Argentinien-Anleihen
Deal or no deal?
© Foto: Francesco83 - Fotolia.comArgentinien versucht mit einer zweiten Umschuldungsrunde für sich selbst den Weg auf den internationalen Anleihemarkt frei zu machen. Grundlage dafür ist ein mit einem Bankenkonsortium ausgehandelter Deal, mit dem die noch ausstehenden, seit der Ende 2001 erklärten Zahlungsunfähigkeit notleidenden Anleihen aus dem Verkehr gezogen werden sollen.
Die in Deutschland gehandelten Anleihen Argentiniens hatten bereits früh reagiert und zunächst kaum erklärbare, aber umso kräftigere Kursgewinne ausgewiesen. Die Kurse waren teilweise um das Zwei- bis Dreifache gestiegen. Diese Kursgewinne waren Vorboten der Einigung, die jetzt möglich ist.
Hintergrund sind die Verhandlungen einer Gruppe von Banken mit der Regierung in Buenos Aires (aus Deutschland die Deutsche Bank, aus USA die Citigroup und aus Großbritannien die Barclays Bank). Das gemeinsame Interesse von Banken wie Regierung liegt auf der Hand: Die argentinische Regierung braucht wieder Zugang zum internationalen Kapitalmarkt und die Banken hätte sie gerne als lukrativen Kunden im Emissionsgeschäft. Die Platzierung von Anleihen bringt in der Regel sehr ordentliche Erträge. Konkret stehen dem Geschäft noch Anleihen im Nominalwert von etwa 25 bis 29 Mrd. Dollar (es gibt abweichende Angaben) im Weg, die bei der ersten Umschuldungsrunde von 2005 nicht eingetauscht wurden.
Die Halter hofften seinerzeit auf bessere Konditionen und wollten die harten Konditionen der Umschuldung, den so genannten Haarschnitt, nicht hinnehmen. Eine Reihe von diesen Anlegern hat geklagt (u. a. auch in Deutschland und den USA) und auch vollstreckbare Titel in der Hand – aber leider kaum je etwas dafür bekommen. Es spricht indes wenig dafür, dass die Anleger jetzt mehr bekommen können als bei dem 2005 abgelehnten Angebot. Das sah verschiedene Tauschvarianten vor, die aber unter dem Strich auf den Tausch von nominal 100 (alt) zu 35 (neu) hinausliefen. Überdies bekamen die Anleger auch kein Bargeld, sondern neue, langlaufende Anleihen. Neben dem Verlust von 60 bis 70 % des Kapitals mussten die Anleger auch die seit 2002 aufgelaufenen rückständigen Zinsforderungen aufgeben.
Einem besseren Abschluss steht die Vereinbarung von 2005 im Weg, nach der auch die bereits abgefundenen Anleger neue Ansprüche haben, wenn die Anleger in der jetzigen Runde besser gestellt werden. Zudem würde die argentinische Regierung für die Anleger einen Anreiz schaffen, noch höher zu pokern: Wenn die Regierung jetzt nachgibt, so könnte man spekulieren, würde weitere Hartnäckigkeit vielleicht doch noch zu höheren Angeboten führen. Besseres als das aktuelle Angebot ist also kaum zu erwarten.
Dennoch scheinen die Chancen für eine Einigung ganz gut zu stehen: Zum einen sind bereits die wichtigsten rechtlichen Hürden in Argentinien beiseite geräumt (darunter das gesetzliche Verbot, überhaupt mit den Gläubigern zu verhandeln). Vor allem aber ist es den Banken gelungen, etwa 40 % der ausstehenden Papiere in die Hand zu bekommen – was wohl auch den interessanten Kurstrend erklären könnte. Es würde aus Sicht der Banken bereits ein Erfolg sein, wenn etwa 60 % der noch umlaufenden Papiere mit dieser Aktion vom Markt kämen. Dann blieben am Ende nur noch etwa 10 bis 15 % der ursprünglich vom Ausfall betroffenen Papiere im Umlauf. In der ersten Umschuldungsrunde hatten etwa 75 % der Gläubiger das Angebot angenommen.
Aus Sicht von Anlegern, die seit sieben Jahren kein Geld gesehen haben, ist das Angebot mittlerweile wohl doch schon recht attraktiv, denn die Alternative heißt weiterhin „Nichts“. Die aufeinanderfolgenden Regierungen in Buenos Aires haben diesen Konflikt so lange durchgehalten, dass sie jetzt nicht mehr nachgeben können, ohne mit der aus argentinischer Sicht teuersten aller möglichen Lösungen aus der Sache heraus zu kommen: Allen bereits abgefundenen Anlegern eine Nachbesserung gewähren zu müssen. Allerdings ist der wirtschaftliche Druck auf das Land ständig gestiegen, der in Aussicht gestellte frische Kredit wird dringend gebraucht: Teil des Deals mit der Bankengruppe ist ein frischer Kredit über 1 Milliarde Dollar.
Argentinien hat noch beim so genannten Pariser Club der Regierungsgläubiger Schulden über 6,5 Mrd. Dollar offenstehen und muss 2010 insgesamt 13 Mrd. Dollar an neuen Schulden aus verschiedenen Emissionen und Abkommen begleichen. Das wird ohne frisches Geld nicht funktionieren. Ohne Einigung mit den alten Anleihegläubigern müsste Argentinien nach Expertenschätzung mindestens 13,5 % Zinsen zahlen, um überhaupt auf dem internationalen Markt Geld aufnehmen zu können. Zudem müsste das Land dann wohl wieder teure Strohmanngeschäfte mit Venezuelas Hugo Chavez machen, um den Zugriff der Gläubiger in den westlichen Ländern zu umgehen. Das ist für das ohnehin schwer von der allgemeinen Krise getroffene Land, dessen Wirtschaftsleistung um 3 % zurückging, einfach zu viel.
Von den seit der Zahlungsunfähigkeit von 2001/2002 betroffenen Anleihen sind etwa 12,5 Mrd. nominal nach deutschem Recht auf den Markt gekommen und auch überwiegend bei deutschen Anlegern platziert worden. Die deutsche Interessenvertretung hatte sich seinerzeit massiv gegen die Umschuldung von 2005 gewandt und sich offenbar auch für die aus Anlegersicht formell erfolgreichen, wirtschaftlich aber fruchtlosen Verfahren engagiert. Dieser Hintergrund wie auch die immer noch gehandelten Stücke ausgefallener Emissionen sprechen dafür, dass deutsche Anleger ein großes Kontingent der noch nicht abgefundenen Anleger stellt. In der aktuellen Lage sollte das Angebot nur ablehnen, wer den endgültigen Totalverlust verschmerzen kann und Nerven sowie finanzielle Mittel in ausreichendem Maße für weitere Jahre der Auseinandersetzung hat und einsetzen will. Für alle anderen kann der Rat nur lauten: Schlussstrich ziehen und aussteigen.
(Martin Klingsporn)







