Hauptnavigation & Suche:

Unternavigation:


Zurück zur Übersicht

Die Welt retten – mit der Einkaufstasche in der Hand

Asien

Angesichts der Krise in den USA und der damit schwächeren US-Nachfrage nach Importen aus Europa hängt viel davon ab, wie sich die Wirtschaft Chinas und seiner Nachbarn weiter entwickelt.

Die Chancen auf eine gewisse Kompensation stehen und fallen mit der Konjunktur in Asien. Die Aussichten in dieser Hinsicht sind nicht schlecht, wenn man Justin Yifu Lin, dem neuen Chef- Volkswirt der Weltbank und bisherigen Wirtschaftsberater der Pekinger Regierung folgt: Das Wachstum wird sich auf einen Trend um 8 % für die nächsten Jahre einpegeln, was gegenüber den bisher gewohnten zweistelligen Raten eine Beruhigung darstellt. Den vielerorts erwarteten Einbruch Chinas im Gefolge der US-Krise wird es nicht geben, erläuterte Lin im Rahmen eines Vortrags bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Die von einigen Analysten befürchtete post-olympische Rezession in China, wie es jeweils nach den letzten Spielen in Griechenland und Australien der Fall war, hält Lin für unwahrscheinlich. Sein Argument: „Aufgrund des insgesamt größeren Investitionsvolumens im Reich der Mitte hinterlassen die olympia-bedingten Ausgaben für Sportstätten, Hotels oder Verkehrsinfrastruktur keine nennenswerte Spur in der Investitionsstatistik. Rein statistisch ist daher in China auch nicht mit einem Einmal-Effekt samt folgendem Einbruch zu rechnen. Im Gegenteil: Der Trend mit Investitionsquoten um 25 % vom BIP hat nach Lins Prognose weiter Bestand. Es bestehe nach wie vor ein enormer Nachholbedarf an Investitionen.

Schwerpunkte der Investitionen sind für die nächsten Jahre die hinter der Industrie nachhinkende Infrastruktur, vor allem in Verkehrswege und Energieversorgung, sowie die generelle Modernisierung („upgrading“) der Industrie. Der technologische Rückstand drückt sich deutlich in der vergleichsweise schlechten Energieeffizienz der Produktion aus: China braucht weit mehr als doppelt so viel Energie pro Einheit Output wie die westlichen Industriestaaten. Hinzu soll ein fühlbar anziehender privater Konsum kommen, in dem sich die mit dem allgemeinen Wachstum kräftig gestiegenen Einkommen niederschlagen. Lin stellte allerdings auch klar, dass sich an den Grundzügen der Wirtschaftspolitik nichts ändern werde: Der Yuan wird weiter moderat und kontrolliert aufwerten wie in den letzten Quartalen, einen stärkeren Schub werden die Währungsbehörden ebenso wenig zulassen wie eine weiter gehende Öffnung des kurzfristigen Kapitalverkehrs. Die Erfahrungen in Lateinamerika und den südlichen Nachbarn in den 90er Jahren sprechen ganz eindeutig dagegen. Im Hinblick auf die Direktinvestitionen und den Warenhandel soll es dagegen bei den weitgehend offenen Grenzen bleiben. „China ist das wirtschaftlich offenste Land der Welt“, betonte Lin in diesem Zusammenhang.

Diese optimistische Prognose wird gestützt durch eine Studie zum Verhalten der neuen Mittelklasse, die sich in vielen Schwellenländern im Zuge des Aufschwungs der letzten Jahre gebildet hat. Das erstaunliche Ergebnis der beiden MIT-Ökonomen Abijit Banerjee und Esther Duflo: Die neue Mittelklasse definiert sich weniger über die traditionell hervorgehobene unternehmerische Neigung, sondern über den Konsum. Das Ideal dieser Mittelschicht ist nicht der risikobereite Selbstständige, sondern der Angestellte mit einem sicheren Monatseinkommen. Die trotzdem zu erkennende stärkere Orientierung zur selbständigen Tätigkeit ist der auf umfangreicher Feldforschung beruhenden Studie zufolge eher dem Mangel an Möglichkeiten geschuldet. Die Konsumpräferenzen zeigen das aus der westlichen Welt erkennbare Muster: Bildung, Gesundheit und Unterhaltung (Medienzugang) sind die wichtigsten Orientierungspunkte. Von daher scheint der in den optimistischeren Wirtschaftsprognosen zugrunde liegende Konsumanstieg Chinas (wie auch in den anderen asiatischen Boomländern) durchaus gerechtfertigt. Die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben – eine gute Nachricht für die Handelspartner in Europa.

Trotz dieser positiven Grundstimmung sind die gravierenden Probleme nicht zu verkennen: Die Regierung in Peking sieht sich zum schnellen wirtschaftlichen Erfolg verdammt, weil nur so starke soziale Spannungen aufgefangen werden können. Die Linie der nächsten Jahre steht daher unter dem Motto „the people first“. Konkret gemeint ist damit ein kräftiger Schub zugunsten des privaten Konsums, der nach den von Lin vorgestellten Projektionen der Regierung zukünftig in etwa im Gleichschritt mit den Einkommen wachsen soll. Damit soll der laufend verschärfte Gegensatz zwischen Gewinnern und Verlierern der wirtschaftlichen Öffnung Chinas und des daraus folgenden Booms gemildert werden. Dringendstes Problem ist nach wie vor das krasse soziale Gefälle von den städtischen Zentren zum Land, das die starke Abwanderung in die Boomzonen in Gang hält. Daher müssen laufend genug neue Jobs in den städtischen Zentren entstehen. Hinzu kommt eine, für die offiziell immer noch kommunistische Regierung problematische öffentliche Wahrnehmung eines wachsenden Abstands zwischen Arm und Reich.

Nicht so leicht erkennbar, aber trotzdem gravierend ist ein Strukturproblem: Die Spannung zwischen einer schnell liberalisierenden Wirtschaft und einem politisch und fiskalpolitisch unverändert zentralisierten System wächst stark. Das sei ein „Schönheitsfehler“ in einem alles andere als „perfekten Wirtschaftssystem“, so Lin. Die staatlichen Ebenen unterhalb der Zentralregierung (vor allem Provinzen und Kommunen) haben nur sehr wenig finanzielle Bewegungsfreiheit. Den lokalen Instanzen mangelt es an eigenen Steuerungsinstrumenten und nicht zuletzt auch daher an Initiative, bei konkreten Problemen autonom zu handeln. Sie sind weitgehend von Transfers der Zentralregierung abhängig. Auch hier kommt wieder eine wachsende wirtschaftliche und soziale Spaltung zum Vorschein: Die Gebietskörperschaften konkurrieren um Aufmerksamkeit und Finanzmittel der Pekinger Zentralbehörden. Auch hier haben die Erfolgreicheren die Nase vorn, was den Abstand zu den „non-haves“ vergrößert.

Aus Anlegersicht sind die Perspektiven erfreulich: Zunächst bleibt damit ein attraktives Ziel für Investments erhalten. Zudem steigt die Chance, dass sich die US-Krise tatsächlich auf die USA be - schränken lässt.

(Martin Klingsporn)


Zusatz-Informationen:

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

finanzwelt für unterwegs: Die neue finanzwelt-App bringt Ihnen die wichtigsten News des Tages auf Ihr Handy.

finanzwelt-App

finanzwelt.tv

Film: Alle Filme ansehen

Abo-Bestellung

Bestellen Sie die nächste Ausgabe der finanzwelt.

Jetzt abonnieren

Newsletter

Abonnieren Sie ab jetzt unseren kostenlosen finanzwelt-Newsletter.

Newsletter abonnieren

Fußzeile: