Hauptnavigation & Suche:

Unternavigation:


Zurück zur Übersicht

Leichte Besserung?

Das Vermögen der privaten Haushalte

Nimmt man die alljährlich von der Bundesbank vorgelegten Zahlen zu den Finanzierungsströmen unserer Volkswirtschaft beim Wort, gibt es Gründe für vorsichtigen Optimismus: Die Anzeichen einer langsam beginnenden Normalisierung werden greifbar – wenn man die offizielle von der Bundesbank verkündete Diagnose vergisst und sich an die Fakten hält.

Nirgendwo wird der Kern der Krise deutlicher sichtbar, als auf der Verwendungsseite des neuen geschaffenen Vermögens der privaten Haushalte. Dort wird eine sprunghaft steigende Neigung zur Bargeldhaltung sichtbar: In den vier „schwarzen Jahren“ 2002 bis 2005 verschwinden auf diesem Weg jeweils zwischen 3,1 und 6 Prozent des verfügbaren Einkommens der Haushalte zunächst einmal in der Bargeldhaltung (siehe Grafik 1). Die Neigung zur Bargeldhaltung wird nur dann so stark, wenn sich die Beteiligten zumindest subjektiv großen Risiken ausgesetzt wähnen. Dieses Verhalten spiegelt insoweit den Angstfaktor im Verhalten der privaten Haushalte wieder: Sinkende Arbeitsplatzsicherheit („Flexibilität“ bei hohem Niveau der Arbeitslosigkeit) und ausgedünnte Systeme der sozialen Sicherung bewegen viele Haushalte dazu, finanzielle Polster anzulegen und den Anteil der leicht verfügbaren Anlagen hoch zu halten.

Um die Größe dieses Schocks einzuordnen ein Vergleich: Der deutsche Export in die USA – immerhin zweitgrößter Abnehmer deutscher Waren – erreichte 2005 nach Angaben des statistischen Bundesamtes 69,3 Mrd. Euro und Frankreich kaufte als größter Handelspartner sogar für rund 79 Mrd. in Deutschland ein. Der absolute Nachfrageverlust durch die Bargeldhaltung der Haushalte schwankte zwischen 44,6 (2004) und 83,4 Mrd. Euro (2002). Diese Schwäche der Binnennachfrage hat in den letzten Jahren mithin Ausmaße angenommen, die jeweils dem kompletten Ausfall eines unserer Top-5 Handelspartner entspricht. Man muss also nicht gleich über Steuern, Lohnkosten und verkrustete Märkte reden bei dem Versuch, die Ursachen der deutschen Krise zu identifizieren.

Immerhin scheint sich der Trend der Bargeldhaltung zu stabilisieren, wenn auch auf hohem Niveau. Er hat zur Kon- sequenz, dass die privaten Haushalte immer weniger Fremdmittel aufnehmen: Lag die Kreditaufnahme der Haushalte in der Summe bis 1999 noch bei jährlich deutlich über 70 Mrd. Euro, ist diese Position 2005 sogar ins Minus gerutscht: Die Haushalte zusammengenommen zahlten mehr Kredite zurück, als sie neu aufnahmen. Dieser Entwicklung in der Summe entspricht der Erfahrung, dass Finanzierungen auf Anlegerebene seltener nachgefragt werden: Wenn die Kundschaft sich zur Anlage entschließt, ist das Geld meist auch vorhanden, die Liquidität ist selten ein Engpass (siehe Grafik 2).

Die Bundesbank begründete übrigens den Trend zum Bargeld bei den Haushalten mit einer wenigstens interessanten These: Demnach ist der starke Trend zu den Online-Banken mit ihren relativ hoch verzinslichen Giro-Konten Ursache für die hohe Bargeldhaltung, die als Summe aus Bargeld und Bestand der Sichtguthaben (Girokonten) definiert ist. Mithin wäre der Vorgang als reiner Tausch zwischen dem (verzinslichen) Geldvermögen und den konventionellen Bargeldpositionen anzusehen. Das Zinsangebot der Onlinebanken wäre demnach eine Aufweichung der konventionellen Trennung von Bargeld gegenüber dem verzinslichen Geldvermögen vom Sparbuch bis zur Schuldverschreibung anzusehen.

Es mag jeder selbst beurteilen, ob diese Idee der Bundesbanker tragfähig ist. Die drastisch sinkende effektive Nachfrage der Haushalte nach Finanzierungen widerspricht dieser These zwar nicht direkt, harmoniert aber auch nicht mit ihr. Es ist nicht sonderlich glaubwürdig, die Explosion der Bargeldkomponente als rein statistischen Effekt aufzufassen, wenn sich auch die Geldbeschaffung per Kredit so drastisch in Richtung „Sicherheit“ bewegt. In jedem Falle widerspricht die Bundesbank damit aber der von ihr selbst mehrfach vorgetragenen Behauptung, dass die privaten Haushalte sich von der starken Bankorientierung abwendeten.

Die zweite Komponente der Abwärtsspirale war das Verhalten der Unternehmen. Die hielten sich bei den Investitionen zurück, wenn auch wohl eher unfreiwillig: Unter dem Zwang zur Anpassung an neue Spielregeln für die Kreditgewährung bei gleichzeitig schwacher Nachfrage im Inland erreichten die Nettoinvestitionen 2002 einen Tiefpunkt mit einem Wert unter 10 Mrd. Euro. Statt in Expansion oder neue Techniken investierten die Unternehmen gewissermaßen in ihre Bilanzstruktur, indem sie ihre Kredite bei den Banken zurückführten und das Eigenkapital stärkten. Auch 2005 war der Beitrag der Banken zur Finanzierung der Unternehmen noch negativ, allerdings zogen sie mit 11 Mrd. Euro nur noch relativ wenig aus den Unternehmen heraus, in drei Jahren zuvor waren es zusammen rund 110 Mrd., die netto von den Unternehmen in die Banken abflossen. Mittlerweile kommt der Umbau der Bilanzen im Hinblick auf Basel 2 langsam zum Ziel, der 2004 erreichte absolute Tiefpunkt mit Bruttoinvestitionen, die geringer ausfielen als die eigenen Mittel aus nicht thesaurierten Gewinnen und Abschreibungen, scheint überwunden. Immerhin stiegen die Nettoinvestitionen langsam wieder auf gut 30 Mrd. Euro, was denn auch das wichtigste positive Zeichen ist.

Vor diesem Hintergrund sind die allenthalben stattfindenden Revisionen der Wachstumsschätzungen nach oben – wie zuletzt durch den Weltwährungsfonds – nicht mehr verwunderlich.

(Dr. Martin Klingsporn)


Zusatz-Informationen:

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

finanzwelt für unterwegs: Die neue finanzwelt-App bringt Ihnen die wichtigsten News des Tages auf Ihr Handy.

finanzwelt-App

finanzwelt.tv

Film: Alle Filme ansehen

Abo-Bestellung

Bestellen Sie die nächste Ausgabe der finanzwelt.

Jetzt abonnieren

Newsletter

Abonnieren Sie ab jetzt unseren kostenlosen finanzwelt-Newsletter.

Newsletter abonnieren

Fußzeile: