkeiten, wieder auf einen stabilitätsorientierten Kurs in der Finanzpolitik einzuschwenken. Nötig wäre eine Finanzpolitik, die kurzfristig das Haushaltsdefizit abbaut, was ja auch schon in Angriff genommen worden ist. Langfristig braucht Italien dann Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit als Basis für Wirtschaftswachstum. Im Moment dominieren an den Finanzmärkten allerdings die Zweifel an der Seriosität italienischer Politik. Ursache dafür waren nicht allein die Berlusconi-Jahre, sondern Jahrzehnte politischer Instabilität Italiens. Daher ist es mit einem Wechsel an der Regierungsspitze auch nicht getan. Es wird Zeit brauchen, um wieder Vertrauen aufzubauen, dass ernsthaft an einer Konsolidierung der Staatsfinanzen gearbeitet wird. Kurzfristig werden die Finanzmärkte daher nervös bleiben.

 

finanzwelt: Welche Szenarien erscheinen Ihnen gegenwärtig am plausibelsten? Ein Ausstieg aus der Eurozone ist wohl kaum denkbar.

Angermann: Ein Ausstieg aus der Eurozone ist ein mögliches Szenario für Griechenland, das aber für Italien keinesfalls irgendeine praktische Relevanz hat. Wünschenswert wäre, dass die neue italienische Regierung beherzt Reformen angeht und die Märkte somit davon überzeugt, dass das Risiko italienischer Staatspapiere niedriger ist, als es die gegenwärtigen Zinsen widerspiegeln. Niemand anderes als die politische Klasse Italiens selbst hat es in der Hand, zu einer Beruhigung der Lage beizutragen. In der Zwischenzeit wird sicher die EZB noch eine Weile ausgleichend eingreifen, indem sie weiterhin italienische Staatsanleihen aufkauft.

 

finanzwelt: Haben die politischen Entscheidungsträger in Rom versagt und Reformen sträflich vernachlässigt? 

Angermann: Vor Berlusconi scheiterten grundlegende Reformen daran, dass die Amtszeit italienischer Regierungen viel zu kurz war, um größere Projekte umzusetzen. Aber auch die Regierung Berlusconi hat es trotz ihrer langen Amtszeit nicht geschafft, Italien wettbewerbsfähiger zu machen. Das Land hat zwar anders als Griechenland eine solide industrielle Basis, aber der Anteil von Produkten aus dem Niedrigtechnologiesektor ist zu hoch. Weil gerade in diesem Bereich der Wettbewerbsdruck aus Asien und Osteuropa am höchsten ist, hat die italienische Wirtschaft erheblich an Export- und damit auch an Wachstumsstärke verloren. Dies zu ändern, müsste das wichtigste Ziel italienischer Politik der kommenden Jahre sein.

 

Das Interview führte Alexander Heftrich


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