Legenden live – Horst Rahe
Der Bescheidene
Horst Rahe„Halb Reeder, halb Hotelier“, „Traumschiff-Kapitän“ „Im Osten auf großer Fahrt“, „Selbermacher“. Überschriften, die stimmen. Erstaunlich, dass jede Zeitung ein anderes Charakteristikum des Besprochenen in der Überschrift hervorhebt.
Die hier genannten Zeitungsberichte skizzieren Rahes Gründe für seinen Erfolg und fordern geradezu auf zur Bewunderung. Was sie nicht zeigen, ist, wie es zu dem Erfolg kam. Ich sitze mit Horst Rahe in seinem schmucklosen Büro in Hamburg-Bahrenfeld, weil ich dabei bin, über Dr. Klaus Jung, den wohl größten deutschen Investmentfondsverkäufer, ein Buch zu schreiben. Dort geht es auch um Jungs Weggefährten. Rahe und Jung haben sich oft getroffen. Grund genug, den finanzwelt-Lesern Horst Rahe einmal vorzustellen.
Horst Rahe gehört, so das manager magazin, zu den 300 reichsten Deutschen. Anzusehen ist es ihm nicht. Bescheidenheit, Zurückhaltung und Correctness in jeder Beziehung, das ist seine Ausstrahlung. Lautes Auftreten und Übertreibungen finden bei ihm nicht statt. „Ich habe in Köln 1964 mein Examen zum Dipl.-Kaufmann gemacht. Während der letzten beiden Semester habe ich bei einem Wirtschaftsprüfer gearbeitet. Durch Zufall sprach ich eines Tages mit Renatus Rüger. Rüger war einer der ersten deutschen Unternehmer, die von Köln aus Anlegern Abschreibungsmodelle im großen Stil anboten. Rüger suchte einen Leiter des Finanz- und Rechnungswesens. Er bat mich, bei dem Auswahlprozess der Bewerber mitzuhelfen. Der Kandidat sollte 3.500 Mark bei 13 Gehältern und einen Mercedes 250 erhalten. Ich sagte zu Rüger: ‚Ich mache das für 2.500 Mark und ein kleineres Auto.’ Rüger: ‚Mensch, Du kommst gerade von der Uni.’ Ich sagte: ‚Ich kann das’. Rüger stimmte zu. Es wurde ein Jahr Probezeit mit beidseitiger täglicher Kündigung vereinbart. Daraus wurden dann zehn Jahre.“
Rahe ist ungewohnt emotional. Er rutscht auf seinem Stuhl nach vorne. So, als ob er mir die folgende Geschichte besonders ans Herz legen wollte. „Als ich anfing, bei Rüger zu arbeiten, musste ich zunächst mal versuchen herauszufinden, wie der Betrieb bei Rüger so lief. Ich hatte den Eindruck, dass viel zu viel geschwatzt wurde. Also habe ich am nächsten Montag Mitarbeiter umgesetzt. Und zwar so, dass niemand mehr zum Nachbarn passte. Die Leute sollten arbeiten und nicht reden. Das dann Kommende werde ich nie vergessen: Um 11 Uhr an dem Montag hatte ich ein Paket Kündigungen auf dem Tisch. Die ganze Abteilung hatte gekündigt. Ich holte die Leute sofort zu mir ins Büro und sagte: ‚Okay, ihr habt gewonnen. Was jetzt?’“ Rahe macht eine Pause. Es ist feststellbar, dass dieses Erlebnis seine Erinnerung beschäftigt. Ganz offensichtlich ein für ihn prägender Vorgang.
Wir reden über die damaligen Usancen, Verkaufsunterlagen dünn und inhaltsarm zu verfassen. Ein Verfahren, das heute große Haftungsprobleme auslösen würde. Rahe: „Wir haben damals schon Prospekte gemacht, obwohl wir schnell platzierten: Wenn wir den Prospekt am Montag fertig hatten, saßen am folgenden Sonnabend, damals wurde noch am Sonnabend gearbeitet, noch gegen 19 Uhr Vertriebsleute vor der Tür, weil sie Angst hatten, ihre Zeichnungsscheine nicht mehr loszuwerden. Wir waren also sonntags mit mehreren Millionen überzeichnet. Dann wurde schnell ein Objekt ‘nachgeschoben’, um die überschießenden 2 bis 3 Mio. Mark unterzubringen. Ohne richtige Prüfung. Es war ein Fehler, Objekte fast ungeprüft in den Vertrieb zu geben, nur weil die Nachfrage groß ist.“
1974 wollte Rahe dann bei Rüger aufhören. Das Verhältnis war erschüttert. Rüger bat ihn, noch zu bleiben wegen Problemen mit Spanien-Immobilien. Rahe tat wie erbeten. „Unsere Wirtschaftsprüfer haben mich überredet, mit dem Argument, ‚Sonst bricht alles zusammen.’ 1985 kam diese heftige Geschichte mit dem Staatsanwalt auf mich zu. Er wollte wissen, ob bei Rüger alles mit rechten Dingen zugegangen war. Ein Jahr lang musste ich ein- oder zweimal im Monat nach Köln auf die Anklagebank. Ich musste alles anhören, was vor allem Rüger vorgeworfen wurde. Mir wurde unterstellt, dass ich hätte wissen müssen, dass Rüger Geld zweckentfremdet oder ähnlich Unkorrektes gemacht hat. Es war grauenhaft. Mein Freispruch hat mich darüber hinweggetäuscht, dass ich sehr gelitten habe. Es geht eben nicht gut, wenn jemand Gewinne entnimmt in dem Moment, in dem er glaubt, dass der Gewinn verdient ist. Oft stellt sich hinterher heraus, dass das Geld nicht reicht, weil Kostenüberschreibungen da sind.“
Mehr wie im Selbstgespräch, kommt Rahe auf die Bedeutung von Fakten, Daten, Analysen, die unternehmerische Entscheidungen induzieren, zu sprechen. „Was für mich immer wichtig war, war die Beobachtung und Verfolgung von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und demografischen Trends. In Gesprächen mit Kollegen vertiefe ich meine Erkenntnisse. Ich bringe oft Gesprächsrunden zusammen und erbitte die Meinung der Runde.“ Hat Rahe seine großen Erfolge geplant? Sind seine unternehmerischen Aktivitäten Ergebnisse von Marktanalysen und Recherchen? „Wir haben selbstverständlich die Zeichen der Zeit genauestens verfolgt. Wir waren alle gut ausgebildet. Die Fragen, wo geht der Tourismus hin, wie steht´s mit dem Wohnungsmarkt, wohin entwickelt sich die Weltwirtschaft, waren im Zentrum unserer Tagesarbeit. Allerdings verfolgten wir alles nicht zu wissenschaftlich, sondern mehr intuitiv. Ich erinnere mich an den Beginn der Einkaufszentren in Deutschland, den wir mit initiierten und die ECE (die Hamburger Otto-Gruppe, Anm. des Verf.) dann intuitiv weiterverfolgte. Die Ideen zu innerstädtischen Einkaufszentren, Ferienzentren und großen Ressorts sind Erfolgsgeschichten, die damals starteten. Damp ist eine solche Erfolgsgeschichte.“
„Wie hat denn eigentlich der Vertrieb Ihre unternehmerischen Ideen beeinflusst?“ „Vertrieb war immer wichtig“, sagt Rahe. „Zwar wollten Vermittler immer höchstmögliche Provisionen, aber auch höchstmögliche Sicherheit. Es hat sich seit diesen Tagen im Vertrieb nichts geändert.“
Ich frage: „Können Sie sich vorstellen, irgendwann mal nicht mehr zu arbeiten?“
„Schrecklicher Gedanke“, Rahe ist fast entrüstet. „Unsere Ressorts, Hotels und Flussschifffahrt laufen gut, Hochseekreuzfahrten verfolgen wir derzeit nicht. Auch Sylt, das neue A-Rosa-Hotel, wird sehr schön. Einen neuen Unternehmensbereich habe ich in Vorbereitung. Was haben Sie gerade gefragt, lieber Herr Jansen: Wann ich aufhöre? Gute Frage.“
(Dieter E. Jansen)







