Hauptnavigation & Suche:

Unternavigation:


Zurück zur Übersicht

Interview mit Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup

„Wirtschaft wächst wieder, Angst bleibt!“

Prof. Dr. Dr. h. c. Bert RürupProf. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup

Exklusiv-Interview mit Deutschlands Top-Vermögensexperten Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup

Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup ist einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftswissenschaftler. Bis Ende März 2009 war er Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Darmstadt sowie Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Rat der Wirtschaftsweisen“). Seit April 2009 ist er als Chefökonom für die AWD Holding AG tätig und berät die Unternehmen der Gruppe zu den Themen private und betriebliche Altersvorsorge.

finanzwelt: Vom Rentenpapst zum Finanzdienstleister, also von der Vogel- zur Froschperspektive. Wie fühlt sich so ein Wandel an?

Dr. Rürup: Gut. Nach meiner Emeritierung bringe ich nun meine Expertise, die ich in 35 Jahren Arbeit an der Universität aufgebaut habe, in meine neue Tätigkeit als Chefökonom bei AWD ein. Dabei leite ich jetzt ein kleines, aber exquisites Team junger Wissenschaftler. Ich denke, dies ist kein sehr großer Wandel meiner Tätigkeit. All das, was ich in der Vergangenheit entwickelt habe und wofür ich geworben habe, wird durch diesen Wechsel nicht falsch. Im Gegenteil.

finanzwelt: Wen beraten Sie? Den Vorstand, das Management, Sales-Force, oder bereiten Sie Argumente für Berater-Gespräche vor?

Dr. Rürup: Mein Institut ist dem CEO zugeordnet, und der Vorstandsvorsitzende Manfred Behrens ist mein Vorgesetzter. Mein Team und ich unterstützen die AWD-Gruppe mit Analysen und wissenschaftlicher Expertise. Dabei trete ich auch bei Veranstaltungen für Führungskräfte und Finanzberater auf und trage dort meine Einschätzungen zur konjunkturellen Entwicklung, den Konsequenzen der Finanzmarktkrise oder zu Trends in der Altersvorsorge vor.

finanzwelt: Sehen Sie sich die Protokolle der Beratungsgespräche der AWD-Mitarbeiter an und verbessern die Beratung, wenn nötig?

Dr. Rürup: Die Protokolle der Beratergespräche habe ich mir bislang noch nicht genau angesehen. Aber ich kenne die - im Übrigen exzellenten - Schulungsunterlagen.

finanzwelt: Was lernt der Anleger aus den aktuellen Krisenzeiten?

Dr. Rürup: Patentrezepte, die für jeden Anleger passen, gibt es nicht. Die Finanzkrise macht einmal mehr deutlich, dass nur tailor-made-Lösungen wichtig und richtig sind. Entscheidend ist letztlich die Qualität der individuellen Beratung, und ein Finanzdienstleister wie der AWD weiß, dass es eine doppelte Qualitätssicherung geben muss, und zwar hinsichtlich der Produkte wie hinsichtlich der Beratungsprozesse. Sie können davon ausgehen, ich werde meinen Beitrag für eine weitere Verbesserung dieser Prozesse leisten.

finanzwelt: Es gibt derzeit eine Diskussion zum Thema Prognosepräzision. Auch die Wirtschaftsweisen haben sich bei ihren Prognosen häufig geirrt. Warum ist der Irrtum die Regel?

Dr. Rürup: Die Prognosequalität des Sachverständigenrates war in der Vergangenheit weder besonders gut noch besonders schlecht. Was wir in der jüngsten Vergangenheit beobachten konnten, war das Ergebnis einer historisch nahezu einmaligen Doppelkrise, einer globalen Krise der Finanzmärkte und einer Rezession in nahezu allen wichtigen Wirtschaftsregionen. Einen so steilen Absturz der Auftragseingänge und der Industrieproduktion seit dem dritten Quartal 2008 hat es bislang nicht gegeben, und die bis dahin etablierten Prognosemodelle haben versagt. In diesem Jahr wird es bei uns zum kräftigsten Einbruch des Bruttoinlandsprodukts seit dem Zweiten Weltkrieg kommen. Aber ich sehe bereits eine Bodenbildung in der zweiten Hälfte diesen Jahres. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir den größten Teil des prognostizierten Rückgangs der Wirtschaftsleistung bereits hinter uns haben.

finanzwelt: Der AWD berät Kunden in Bezug auf ihre Vermögensbildung. Macht er das richtig, oder haben Sie festgestellt, dass man dies effektiver machen kann?

Dr. Rürup: Ich glaube es ist wichtig, dass es eine Finanz- und Vermögensberatung für den Normalverdiener gibt, wie sie der AWD anbietet. Kompetente Beratung in finanziellen Angelegenheiten sollten sich nicht nur Vermögende oder Gutverdienende leisten können. Auch wenn ich - gerade im Nachhinein - natürlich nicht jede einzelne Beratung beurteilen kann, so weiß ich, dass die für die Beratung und auch für die Schulung der AWD-Berater verwendeten Unterlagen sehr gut sind und sukzessive weiterentwickelt werden. Dies unterstützt definitiv die Qualität der Beratung.

finanzwelt: Renditen sind derzeit ein spannendes Thema. Wie viel Rendite kann ein Anleger erwarten, wenn keine Risiken erwünscht sind?

Dr. Rürup: Den risikolosen Zins würde ich derzeit bei etwa 3,5 % ansetzen. Jede höhere Rendite ist mit Risiken behaftet. Deshalb muss man nicht mit einem Totalausfall dieser Anlage rechnen. Je näher der Anleger ans Rentenalter kommt, desto stärker sollte er in risikoarme Anlageformen investieren. Für junge Menschen hingegen sind Aktien durchaus eine sinnvolle Anlageform. Wer glaubt, nur mit einem Produkt die für jeden richtige Lösung zu haben, irrt.

finanzwelt: Wie lange wird die Krise noch dauern?

Dr. Rürup: Die wirtschaftliche Situation dürfte sich im Laufe des Jahres entspannen. Da aber die Finanzkrise noch eine Zeit lang ihre Spuren in den Bankbilanzen hinterlassen wird, und die Kreditvergabe in der Zukunft weniger großzügig sein wird als in der Vergangenheit, erwarte ich, dass die Dynamik des nächsten Aufschwungs schwächer sein wird als die des letzten.

finanzwelt: Wie lange wird die Krise in den Köpfen der privaten Investoren nachhallen? Wie lange bleibt die Angst, bevor der Anleger wieder gierig wird?

Dr. Rürup: Die Angst wird noch eine Zeit lang bleiben. Sollte der Dax aber wieder markant ansteigen, werden die Anleger auch wieder Renditechancen suchen. Dennoch glaube ich, dass die Finanzwelt in einigen Jahren eine andere sein wird, als sie es in der Vergangenheit war. Ich erwarte eine stärkere Regulierung des Bankenbereichs und der Finanzmärkte und sehe auch ein schärferes Risikobewusstsein bei den Akteuren.

finanzwelt: Die jetzige Finanzkrise wird in der Presse häufig mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 verglichen. Halten Sie diesen Vergleich für zulässig?

Dr. Rürup: Dieser Vergleich wird oft gezogen, aber er ist mehr als schief. Die Situationen sind nicht vergleichbar - allein aufgrund der Tatsache, dass heute in allen Staaten sehr viel engere soziale Sicherungsnetze etabliert sind. Richtig ist jedoch, dass mit dem Konkurs von Lehman-Brothers aus einer Hypothekenkrise eine globale Finanzkrise geworden ist. Nach dem Konkurs dieser systemisch wichtigen Bank, der von der amerikanischen Regierung auf jeden Fall hätte vermieden werden sollen, stand das Weltfinanzsystem tatsächlich einige Wochen vor einem Kollaps. Wäre es dazu gekommen, dann hätte dies zu einer mit den Jahren 1929 bis 1932 vergleichbaren Weltwirtschaftskrise führen können. Man muss allen Regierungen und Zentralbanken ein Kompliment machen, denn sie haben intuitiv alles richtig gemacht, obwohl es keinerlei Blaupausen zur Bewältigung einer solchen Krise gab.

(Das Gespräch führte Dr. Dieter E. Jansen)


Zusatz-Informationen:

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

finanzwelt für unterwegs: Die neue finanzwelt-App bringt Ihnen die wichtigsten News des Tages auf Ihr Handy.

finanzwelt-App

finanzwelt.tv

Film: Alle Filme ansehen

Abo-Bestellung

Bestellen Sie die nächste Ausgabe der finanzwelt.

Jetzt abonnieren

Newsletter

Abonnieren Sie ab jetzt unseren kostenlosen finanzwelt-Newsletter.

Newsletter abonnieren

Fußzeile: