„...immer den besten Mann ungeachtet seines Geschlechtes“
Ökonomie der Diskriminierung
Ein prominentes Beispiel für die Diskriminierung von Frauen liefert Sandra Day O´Conner, die 1981 als erste Frau auf die Richterbank des Obersten Bundesgerichts (Supreme Court) berufen wurde.
Sie hatte 1952 ihr Jura-Examen an der bekannten Stanford University als eine der drei Jahrgangsbesten bestanden. Danach hätte sie aber bestenfalls als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei unterkommen können und das auch nur Dank persönlicher Beziehungen. Gleichzeitig konkurrierten die namhaftesten Kanzleien mit hoch dotierten Verträgen um ihre männlichen Kommilitonen mit den objektiv schlechteren Leistungen.Auch wenn es heute nur noch selten so krude zugeht, das grundsätzliche Problem bleibt bestehen: Wenn auf dem Markt für Berufsanfänger die schlechtere Qualität dauerhaft höhere Preise erzielt als die bessere, ist der Marktmechanismus
fühlbar gestört. Genau dieses Bild zeigt sich aber nach wie vor: Bei den Abschlüssen von der Grundschule bis zur Universität erzielen die Mädchen und Frauen auf allen Ebenen die besseren
Leistungen. Bereits beim ersten Schritt ins Berufsleben dreht sich das Verhältnis aber um. Je höher es die Hierarchien hinaufgeht, desto weniger Frauen sind vertreten. Und jeder Vergleich bestätigt, dass Frauen auf den jeweiligen Stufen auch heute im Durchschnitt schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen.
Gewöhnlich werden diese Entscheidungen mit der Floskel gerechtfertigt, dass die Vergabe der Stellen und die Auswahl des Führungspersonals „streng nach Leistung“ vor sich geht. Allerdings wird fast jeder Mann, der in der Konkurrenz einer Frau unterlegen ist, das Gegenteil bestätigen. Und tatsächlich ist die Mär von der „objektiven Leistung“ ein platter Blödsinn. Niemand ist in der Lage, sich auf ein abstraktes, geschlechtsloses Gegenüber einzustellen. Im Gegenteil: Experimentell arbeitende Verhaltensforscher kennen kaum einen leichter herstellbaren, stark wirkenden Stressfaktor, als die Versuchspersonen im Unklaren über das Geschlecht eines Gesprächspartners zu lassen.
Wie tief die Orientierungsgröße „Ge - schlecht“ in unseren Gehirnen verankert ist, zeigt eine bemerkenswerte Studie des US-Psychologen Geoffrey Miller von der University of New Mexico. Sein Ausgangspunkt: Im Laufe der Evolution verschwanden die äußerlich sichtbaren Kennzeichen der fruchtbaren Perioden. Das Verschleiern der Fruchtbarkeit interpretieren die Biologen als evolutionären Vorteil zugunsten der „Frauen“: Die „Männer“ müssen laufend ihre „Frauen“ bewachen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, fremden Nachwuchs aufzuziehen. Durch die Verschleierung binden die „Frauen“ ihre „Männer“. Mithin müsste es eine Art Rüstungswettlauf zwischen Verschleierung und Aufdeckung geben. Miller untersuchte diesen Zusammenhang dort, wo sich Attraktivität direkt in Geld niederschlägt, bei Tänzerinnen im Rotlichtmilieu, deren Einkommen hauptsächlich aus den Trinkgeldern der Gäste besteht. Aus Attraktivität wird direkt Geld. Er verglich dabei Tänzerinnen, die mit der Pille verhüten und damit ihren Zyklus weitgehend unterdrücken mit einer Gruppe, deren Zyklus unbeeinflusst bleibt. Das Ergebnis: Tänzerinnen mit hormonell unterdrücktem Zyklus verdienten pro Schicht durchschnittlich rund 185 USD. Das entsprach ungefähr dem, was in der zweiten Gruppe im Durchschnitt während der Menstruation erzielt wurde. In den fruchtbaren Tagen nahmen die Tänzerinnen der zweiten Gruppe dagegen durchschnittlich 335 USD pro Schicht ein.
Fazit: Offenbar sind die Wahrnehmungsfähigkeiten hoch entwickelt, dringen aber nur zum kleineren Teil ins Bewusstsein vor. Vor diesem Hintergrund wird die Fiktion einer „objektiven“ Bewertung von unspezifischen Fähigkeiten wie „Führungsqualität“ jedenfalls zur reinen Lachnummer.
Diese feine Wahrnehmung ist grundsätzlich wichtig, weil von daher die Erwartungen abgegrenzt werden, die jeder an eine Umgebung richtet: Niemand rechnet damit, dass Taxifahrer ihre Fahrgäste mit Espresso und Grappa bewirten, Vorgesetzte ihre schmutzigen Socken von ihren Mitarbeitern waschen lassen oder ältere Damen in einem Edelrestaurant betrunken grölend den Sieg ihres Fußballvereins feiern. Genau solcher Erwartungen wegen stecken Frauen mit Karriereambitionen in einer Zwickmühle: Nach oben kommt nur, wer klare Ambitionen zeigt und Forderungen stellt. Genau das werten weibliche wie männliche Vorgesetzte bei Frauen aber immer negativ, während zumindest männliche Vorgesetze sichtbaren Ehrgeiz bei männlichen Untergebenen sogar schätzen. Lassen Frauen ihren Ehrgeiz erkennen, werden sie negativ bewertet. Stellen sie aber keine Forderungen, stehen Sie bei Beförderungen immer hinten an. Die meisten Frauen verhalten sich entsprechend und verbergen lieber ihre Ambitionen, zumindest solange sie mit Männern konkurrieren müssen.
Dieses Muster wurde erstaunlicherweise ganz präzise auch in Unter suchungen bestätigt, die bei den Ingenieur-Studenten einer israelischen TU (Haifa) stattfanden. Die beteiligten Frauen stammten also aus einer Gruppe, die sich bewusst für ein Engagement in einer typischen Männerdomäne entschieden hatte - und dennoch bestätigte sich dort: Solange Frauen gegen Frauen konkurrieren, sind sie genauso ehrgeizig und erfolgreich wie Männer. Sobald die Konkurrenz zwischen den Geschlechtern beginnt, fallen sie ab, weil sie bewusst gegen ein Erwartungsmuster verstoßen müssen, dass die Männer bestätigt und unterstützt.
Unterm Strich bleibt also ein gestörter Markt. Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick paradox: Gerade eine althergebrachte Wirtschaftspolitik entsprechend etwa den Maximen eines Ludwig Erhardt müsste mit Maßnahmen wie etwa Quoten in den gestörten Arbeitsmarkt eingreifen. Denn ob nun Kartelle, Monopole oder eben soziale Hindernisse den Markt behindern: Am Ende verlieren immer alle, wenn die Politik nicht durch Ordnungspolitik für effizientere Märkte sorgt.
(MARTIN KLINGSPORN)







