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Fondsgedanken

Branchenfonds: „falling angels“

Seit nunmehr 28 Monaten tobt der Bär durch die Börsensäle der Welt. Längst hat die „Baisse“ überdurchschnittliche Ausmaße angenommen. Denn statistisch gesehen dauert eine Phase fallender Kurse im Schnitt nur etwa zwölf Monate. Auch die Größenordnung der Kursabschläge liegt mittlerweile über den Verlusten aus durchschnittlichen Marktkorrekturen. Man könnte folglich die Schlussfolgerung für sich ziehen, dass die Chance, endlich nach langer Zeit wieder an Kursgewinnen partizipieren zu können, mit jedem Tag wächst, und das Risiko weiterer Kursverluste abnimmt. Man kann allerdings im Umkehrschluss, und das ist gerade jetzt bei vielen Anlegern zu beobachten, auch erst richtig nervös werden.

Ob man nun zu den „Optimisten“ oder den „Pessimisten“ gehört, eines dürfte den meisten Anlegern aktuell gemeinsam sein: Die wachsende Frustration, die niemand gerne eingesteht. Der Börsenverlauf des Monats Juli hat mit seinen erneuten heftigen Kursabschlägen viele Gemüter zermürbt. Ein Unterschreiten der Kurse vom 21. September 2001 hatten viele Investoren nicht erwartet. Nach einer technischen Erholung sieht es nun in diesen Tagen vor dem Hintergrund eines drohenden neuen Golfkrieges sogar so aus, als würde man die Tiefststände ein weiteres mal testen müssen. Noch sind die Abwärtstrends intakt. Bei aller Angst der Anleger vor Terrorismus, irakischen Diktatoren und sinkendem Konsumentenvertrauen sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Börsen die Eigenheit besitzen, irgendwann einmal einen kurstechnischen Boden auszubilden und wieder zu steigen. Es gibt somit keinen Grund, wie gelegentlich zu hören ist, dem Produktivkapital in Form von Aktien generell auf Jahre den Rücken zuzuwenden und Kapitalbildende Lebensversicherungen, Bausparverträge und Festgelder wieder zum Maß aller Dinge zu ernennen. Wer so pauschal und rückwärtsgewandt denkt, sollte sich übrigens einmal daran erinnern, dass die längste Hausse des letzten Jahrhunderts ebenfalls mit einem Golfkrieg eingeläutet wurde.

Mindest ebenso wichtig wie die Frage nach der Grundhaltung gegenüber der Börse erscheint mir allerdings die Ausrichtung der Depots und die Strategie, mit der man als Investor von der nächsten Aufwärtsbewegung profitieren will. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Branchenfonds in der Gunst der Anleger mehr als gesunken sind. Fast möchte man von „falling angels“ sprechen. In der Boomzeit rissen sich die Anleger um die Branchenfonds. Es konnte nicht speziell genug sein. In diesem Zusammenhang sei an Internetfonds, Telekommunikationsfonds etc. erinnert. Seitdem die New Economy aber den „Rückwärtsgang“ eingelegt hat und sich die Verluste in den entsprechenden Fonds türmen, sind die „Spezialisten“ in der Gunst der Anleger erst gesunken und im Anschluss schlicht abgestürzt. Schon seit Monaten können in den Branchenfonds kaum noch Mittelzuflüsse verzeichnet werden. In der Boomzeit hatten die Investmentgesellschaften Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts zunächst ihre Produktpaletten ausgeweitet und müssen heute feststellen, dass überwiegend ihre „altbewährten“ Generalisten innerhalb des eigenen Angebots frequentiert werden. Die Nachfrage nach den Branchenfonds ist teilweise so gering, dass die erst zum Ende der Euphorie aufgelegten Produkte so niedrige Volumina zu verzeichnen haben, dass sich bei einzelnen Vertretern schon deren Schließung anbietet bis aufdrängt.

Dabei bleibt festzuhalten, dass sich an den Begründungen, die einstmals für Branchenfonds angeführt wurden, nichts geändert hat. Auch weiterhin sind abnehmende Länder und zunehmende Brancheneffekte weltweit zu verzeichnen. Die Korrelationen der Aktienkurse von einzelnen Unternehmen zu denen ihrer Wettbewerber sind nach wie vor zumeist höher als zum Schnitt der regionalen Märkte. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Diversifizierung eines Portfolios erscheinen Branchenfonds als geeignete Instrumente. Belegen lässt sich das eindrucksvoll mit dem Beispiel Gold und Edelmetalle. Gut 34 Prozent Wertzuwachs lieferten die in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen Goldminen-Fonds im vergangenen Jahr ab. Und auch im laufenden Jahr liegen sie wieder zweistellig im Plus. Eine negative Korrelation zu den anderen Aktienmärkten mag die Ausnahme sein, aber auch andere Branchen eignen sich zur Diversifizierung. Industrierohstoffe und Öl dürften einerseits von einer konjunkturellen Erholung profitieren gerade der Erdölpreis wird aber auch von etwaigen Krisenszenarien berührt. Vor diesem Hintergrund bieten sich aktuell auch Rohstoff- und Energiefonds an. Wer freilich Branchenfonds nur auf das Thema Hightech-Fonds verkürzt, hat in den letzten zweieinhalb Jahren schlechte Erfahrungen gemacht. Wie überhaupt ein spätes Aufspringen auf euphorisch gefeierte Trends selten belohnt wird. Gerade antizyklisch handelnde Anleger sollten auf die Möglichkeit, bestimmte Branchen und Sektoren zeitweise höher zu gewichten, nicht verzichten. Von daher sollten folgende Ergebnisse für die strategische Planung festgehalten werden. Entweder überlässt man die Gewichtung der Regionen und Branchen den Managern breit streuender international anlegender Aktienfonds und misst den Erfolg des einzelnen Fonds an der Rendite vergleichbarer Produkte („buy and hold“ Strategie), oder man baut seine Portfolios auch weiterhin in Eigenregie und betreibt aktives Fondspicking. Dann haben allerdings auch Branchenfonds weiterhin ihre Daseinsberechtigung und sollten Berücksichtigung finden. In diesen Tagen vielleicht sogar besonders. Denn: In einzelnen besonders stark abgestraften Branchen bieten sich die aktuellen Niveaus zum schrittweisen Neu-Einstieg an. So scheinen z.B. bei zahlreichen Telekommunikations-Unternehmen attraktive Kurse erreicht zu sein. Auch in der Pharma und vor allem der Biotechnologiebranche sind Erholungstendenzen erkennbar. Gerade bei den Biotechnologie-Unternehmen erweist sich die zweite Jahreshälfte eher als die interessantere, was auf die im Herbst stattfindende Berichtssaison zurückzuführen ist, während neue Forschungsergebnisse und Unternehmensdaten bekannt gegeben werden. Derzeit notieren die Biotech Werte, gemessen am Amex-Biotechnologie Index, auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren.

Entscheidend kommt es darauf an, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Branchenfonds künftig generell zu verteufeln, wird sich als keine angemessene Konsequenz erweisen. Vielmehr kommt es auf den umsichtigen Umgang mit dieser Form der Fonds an. Umsichtig umfaßt in diesem Zusammenhang vor allem die angemessene Gewichtung im Portfolio, zudem aber auch die Auswahl der Branchen.

(Björn Drescher)


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