Naher Osten
Das Morgenland wacht auf
© Foto: Westa Zikas - Fotolia.comDie Region wird eher mit politischen Problemen, Gewalt und Krieg in Verbindung gebracht. Sie bietet aber nicht nur Militär- sondern auch Investment-Strategen interessante Gelegenheiten.
Im Nahen Osten liegen einige sehr interessante Märkte, die nicht mehr nur unter Emerging Markets zu fassen sind: Israel wurde aus dem MSCI Emerging Market Index herausgenommen und wird jetzt als Industrieland geführt. Hintergrund sind die wirtschaftlichen Kennzahlen, die anzeigen, dass das Land aus dem Emerging Market Status herausgewachsen ist.
Die Entscheidung selbst fiel schon 2009, der Vollzug wurde aber in dieses Jahr verschoben, was – ob Absicht oder nicht – den Investmentgesellschaften die Gelegenheit gibt, sich richtig aufzustellen. Mit Israels Aufstieg ist die ganze Region interessanter geworden. Die Wiege der Zivilisation ist nicht mehr nur für Archäologen, Historiker und Touristen interessant, auch Investoren finden hier attraktive Möglichkeiten. Hier gibt es eine relativ junge Bevölkerung, die zudem in aller Regel über eine gute Bildung verfügt. Wie in Asien oder Lateinamerika spielen die Konsumorientierung und städtische Lebensweisen nach westlichem Muster auch entlang der islamischen Seite des Mittelmeers von der Türkei bis nach Marokko sowie zur arabischen Halbinsel eine immer größere Rolle. „Im Vergleich zu den westlichen Industrienationen sind die Menschen in den MENA-Staaten jünger und die Bevölkerung wächst schneller, woraus sich ein positiver Effekt für die wirtschaftliche Entwicklung der Region ergibt. Ägypten beispielsweise hat eine Bevölkerung von ca. 75,5 Millionen Menschen, von denen 32,3 %, also über 24 Millionen, unter 14 Jahren sind. Da mehr und mehr Menschen in die Arbeitswelt eintreten, vergrößert sich die Mittelklasse, und die Durchdringung mit Krediten steigt. Ausgehend davon rechnen wir mit einem starken Anstieg bei den Verbraucherausgaben", beschreibt Ghadir Abu Leil-Cooper die Perspektiven, die sich aus diesem Wandel ergeben. Sie managt den jüngst von der britischen Barings Asset Management lancierten Investmentfonds mit dem Schwerpunkt Nahost und Nordafrika, der in der englischen Nomenklatur unter „Mena“ (Middle East, North Africa) geführt wird (IE00B63QVC53).
Wieder interessant wird die Golfregion durch Bestrebungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), den Aktionsradius ausländischer Investoren innerhalb der VAE, vor allem in Dubai, nach dem Konzept der „free zones“ und „free holds“, zu erweitern. Hier sind offenbar auf Dubais Initiative weitere Lockerungen im Gespräch, insbesondere die Möglichkeit, dass Ausländer sich auch an Unternehmen außerhalb der „free zones“ beteiligen können. Allerdings haben konservativere Kräfte (namentlich aus Abu Dhabi) wohl schon im Vorfeld durchgesetzt, dass Ausländer keinen beherrschenden Einfluss auf „strategische Sektoren“ wie das Ölgeschäft erhalten dürfen. Da das Gesetzgebungsverfahren noch läuft, wird man abwarten müssen, wie viel Spielraum am Ende wirklich neu entstanden ist. Die Zielrichtung ist aber erkennbar: Ausländern sollen mehr Investmentchancen eingeräumt werden.
„Das Öl ist irgendwann erschöpft, es werden also neue Entwicklungsmöglichkeiten benötigt“, ordnet Uwe Zimmer, Vorstand der Kölner Investmentgesellschaft Meridio Vermögensverwaltung AG, die Perspektiven für die Golfregion ein. Aber auch in den bevölkerungsreichen nordafrikanischen Staaten findet aus seiner Sicht ein kultureller Wandel statt, der sich auf den Austausch mit dem französischen Raum stützt: „Bei den in Frankreich lebenden Verwandten und Freunden können die jungen Algerier und Marokkaner sehen, dass man in einem westlich geprägten Sinne wirtschaftlich erfolgreich sein kann, ohne auf die islamische Identität zu verzichten.“ Damit wird eine wichtige Grundlage für eine selbsttragende Entwicklung gelegt.
Dieser Ausgleich zwischen modernen und traditionellen Werten findet auch bei den in Deutschland lebenden Muslimen statt. Konsequenz: Es gibt im Privatkundengeschäft in Deutschland eine zunehmende Nachfrage nach Islam konformen Anlageangeboten, die die Meridio in einer Marktstudie unter die Lupe nehmen ließ. Demnach erzielen die rund 4,3 Mio. in Deutschland lebenden Muslime ein Jahreseinkommen zwischen 16 und 20 Mrd. Euro und verfügen über ein Geldvermögen zwischen 22 und 38 Mrd. Euro. Rund 70 % von dieser Gruppe haben Interesse an Islam konformen Finanzprodukten, hauptsächlich aus ethischen Gründen. Das Marktpotenzial für Islam konforme Produkte beträgt rund 1,2 Mrd. Euro pro Jahr. Dieses beachtliche Potenzial wird kaum ausgeschöpft mangels qualifiziertem Angebot. Weniger verwunderlich: Die Meridio ist in diesem Markt mit ihrem Meridio Global Islamic Multi Asset (LU0442310859) präsent und hat so konsequent die Entwicklung vom Spezialisten für die MENA-Region zum Anbieter für muslimische Kunden vollzogen, wobei ein konventioneller Fonds der Meridio Arab World (LU0269579586), weiter im Angebot ist.
Geografisch sind die Fonds auf die Region zwischen Türkei, Ägypten und der arabischen Halbinsel ausgerichtet. Leicht abweichend davon gibt es noch einen Israel 60 Plus (LU0373465433) aus dem Geno-Bereich, der lediglich Aktien aus Israel und den direkten Nachbarn Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon berücksichtigt, also vor allem Saudi-Arabien und die Golfstaaten ausblendet.
Eine interessante Alternative bietet der israelische Staat, für dessen Anleihen auf Dollar- und Eurobasis es einen zumindest ansatzweise liquiden Markt hierzulande gibt. Wer im derzeit unter Zinsrisikoaspekten günstigeren Bereich um 5 Jahre bleiben will, erzielt mit dem Eurobond des Staates Israel (Laufzeit Oktober 2015, Kupon 3,75 %, ISIN XS0231422444) derzeit eine Rendite von 3,37 % bei einem Rating A1. Wer die 5 Jahre länger laufende Alternative (Laufzeit 2020, ISIN XS0495946070, Kupon 4,625) nimmt, erzielt dann mit 4,56 % schon einen schönen Renditeaufschlag gegenüber den Bundespapieren, nimmt aber wie gesagt ein gewisses Zinsänderungsrisiko in Kauf, sofern nicht über die ganze Laufzeit gehalten wird. Vom Chancen-Risiko-Profil her sind diese Papiere aber sehr interessant.
(Martin Klingsporn)







