Wertewandel in der Finanzdienstleistung
Das „Große Ganze“

Die Finanzkrise hat uns gelehrt, wie fragil unser Wirtschaftssystem ist und von wie wenigen Protagonisten wir abhängig geworden sind. Die Auswirkungen der Finanzkrise kann man durchaus als „Super-Gau“ für sehr viele Menschen, Unternehmen, Volkswirtschaften und das „Große Ganze“ bezeichnen.
Jedem ist klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann und sich eine vergleichbare Situation nicht wiederholen darf. Wir alle, weltweit, werden viele Jahre an den Folgen dieses „Gaus“ zu tragen haben. Die Wirkung geht weit über die vernichteten Billionen Dollar hinaus. Durch die Finanzkrise steht letztendlich unser Wirtschaftssystem auf dem Prüfstand. Grund genug, tiefer zu gehen und sich genauer Gedanken über die Entwicklungen in den letzten zwei Jahrzehnten zu machen. Fakt ist, dass diese Krise nicht von Maschinen verursacht wurde, sondern von Menschen. Man kann mit ruhigem Gewissen sagen, von Menschen, die in erster Linie mit „Finanzen“ als Oberbegriff zu tun haben.
Oscar Wilde sagte einmal: „Ein Zyniker ist ein Mensch, der den Preis von allem kennt, aber den Wert von gar nichts.“
Kann das zerstörte Vertrauen wieder gewonnen werden, wo liegen die Lösungsansätze? Vielleicht hilft folgende Aussage, zumindest die gemachten Fehler nicht mehr zu wiederholen:
„Basierten unsere Entscheidungen einst auf der Ethik, basiert die Ethik jetzt auf unseren Entscheidungen.“
Wertewandel geht uns alle an. Wenn wir für uns eine Entscheidungsformel finden wollen, können wir, ohne dass es uns etwas kostet, auf eine der besten zugreifen, die „Goldene Regel“:
„Behandle jeden Menschen so, wie Du selbst gerne behandelt werden möchtest.“
Interessant ist übrigens, dass diese Formel in den verschiedensten Kulturkreisen bekannt ist. Offensichtlich ist es wirklich ein grundsätzliches Bedürfnis der Menschen, in Frieden, Klarheit, mit Wertschätzung und ohne gegenseitige Übervorteilung zu leben.
Unterschiedlichste Untersuchungen zeigen, dass ethisch handelnde Unternehmen langfristig deutlich erfolgreicher sind als Unternehmen, die keinem schlüssigen ethischen Leitbild folgen. Viele dieser Unternehmen haben ein kontinuierliches Wachstum, sind weniger krisenanfällig, und können überdurchschnittliche Ergebnisse vorweisen. Es sind Einflussfaktoren, die sich z. B. auf die Bereiche Produktivität, Mitarbeiterloyalität, höhere Kundenloyalität, Fluktuationskosten, Sozialkosten, Innovationsfähigkeit usw. auswirken. Wertewandel ist mehr, als die Unternehmensleitsätze an das „Schwarze Brett“ zu heften und in Hochglanzbroschüren zu veröffentlichen. Werte müssen gelebt und vorgelebt werden.
„Werte“ können wir aus unterschiedlichster Sicht betrachten: der Soziologie, der Psychologie, der Philosophie, der Religionen usw. Immer besteht ein Bezug zu Moral, Ethik und dem „Großen Ganzen“. Wenn Krisen, wie die Finanzkrise oder gesamtwirtschaftliche Krisen, ihre Wirkungen zeigen, beginnt das große Grübeln. Die Frage nach dem Sinn entsteht! Das „Warum“, „Wieso“, „Wofür“ will plötzlich, möglichst einfach, beantwortet werden.
Wir Menschen haben uns signifikant individualisiert, dabei haben wir viel gewonnen, aber auch eine zerbrechlichere Welt geschaffen. Dauerhafte soziale Bindungen sind schwieriger und fragiler geworden, der innere Halt des Menschen ist dadurch stark gefährdet. Die Folgen dieses gesellschaftlichen Paradigmenwechsels zeigen sich in Form von Narzissmus, Egomanie, Gier, „Geiz ist geil“-Haltung, Gleichgültigkeit, Übervorteilung usw.
Die „Welt der Finanzen“ tut gut daran, über ihre Ausstrahlung und Anziehungskraft nachzudenken. Wer Renditen und Gewinne hochpriorisiert und über den gesellschaftlichen Gesamtnutzen stellt, trägt aktiv dazu bei, die der nachhaltigen „Lebenskonten“ zu leeren. Ein gesundes Werteverständnis, das sich am „Großen Ganzen“ orientiert, ist eine wesentliche Bedingung für das Überleben unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftsystems. Wer Leistung will, muss Sinn bieten.
(Karl-Hermann Schilling, Spielberger und Schilling GbR)







