Datum: 23.08.2011
Dax im freien Fall - was sollte der Investor jetzt berücksichtigen?
Standortbestimmung 23.08.11: Der Dax hat eine Berg- und Talfahrt vollzogen und zuletzt wieder um 0,72 Prozent auf 5.512 Punkte zugelegt. Vor drei Wochen notierte der DAX noch um die 7.000 Zähler. Sehr volatile Zeiten. finanzwelt sprach hierzu mit Alfred Roelli, Sprecher für Finanzanalyse und Anlagestrategie bei Pictet & Cie in Zürich.
finanzwelt: Seit Monatsanfang hat der Deutsche Aktienindex (DAX) rund 1.500 Zähler (23.08.11) eingebüßt. Sind nun sämtliche Negativschlagzeilen eingepreist und was würden Sie Investoren in der aktuellen Situation empfehlen?
Alfred Roelli: Global sind wir der Meinung, dass wir uns seit dem Jahr 2000 in einer angespannten Finanzmarktsituation befinden. Dies äußert sich in einer tendenziellen Seitwärtsbewegung der Märkte, wie wir sie in ähnlicher Weise in den späten 60er und den 70er Jahren vorfanden. Erst ab August 1982 setzte eine beinahe 20 Jahre anhaltende Aufwärtsbewegung ein. In dieser Periode wurde Kaufen-und-Halten zur Devise und viele Marktteilnehmer haben immer noch diese Umgebung vor Augen. In einem Seitwärtsmarkt wie heute kann man aber keine Kaufen-und-Halten-Politik verfolgen. Man muss die Auf- und Abwärtsbewegungen ausnutzen. Im Moment sind die Märkte massiv überverkauft und deshalb sollte man eher auf der Käuferseite sein.
Hierzu ein aktuelles Zitat des Anlagestrategen von Raymond James: „(There are) numerous oversold readings of epic proportions. To be sure, one has to go back to the German Army’s invasion of France to find a session where less than 2% of the stocks traded on a particular day on the NYSE were “up” for the session, which is what happened two weeks ago (8/8/11). … for the past three weeks I have likened the current selling stampede to those of October 1978 and October 1979.” (Raymond James, Investment Strategy, Aug. 22, 2011). Obwohl die Bewertungen vielleicht angesichts steigender Steuerlasten leicht überoptimistisch sind, sind sie doch insgesamt als attraktiv zu bezeichnen. Wir empfehlen Unternehmungen mit soliden Bilanzen durchzuhalten oder bei absoluten Ausverkaufspreisen zuzukaufen. Auf jeden Fall aber sind wir Gegner einer hohen Liquiditätshaltung. Diese macht angesichts der expansiven Geldpresse längerfristig keinen Sinn.
finanzwelt: Welche Maßnahmen sind nun erforderlich, um „Ruhe“ in den Markt zu bringen?
Alfred Roelli: Die Wirtschaftspolitik in den entwickelten Ländern ist weitgehend in einer Sackgasse und hat kaum mehr grosse Freiheitsgrade. Man stellt sich auf Massnahmen zuungunsten der Wirtschaftssubjekte ein und sieht die Zukunft gedämpft. Diese bittere Realität sinkt langsam in die Gemüter der Anleger und lähmt die Risikofreude. Eine solche psychologische Verfassung zu bekämpfen ist schwierig und kaum planbar. Das letzte Mal als dies gelang, erforderte dies Figuren vom Schlage einer Margaret Thatcher in GB bzw. Ronald Reagan in den USA, die Klartext reden und eine Konsolidierung der Wirtschaftspolitik „durchpeitschen“. Nach jeweils kurzen Anpassungskrisen zu Beginn der entsprechenden Regierungszeit (in GB 1978/79, in USA 1980/81) kehrte in beiden Fällen das Vertrauen (und insbesondere auch das Selbstvertrauen!) in beiden Ländern zurück. Der Aktienmarkt antizipierte in beiden Fällen rasch die positive Entwicklung und begann eine anhaltende Erholung.
finanzwelt: Welche Anlagestrategie setzen Sie um?
Alfred Roelli: In diesem unsicheren Umfeld ist von extremen Portfoliokonstruktionen (z.B. extrem hohe Liquidität, extrem tiefer Rentenanteil, extreme Währungspositionierung) abzuraten. Die Gefahr ist zu gross, dass man auf dem falschen Fuss erwischt wird.
Wir streben eine ausgewogene Portfolio-Konstruktion an, die sich auf die „Bilanzgesundheit“ der Anlageaktiven fokussiert. Der traditionelle Ansatz der Aufteilung auf die verschiedenen Aktivenklassen (Liquidität/Währung, Renten, Aktien, Alternativen, Rohstoffe) muss erweitert werden im Hinblick auf eine Analyse der inneren Qualität der Aktiven und zwar sowohl in makro- als auch mikroökonomischer Betrachtung. Bei den Währungen muss der Akzent auf die Nachhaltigkeit der Wirtschaftspolitik gelegt werden. Bei den Renten muss bei den Staatstiteln auf die gesamtwirtschaftliche Verschuldung geschaut werden, ähnlich wie dies bei den Unternehmensanleihen immer schon der Fall gewesen ist. Bei den Aktien bevorzugen wir grosse, international tätige Firmen, die sich durchaus mit mittleren Staaten vergleichen lassen. Wir decken nebenbei bemerkt auch die Rohstoffe über Anlagen in international tätigen Unternehmungen ab. Angesichts der Unsicherheiten halten wir weiterhin, wie bereits seit Jahren, in allen Portfoliotypen einen signifikanten Anteil an Gold und verwandten Edelmetallen.
Das Gespräch führte Alexander Heftrich








