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Arbeitslosigkeit beginnt im Kindergarten

Bildung

Bildung wurde durch Ansprüche der industriellen Technik an die Beschäftigten zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor.

Im damals führenden Industrieland Großbritannien beschloss das Parlament 1902 eine weitreichende Bildungsreform, die die Schulpflicht ausweitete und den Zugang zu den Universitäten erleichterte. Dabei folgten die Stimmen der Abgeordneten nicht den Fraktionsgrenzen, sondern der Beschäftigungsstruktur ihrer Wahlkreise. Wo die Industrie dominierte, gab es Zustimmung. Die von der Landwirtschaft geprägten Regionen sahen die Modernisierung als Bedrohung und lehnten sie ab. Schon damals waren alle Debatten über Bildungssysteme und -reformen hochpolitisch. Hier fallen wichtige Vorentscheidungen darüber, wer die Chance zum Aufstieg erhält, wer vorlieb nehmen muss und wer ausgegrenzt und ins Ghetto der staatlichen Sozialsysteme eingesperrt wird. Das gilt auch für die Debatte Standort Deutschland nach dem PISA-Schock. Hinter dem Klassenkampf gegliedertes Schulsystem gegen Gemeinschafts- oder Gesamtschule lassen sich 3 Grundprinzipien des Bildungserfolgs festhalten: Die besten Köpfe als Personal gewinnen, die Motivation erhalten und möglichst früh bei den Kindern ansetzen. Das klingt banal, ist es wohl auch und trotzdem ist die deutsche Realität weit davon entfernt. Die deutschen Lehrer insgesamt werden im internationalen Vergleich ordentlich bezahlt, daran fehlt es nicht. Allerdings fällt beim Vergleich der Rekrutierung auf, dass bei den PISA-Siegern eine Tendenz besteht, am Anfang der Ausbildung eine schärfere Auswahl vorzunehmen, im Gegenzug aber eine formelle oder wenigstens implizite Beschäftigungsgarantie für die Absolventen zu bieten. Diese Aussicht auf Sicherheit lockt gute Köpfe an.

Wirklich problematisch ist aber die Schichtung innerhalb des Personals, die den beiden anderen Prinzipien entgegensteht. Am höchsten bezahlt bei der niedrigsten Arbeitsbelastung sind die Studienräte, die in den Gymnasien mit einer günstigen sozialen Auswahl von Schülern arbeiten und verhaltsauffällige Zöglinge allenfalls als Ausnahme kennen. Ihr Alltagsgeschäft ist die Stoffvermittlung auf dem Niveau der studentischen Hilfskräfte, die Tutorien und Übungen im Grundstudium der Universitäten betreuen. Das letzte Jahr vor dem Abitur und das erste Jahr auf der Universität unterscheiden sich nicht allzu sehr. Von da aus geht es abwärts bei der Bezahlung und aufwärts mit der geforderten Stundenzahl und der Belastung durch pädagogische Probleme.

Ganz unten stehen die Erzieherinnen in den Kindergärten, die die Verhaltensstörungen ungefiltert in der ganzen Bandbreite von den sozialen Problemen bis zu den Spannungen der real existierenden Multikulti-Gesellschaft auffangen müssen. Allein schon die Bezeichnung sagt alles über den Status und die Bezahlung. Es ist ein reiner Frauenberuf. Genau hier aber werden kaum revidierbare Vorentscheidungen für die weiteren Chancen der Kinder getroffen. Unsere Fähigkeiten werden stufenweise aufgebaut. Wo die ersten Grundlagen, etwa die Sprache oder die soziale Kompetenz schwach entwickelt sind, werden damit alle weiteren anschließenden Möglichkeiten des Lernens empfindlich eingeschränkt. Eine US-Langzeitstudie fasste die Bedeutung in Zahlen: Eine gezielte Frühförderung von Kindern aus Problemfamilien in diesem Alter ergab eine rechnerische Rendite von etwa 17 % für das vom Staat aufgewendete Geld. Die Vorteile fallen zum einen an in Form von höheren Einkommen und daraus ge zogenen Steuern und daneben auch in Form sinkender sozialer Kosten durch geringere
staatliche Zuwendungen und weniger Kriminalität. Basis war der Vergleich mit einer Kontrollgruppe ohne Förderung. Unser Staat setzt bei den Verwendungen mit der höchsten Rendite die geringsten Mittel ein.

Um die Motivation des Personals steht es generell schlecht, weil sich durch das ganze System eine Todsünde der Mitarbeiterführung zieht: Es gibt kaum nennenswerte Belohnungen für gute Leistungen, allenfalls einen warmen Händedruck der Eltern. Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Beförderungs chancen sind wie im öffentlichen Dienst üblich fest reglementiert. Und selbst für die Verfügbarkeit von Sachmitteln, die wenigstens ab und an das Außergewöhnliche in Projekten möglich machen, spielen Leistung und Engagement keine Rolle.

Wundert sich jemand über die Ergebnisse?

(MARTIN KLINGSPORN)


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