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Zeitwertkonten

Der Run auf ein neues Geschäftsfeld

Es klingt doch ein wenig nach dem Märchen „MOMO“ von Michael Ende. In dem Phantasiemärchen versuchen die so genannten „grauen Herren“ Menschen zu betrügen, indem diese sie dazu bringen, Zeit für spätere Lebensabschnitte zu sparen. Interessant dabei die Aussage von Ende bzw. seiner Buchheldin, dass man Zeit nicht wie Geld sparen kann. Das hat sich nun geändert: „Zeit wird Geld“, beschreibt Dr. Hans-Joachim Rauscher, Vertriebsvorstand Nürnberger Versicherungsgruppe, den Vorteil von Zeitkontenprodukten. Und da hat er Recht. Dank Zeitwertkontenprodukten besteht nun wirklich die Möglichkeit, Zeit und Geld für einen späteren Zeitraum zu sparen.

Grundsätzlich: Zunächst sollte klar gestellt werden, dass das Modell der Arbeitszeitkonten kein „Hintertürchenmodell“ ist. Ein Arbeitszeitkonto ist ein vom Gesetzgeber durch das Flexi Gesetz (SGB IV) und das Altersteilzeitgesetz (AtG) rechtlich anerkanntes Modell. Die gemeinsame Idee flexibler Arbeitszeitmodelle stellt dabei die zeitliche Trennung von Arbeitsleistung und dem dafür fälligen Entgelt dar. Grundsätzlich unterscheidet man Arbeitszeitkonten nach dem zeitlichen Horizont: Kurz-, Lang, und Lebensarbeitszeitkonten. Hierbei gilt das Langzeitkonto bzw. das Lebensarbeitszeitkonto gerade für große Unternehmen als geeignete Lösung.

Sammeln von Wertguthaben: Egal, welche Form gewählt wird – das Prinzip lautet: Der Arbeitnehmer baut während seines Arbeitslebens Wertguthaben auf, die er für „Freizeitphasen“ nutzen kann. Diese Wertkonten werden dabei entweder in Zeit oder Geld geführt – wobei vermehrt die Variante „Geld“ genutzt wird, da hierdurch das kalkulatorische Risiko der künftigen Lohnentwicklung ausgeschlossen werden kann. Die Arbeitszeitkonten dienen dabei ausschließlich der „Freizeitphase“ vor Rentenbeginn. Ein früherer Rentenbeginn – jedoch mit Arbeitsentgelt statt Rente – wird dadurch ermöglicht. „Zeitwertkonten ermöglichen einen individuellen Vorruhestand ohne Rentenkürzung, trotz Rentenalter 67“, so Heinz-Peter Clodius, Geschäftsführer SiMa GmbH Sicherungsmanagement für Zeitkontenmodelle. Dabei setzt sich das Wertguthaben aus verschiedenen Entgeltbestandteilen zusammen. So kann der Arbeitnehmer beispielsweise Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Überstunden, Urlaubstage, Arbeitgeberzuschüsse, aber natürlich auch laufendes Arbeitsentgelt in sein „Konto“ einzahlen. „Des Weiteren können die Mitarbeiter steuer- und sozialversicherungsfrei Entgelt in Wertkonten umwandeln. Diese Umwandlung ist weder betragsmäßig noch von der zeitlichen Betrachtung her begrenzt. D.h. hier ist eine steuer- und sozialversicherungsfreie Entgeltumwandlung auch nach 2008 noch möglich“, so Dr. Rauscher.

Für die in ihrer Höhe unbegrenzten Gehaltsbestandteile des in einem Geldwert geführten Zeitkonto entfallen erst Lohnsteuer und Sozialabgaben, sobald sie dem Konto entnommen werden. Der steuerliche Zufluss und somit die sofortige Besteuerung wird dadurch vermieden, indem das Zeitdepot auf den Namen des Unternehmens läuft. Wird das Wertkonto dann „geplündert“, besteht unter anderem die Möglichkeit, sich das ersparte Guthaben auf einen Schlag auszahlen zu lassen. Steuern und Sozialabgaben fallen sofort an. Ferner kann ein Arbeitnehmer ein Sabbatical, auch Langzeiturlaub ge- nannt, nutzen und in einem längeren Zeitraum unter Beibehaltung seiner Bezüge aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Auch kann der Arbeitnehmer das Guthaben steuerfrei in einen der Durchführungswege der betrieblichen Altersvorsorge überführen lassen und hierüber eine lebenslange Rente beziehen. Vorteile für den Vertrieb: Mit der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre hat der Gesetzgeber den Vertrieben bei Zeitwertkonten ein starkes Verkaufsargument in die Hand gegeben. Die Menschen möchten und können teilweise nicht so lange arbeiten. Gleichzeitig werden jedes Jahr in Deutschland circa 1,7 Milliarden bezahlte Überstunden erarbeitet. Dazu leiden Unternehmen unter mangelnder Flexibilität beim Einsatz der Arbeitskräfte und unter hohen Überstundenzuschlägen. „Kurzarbeit, Kündigungen und Neueinstellungen sind arbeitsrechtlich mit Problemen und Kosten für den Arbeitgeber verbunden“, so Corinna Hartmann, Pressesprecherin der Gothaer Versicherung. Dazu suchen Arbeitnehmer aufgrund der „Rentenproblematik“ einen guten Vorsorgeweg.

Zeitwertkonten bieten dem Vertrieb
dabei viele Potenziale. So liegen sie laut Rainer Vogel, Leiter Vertrieb SiMa GmbH „klar im Trend und sind im Rahmen einer umfassenden und kompetenten Beratung von Firmenkunden unverzichtbar für Berater und Vermittler. Des Weiteren erschließen diese einen Wachstumsmarkt, dessen jährliches Anlagepotenzial im zweistelligen Milliardenbereich liegt und der erst am Anfang steht.“ Besonders geeignet für Zeitwertkonten sind Unternehmen mit hoher Überstundenanzahl und/oder bei denen der Berater schon eine betriebliche Altersversorgung (bAV) installiert hat. Denn bAV und Zeitkonten schließen sich nicht aus, im Gegenteil: Sie lassen sich unkompliziert und sinnvoll kombinieren. Die Lösungen: „Arbeitszeitkonten werden im Unternehmen kollektiv oder einzelvertraglich vereinbart. Hierbei sind einfache Regelungen zu bevorzugen und die Insolvenzsicherung und Verwaltung der Wertguthaben sollten außerhalb des Unternehmens erfolgen“, erläutert Rechtsanwalt Franz Erich Kollroß, Syndikus Verband Betriebliche Versorgungswerke für Unternehmen und Kommunen e.V. (BVUK). Und Katrin Kümmerle, Mitglied der Geschäftsleitung der febs Consulting GmbH ergänzt: „Wenn der Arbeitgeber die Eckdaten für sein Modell geklärt hat, müssen diese in den entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen (z.B. Betriebsvereinbarung und Umwandlungsvereinbarung) festgesetzt werden, und zwar in Abstimmung mit der Kapitalanlage und einer etwaigen Administration. Im Anschluss daran empfiehlt sich eine Abklärung des Modells mit dem zuständigen Betriebsstättenfinanzamt und den Sozialversicherungsträgern. Anschließend kann mit der Information der Arbeitnehmer über das Modell und den entsprechenden Umwandlungen begonnen werden.

Über die 1999 gegründete SiMa GmbH fanden die AMB Generali Asset Managers bzw. die Konzernunternehmen der AMB Generali Gruppe wie unter anderem die AachenMünchener einen interessanten Lösungsweg. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin hat sich schon frühzeitig auf das Sicherungsmanagement für flexible Arbeitszeitmodelle spezialisiert und verwaltet mittlerweile über 1.100 Unternehmen mit rund 250.000 Arbeitnehmern. „Die Einführung von Zeitwertkonten im Unternehmen kann einfach und schnell sowohl mittels fertiger Produktpakete auf der Basis einer Fondsrückdeckung oder einer Rückdeckungsversicherung (Garantieprodukt) als auch einer Individuallösung erfolgen“, erörtert Ingo vom Feld, Leiter Marketing SiMa GmbH. Weiter ergänzt er: „Grundsätzlich erhalten Kunden im Rahmen des SiMa FlexiConceptes neben kompetenter Beratung eine erfahrene Administration zur Erfüllung aller gesetzlichen Aufzeichnungspflichten sowie Abwicklung im Störfall (z.B. Insolvenz). Die Insolvenzsicherung erfolgt durch ein rechtsgutachterlich geprüftes Treuhandmodell.“ Hierbei läuft der Vertrieb über die Konzernunternehmen der AMB Generali sowie über Rahmenvereinbarungen mit Arbeitgeberverbänden und angebundenen Vertriebspartnern. Die Gothaer hat ein zweistufiges Zeitkonten-Modell mit renommierten Kooperationspartnern entwickelt, das in die bestehende Produktlandschaft integriert ist. Ein externer Anbieter sichert die Abrechnung der Guthaben im Falle der Insolvenz des Arbeitgebers. Dabei bietet der Versicherer für kleine und mittelständische Unternehmen ein Basiskonzept an. Mit ihrem Kooperationspartner ebase, Fonds European Bank for Fund Services GmbH, wird dem Arbeitgeber ermöglicht, ein komplettes Zeitkontenmodell mit allen wichtigen Komponenten im Unternehmen zu installieren.

Die gesetzlich geforderte Insolvenzsicherung der Wertguthaben wird mittels Verpfändung der Depots an die Arbeitnehmer erreicht. Da größere Unternehmen komplexere Strukturen besitzen, hat sich die Gothaer für diese Klientel zusätzliches Know-how eingeholt und mit dem auf Zeitkonten spezialisierten Beratungsunternehmen anovia ag eine exklusive Kooperation vereinbart. Das anovia-Modell bietet einen besonderen Zugang zu einer modernen IT-Plattform mit Internetzugriff. Darüber hinaus ist über das Life-Cycle-Modell mit Multi-Manager-Fonds sichergestellt, dass immer nur ausgewählte Fondsmanager das Geld der Mitarbeiter verwalten. Als Insolvenzsicherung wird die doppelseitige Treuhandschaft über eine renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft angeboten. Auch die NÜRNBERGER lässt nach Einrichtung der Wertkonten den Arbeitgeber nicht im Stich. Sie stellt die notwendigen Unterlagen zur Erfüllung seiner Informationspflichten zur Verfügung und übernimmt die Führung der "SV-Luft". Bei der „Sozialversicherungs- Luft“ handelt es sich um eine theoretische Größe (Differenz zwischen dem tatsächlich verbeitragten Gehalt und der jeweiligen Beitragsbemessungsgrenze), zu deren Führung der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet ist. „Da es bei den Wertkonten erst bei Auszahlung zum steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Zufluss kommt, muss besonders im Fall der Einmalauszahlung gewährleistet sein, dass die Sozialversicherungsbeiträge in korrekter Höhe abgeführt werden. Hierzu dient die SV-Luft”, so Dr. Rauscher. Eine eigens für die Wertkonten eingerichtete Hotline und eine einfach anzuwendende Software runden den Service aus einer Hand ab. Barrieren: Problem Gesellschafter-Geschäftsführer: In diesem Bereich wird seit mittlerweile 2 Jahren auf eine Stellungnahme des Bundesministeriums für Finanzen gewartet. „Derzeit legen deshalb die meisten Finanzämter Anfragen zur steuerlichen Anerkennung von Zeitkonten für GGF’s „auf Eis“. Dies ist für die praktische Umsetzung mehr als hinderlich“, so Zeitkonten- Expertin Katrin Kümmerle. Ein weiteres Hauptproblem der Zeitwertkontenmodelle ist immer noch der Insolvenzschutz.

So hat der Gesetzgeber den Arbeitgebern vorgeschrieben, dass die Erfüllung der Lohnzusagen auch bei Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers sichergestellt sein muss. Dabei muss der Arbeitgeber nicht nur dafür sorgen, dass bei einer Zahlungsunfähigkeit Kapital für die Arbeitnehmer zur Verfügung steht, sondern auch, dass aus diesem Kapital die Zahlungen an Arbeitnehmer, Finanzamt und Sozialversicherungsträger fließen. Derzeit gibt es für den Insolvenzschutz zahlreiche Modelle externer Lösungsanbieter. Der Vermittler tut hierbei gut daran, vor allem die Rechtssicherheit des Lösungsmodells auf die Probe zu stellen, damit bei einer späteren Überprüfung keine Rechtslücken offengelegt werden. Gerade bei den Konstrukten der Verpfändung als auch bei Treuhandmodellen sehen Betriebsprüfer bzw. Fachexperten erhebliche Lücken und rechtliche Risiken, was zu einer negativen Überraschung für den Berater führen kann. Daher ist bei der Auswahl des Partners Vorsicht geboten. Es müssen maßgeschneiderte Lösungen gesucht werden.

Fazit: Zeitwertkonten bieten aufgrund ihrer vielen Vorteile ein großes Potenzial für den Vertrieb und stellen darüber hinaus für den Arbeitnehmer eine effektive und wirtschaftliche Methode dar, einen vorgezogenen Ruhestand vorzufinanzieren sowie Abschläge bei der gesetzlichen oder betrieblichen Altersvorsorge auszugleichen. Arbeitszeitkonten sind jedoch kein sechster Durchführungsweg der betrieblichen Altersvorsorge und haben noch einige Haftungsfallen, denen es mit Hilfe externer Experten im Vorhinein auszuweichen gilt.


Ein „lohnendes“ Beispiel: SAP AG Das Unternehmen SAP AG mit Hauptsitz in Walldorf bietet im Kontext der im Unternehmen flächendeckend vereinbarten Vertrauensarbeitszeit seit 2001 ein Arbeitszeitkontenmodell „Zeit gegen Geld“ an: Ganz oder teilweiser Verzicht auf die Auszahlung von variabler Vergütung und/oder Bestandteilen des Monatsgehaltes zwecks Umwandlung in ein Zeitguthaben. Dazu Alla Ruggaber-Mast, Communications Manager der SAP AG: „Die Teilnahmequote steigt seit 2001 kontinuierlich an, so dass zur Zeit keinerlei interne oder externe Barrieren festzustellen sind. Ebenso ist eine konstant ansteigende Entnahmequote zu beobachten. Obwohl das Arbeitszeitkonto bei SAP durch Entgeltumwandlung gespeist wird, kommt es zu keiner nachweisbaren Kannibalisierung durch andere im Unternehmen existierende Entgeltumwandlungsalternativen der betrieblichen Altersversorgung. Die Entnahmegründe variieren von Mitarbeiter zu Mitarbeiter in einem sehr breiten Spektrum – von persönlicher Weiterbildung, über die lange gewünschte Weltreise bis hin zu einer Auszeit für die Familie oder der Verkürzung der Lebensarbeitszeit.“

(Marc Oehme)


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