Roundtable Ratings und Analysen
„Wenn wir Unsinn schreiben, dann führen wir uns selbst ad absurdum!“

Roundtable-Diskussion mit Stephan Appel (Check-Analyse), Karsten Ewert (Invest Report), Philip Nerb (Werteanalysen) und Lars Tegtmeier (TKL).
finanzwelt: Die Rating-Agenturen und Experten der Branche geschlossener Fonds definieren ihren Beruf nicht einheitlich. Wie bezeichnen Sie sich?
Appel: Ich bin Analyst, der als Ergebnis seiner Arbeit Bewertungen von Unternehmensbeteiligungen vornimmt. Ob man dieses Verfahren Rating oder anders nennt, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, welche Inhalte dahinterstehen.
Tegtmeier: Die TKL macht Ratings. Den Kern unseres Geschäftsmodells bilden auftragsunabhängige Ratings der im Publikumsvertrieb befindlichen geschlossenen Fonds. Wir arbeiten aber auch im Auftrag. Unsere Kunden sind Vertriebe, hauptsächlich Banken.
Nerb: Ich bin Fondsanalyst, aber definitiv keine Rating-Agentur. Ich bewerte einen Fonds nicht aus der Rückschau, sondern in die Zukunft gerichtet, d. h., die Ausgangssituation ist entscheidend. Dies ist für mich der wesentliche Unterschied zwischen Rating und Analyse.
Ewert: Ich bin auch Analyst. Ich erstelle Analysen zu von mir ausgewählten Zeichnungsangeboten. Ich will nicht den Gesamtmarkt abbilden, sondern anaylisiere, was ich interessant finde.
finanzwelt: Haben Sie Ihr Rating- und Analyseverfahren seit Beginn der Finanzkrise vor knapp zwei Jahren verändert?
Ewert: Grundsätzlich nicht. Ich arbeite nicht nach einem statischen Verfahren, sondern gewichte individuell. Ich sehe keinen Anlass, an meiner Arbeitsweise etwas zu ändern. Es muss aber sicherlich beachtet werden, dass die Märkte volatiler geworden sind, als sie es in den vergangenen Jahrzehnten waren. Sensibler muss man auch bei Fragen der Finanzierung sein, sowohl beim Eigenkapital als auch beim Fremdkapital.
Nerb: Es hat sich ja schon vor Beginn der Finanzkrise abgezeichnet, dass sich etwas ändern muss. Ich habe schon im Vorfeld der Krise gelernt, dass der Faktor Management bei der Beurteilung eines Fonds unglaublich wichtig ist. Durch die Krise bin ich noch sensibler geworden. Entscheidend bei der Beurteilung des Managements ist die Frage: „Kann der das, was er sagt?“
Tegtmeier: Bei uns hat sich bezüglich der Systematik unserer Ratings nichts verändert. Durch die Finanzkrise haben sich aber die Ergebnisse auf Basis der zugrunde liegenden Systematik verändert.
Appel: Wir setzen unsere Ratings nach ungefähr einem Jahr im Rahmen so genannter „Nach-Checks“ noch mal auf den Prüfstand und können dadurch relativ gut nachvollziehen, ob sie den heutigen Anforderungen, die wir an Kriterien wie z. B. der Sicherheit anlegen, noch entsprechen. Wir ziehen dann unsere Konsequenzen, indem wir die schon vorhandenen Kriterien anders gewichten oder die Kriterien selbst überprüfen. Investitionen mit der höchstmöglichen Substanzquote, d. h. dem Verhältnis von Jahresertrag zur Nettoinvestition, haben in der Krise die größten und besten Überlebenschancen.
finanzwelt: Halten Sie die Angaben zur Bonität des Emissionshauses und zum Fondsmanagement in den Prospekten für ausreichend? Müssen diese Faktoren in Krisenzeiten nicht massiver hinterfragt werden?
Appel: Diese Angaben reichten schon in der Vergangenheit nicht aus. Der Prospekt ist nicht mehr als eine Arbeitsgrundlage, die als Marketing- und Rechtssicherheitssubstrat von Anwälten und Marketingspezialisten erstellt wird. Doch die Antwort auf die Frage, was an Bonität und Schlagkraft des Initiators dahintersteht, erschließt sich erst aus einer umfangreichen Recherche.
Ewert: Ich finde es sinnvoll, die Angaben diesbezüglich zu erweitern. Allerdings werden die Prospekte dadurch immer umfangreicher. Wenn der Prospekt 200 oder 300 Seiten hat, schreckt das die Anleger eher ab.
Nerb: Angaben zur Bonität des Emissionshauses und zum Fondsmanagement würden den Anleger mündiger machen. Er wäre besser als bisher in der Lage, sich selbst eine Meinung zu bilden. Deshalb sollten diese Angaben auf jeden Fall gemacht werden. Nur wie umfangreich dies geschehen muss, ist sicherlich kontrovers zu diskutieren.
Tegtmeier: Die Beurteilung der Managementqualität erfolgt im Rahmen unserer auftragsunabhängigen Fondsratings anhand öffentlich zugänglicher Informationen. Eine Prüfung der Bonität des Managements lässt sich nur anhand teilweise vertraulicher Unterlagen durchführen. Dies ist mit einem großen Zeit- und Kostenaufwand verbunden und kann nur im Rahmen von Auftragsanalysen erfolgen, die entsprechend bezahlt werden.
finanzwelt: Ist nicht bei jedem Prospektnachtrag eine Ergänzung bzw. Korrektur der Rating-Ergebnisse erforderlich, weil frühere Rating-Ergebnisse dadurch möglicherweise nicht mehr stimmen?
Ewert: Ich fühle mich nicht verpflichtet, im Falle eines Nachtrags eine neue Analyse zu erstellen, außer bei gravierenden Verschlechterungen. Ich suche mir selbst aus, was ich analysiere. Wenn der Initiator Interesse an einer neuen Analyse hat, mache ich das gerne.
Nerb: Die Analyse ist stichtagbezogen. Wenn danach ein Nachtrag erstellt wird, hat das nichts mit der davor liegenden Analyse zu tun.





