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Healthcare

„Wir verkaufen, was keiner haben will“

© Foto: rgbspace - Fotolia.com

In der Gesundheitsbranche überschneiden und verstärken sich derzeit zwei Grundtrends, die für die Finanzmärkte große Bedeutung haben: Der demografische Wandel sorgt für veränderte und erweiterte Bedarfsstrukturen in den Industriestaaten und der wirtschaftliche Erfolg der Schwellenländer für wachsende Märkte: Mit steigendem Einkommen können sich die Bürger qualitativ wie quantitativ mehr medizinische Versorgung leisten.

Ein Blick auf den Chart 1 zeigt die Stärke des Anlagesegments: Es hat sich in der im Sommer 2008 beginnenden Krise deutlich besser gehalten als der allgemeine Markt. Ein nicht ganz unwichtiger Teil der Erklärung ist, dass die Gesundheitspflege eine weitgehend staatlich gesteuerte Branche und daher eher von politischen als konjunkturellen Zyklen abhängig ist. Ob sich erkennbarer medizinischer Bedarf in eine effektive Nachfrage nach Behandlungen und damit in Umsätze der Pharmaproduzenten und Medizintechnikanbieter verwandelt, hängt vom Willen und den Möglichkeiten der Parlamente und Regierungen ab.

Jüngstes Beispiel ist die von Präsident Obama durchgesetzte Gesundheitsreform in den USA. Zentraler Punkt: Die Quote der versicherten Bürger steigt von derzeit knapp über 80 % auf 95 %, weil die Versicherer verpflichtet werden, bislang ausgeschlossenen Gruppen Deckung zu geben und auch im Krankheitsfall nicht mehr so leicht kündigen oder die Prämien erhöhen können. Finanziert wird das zu einem guten Teil aus Zugeständnissen der Anbieter-Seite. Daher ist die „Reform“ keine radikale Veränderung, sondern lediglich eine von der Privatwirtschaft subventionierte Ausweitung des Versicherungsschutzes“, wie John Bowler, Analyst für den Gesundheitssektor beim britischen Asset Manager Schroders, meint.

Die Finanzierung nimmt sich tatsächlich wie ein typischer Kuhhandel auf der politischen Bühne aus: Jeder Teilbereich des Gesundheitswesens, von den Pillenlieferanten über die Krankenhausträger bis zu den Versicherern, beteiligt sich zunächst über eine Kombination aus höheren Steuern und Rabatten an den Kosten und erhält dafür die steigende Nachfrage, die dann Spielräume für die Preisüberwälzung eröffnet – worauf die Anbieter auch ganz klar setzen: „Letzten Endes werden diese neuen ‚Kosten‘ jedoch an die Patienten weitergegeben und zwar über höhere Preise, die sich ihrerseits in höheren Versicherungsprämien niederschlagen werden“, glaubt Bowler. Wobei dieser Trend noch verstärkt wird, weil keine Versicherungspflicht eingeführt wurde. Daher gilt bei vielen Analysten als sicher, dass vorwiegend die weniger gesunden und daher teureren Kunden die Chancen der Versicherung wahrnehmen werden. Folge: Das Risiko des Versichertenkollektivs steigt überproportional.

Unterm Strich bleibt aber vor allem eins: Die Politik wirkt wie ein Filter, der darüber entscheidet, ob und in welchem Maß Bedarf an medizinischen Leistungen in einem Land, einer Gesellschaft, auch zu effektiver Nachfrage werden kann. Und da hat Obama mit seiner Reform in den USA der Branche einen ordentlichen Schub gegeben, indem er ihr 32 Millionen neue Kunden zuführte. Zumal die Anbieter auch bei den Regulierungen „belohnt“ wurden mit besserem und länger laufendem Schutz vor Nachahmern. Die Analysten des Züricher Asset Managers Adamant Biomedical Investments kommen daher zu dem Schluss, dass vor allem „Innovatoren und Kostensenker“ profitieren werden, also Hersteller von Medizintechnik und nicht zuletzt medizinorientierte IT-Anbieter, mit deren Produkten Vernetzungen und daraus folgende Effizienzgewinne möglich sind. Daneben seien noch die Generika-Hersteller attraktiv.

Betrachtet man das Potenzial der Emerging Markets, dürften einige Anbieter geradezu goldene Zeiten vor sich haben: In den westlichen Industrieländern (USA, Europa) liegt der Anteil der Gesundheitskosten zwischen 10 und 15 % , in den Emerging Markets liegen diese Werte um 5 %. Und auch hier entsteht das wirtschaftliche Potenzial zunächst wieder durch politische Entscheidungen, wie etwa die Gesundheitsreform in China, die ebenfalls zu einer deutlich besseren Gesundheitsversorgung führen soll, was entsprechende Umsätze nach sich ziehen dürfte: Peking stellte dafür umgerechnet 124 Mrd. Dollar ins Budget. Bis 2012 sollen damit 90% der Bevölkerung über eine gesetzliche Krankenversicherung verfügen.

Daneben wächst mit dem Einkommen auch der Bedarf: Mit dem Fortschritt halten auch die üblichen Zivilisationskrankheiten Einzug. Aktuell wird die Diabetes vor allem in Indien und China zur Volkskrankheit, wie ein Papier der Adamant zum globalen Gesundheitsmarkt hervorhebt. Das Wachstum findet denn auch jetzt schon überwiegend in den Emerging Markets statt:

Anteile und Wachstum im globalen Gesundheitsmarkt

Region                                          

Anteil globaler Markt*

Wachstum*

Nord-Amerika                    

41 %  

2 %

Europa                                

32 %

6 %

Latein-Amerika                  

6 %

13 %

Asien (außer Japan)         

10 %

15 %

Japan, Australien, Neuseeland

15 %

3 %

*Bezugsjahr 2008, Quelle: Adamant

Angesichts dieses Schubs vor allem in Asien ist es wohl auch kaum verwunderlich, dass der Fonds Lacuna-Adamant Asia-Pacific Healthcare (LU0247050130) zu dem seit Anfang 2009 am besten laufenden Fonds zählte, der Chart 2 sagt da alles.

Die Branche bleibt indes immer ein wenig sonderbar, weil Schlagzeilen wie „Diabetesmarkt wächst“ als positive Nachricht gelten. Mehr Kranke sind mehr Umsatz, daher gilt letztlich wohl für alle Anbieter: „Wir verkaufen, was keiner haben will“, wie Oliver Walker, CFO der Schweizer Sonova AG, Weltmarktführer bei Hörgeräten, betont. Denn ob Hörgerät, künstliches Gelenk oder Zahnersatz: Niemand wünscht sich solche Produkte etwa als Geburtstagsgeschenk, es sei denn aus der Not heraus. Insofern bekommt in diesem Zusammenhang der Begriff Marketing einen etwas doppelbodigen Klang. Die Märkte wachsen allerdings auch ohne Nachhilfe, wie man in Asien sieht.

Das Anlagesegment Gesundheitsversorgung („Healthcare“) dürfte vor allem für langfristig orientierte Anleger interessant bleiben, besonders, wenn der regionale Schwerpunkt in Asien liegt.

(Martin Klingsporn)

Downloads:
Chart 1
Chart 2

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