Nachhaltige Investments
Der sauberste Dreckspatz seiner Klasse
© Foto: Marko Cerovac - Fotolia.comAm Rande des Öl-Desasters im Golf von Mexiko kam zutage, dass ausgerechnet die Aktien der BP in vielen „grünen“, also auf Nachhaltigkeit setzenden Investmentfonds, stecken. Diese paradoxe Situation ist Folge des Ansatzes „best in class“, der lediglich relative Bewertungen liefert. Bei konsequenter Anwendung wäre der friedlichste Waffenproduzent allemal ein Muss für jeden Ethikfonds. Das sonst zurückhaltende Handelsblatt spricht in diesem Zusammenhang von „Schwindel“ – was dann doch etwas übertrieben ist.
Bei nüchterner Betrachtung ist es natürlich völlig unangemessen, Beurteilungen wie im Fall BP auf ein einzelnes Ereignis wie den Unfall vor der Südküste der USA abzustellen. Von daher reflektiert das harte Urteil der Handelsblatt-Kollegen wohl vor allem deren grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber den Konzepten der Nachhaltigkeit. Trotzdem ist ein verschärfter Blick auf diese Investment-Konzepte durchaus nützlich, denn hier sind unter dem gemeinsamen Etikett unterschiedliche Standards und Konzepte entstanden, die auseinandergehalten werden müssen.
Mit einem Portfoliogewicht von 3 bis 4 % gehören Aktien in den üblichen Investmentfonds in aller Regel schon zu den Top 10 der Anlagen. Die wenigsten Anleger dürften aber erwarten, dass Ölgesellschaften wie BP oder Royal Dutch mit solchen Gewichten in Nachhaltigkeitsfonds auftauchen. Genau das ist aber bei einer ganzen Reihe von Fonds der Fall, wie etwa in den Fonds von Dexia oder Pictet. Die Ursache ist der Ansatz „best in class“. Dahinter verbirgt sich eine relative Bewertung, die angibt, wie gut die Unternehmen eines Sektors jeweils im Hinblick auf die verschiedenen Kriterien nachhaltigen Wirtschaftens eingeschätzt werden. Der oder die besten werden dann bei der Portfolio-Konstruktion entsprechender Fonds berücksichtigt. Dieses Verfahren hat zwei Vorteile: Auf der Ebene der Nachhaltigkeit wird der Wettbewerb gestärkt, denn es ist natürlich für alle börsennotierten Unternehmen interessant, in solchen Fonds berücksichtigt zu werden. Finanzierungsbasis und Image profitieren gleichermaßen. Vor allem aber erlaubt dieser Ansatz die Konstruktion von Portfolios, die kaum von den konventionellen Benchmarks abweichen, weil jede Branche mit dem jeweils ökologisch besten Anbieter abgedeckt werden kann.
Deutschlands führende Agentur oekom research untersucht die Öl- und Gasbranche bei ihrem Nachhaltigkeitsrating sowohl im Hinblick auf soziale Kriterien als auch auf Umweltstandards. Die sozialen Kriterien reichen vom Umgang mit Belegschaft und Lieferanten bis hin zur Corporate Governance und der „Business Ethic“. Ein Knackpunkt bei den Ölgesellschaften sind die Zahlungen an die Regierungen der Förderländer, denn der gezahlte Förderzins ist oft die Quelle der Korruptionsströme. Wenn hier Transparenz herrscht, werden die Probleme auf den folgenden Stufen überschaubarer. Aber auch der schlichte Arbeitsschutz für die Belegschaft gehört hier hin. Ein Punkt, bei dem BP schwach abschneidet.
Einige Pluspunkte sammelt BP beim Umweltschutz: Der Ölriese ist im Branchenvergleich stark engagiert und führend in der Entwicklung Erneuerbarer Energien. Allerdings findet diese Transformation weg vom Öl und hin zu Wind und Sonne noch auf sehr niedrigem Niveau statt (weniger als 0,5 % vom Umsatz gehen in diese Richtung). Positiv schlägt auch zu Buche, dass BP sich früh für mehr Sicherheit bei den Tankern eingesetzt hat und den Einsatz von Doppelhüllen durch die Charter-Politik stark gefördert hat. Daher haben die Analysten der Dexia-Assetmanagement BP neben der norwegischen StatoilHydro als „best in class“ identifiziert und entsprechend hoch in ihrem rund 260 Mio. Euro schweren Dexia Sustainable Europe (BE0173540072) gewichtet – mit 3 % ebenso unter den Top 10 wie die Royal Dutch, die mit 2,4 % dabei ist. Freilich handelt sich BP in diesem Feld auch schwerwiegende Minuspunkte ein: Der schwach ausgeprägte Arbeitsschutz kommt nicht von ungefähr, die Anlagensicherheit bei BP gilt ebenfalls als Schwachpunkt, weil die Gesellschaft offenbar zu wenig in die Wartung und Modernisierung der Systeme investiert. „Nach unserem Eindruck haben auch die Arbeitsunfälle bei BP keine ausreichenden Konsequenzen gehabt“, moniert die bei oekom research für die Branche verantwortliche Analystin Kristina Rüter. Rüter betont denn auch, dass oekom anders als andere Rating-Agenturen die Nachhaltigkeits- Qualitäten der BP nie als besonders gut, also nicht als Prime, beurteilt hat: „Wir gewichten vor allem die Arbeits- und Anlagensicherheit und damit auch negative Bewertungen in diesen Bereichen besonders hoch, möglicherweise höher als andere Analysten“, erläutert sie die Differenzen.
Solchen Problemen kann man allerdings aus dem Weg gehen, wenn man von vornherein auf ein klareres absolutes Nachhaltigkeits- Konzept setzt, wie es Christian Zimmermann mit seinem Pioneer Global Ecology Fonds (LU0271656133) umsetzt, der zuvor bei Activest als Eco-Tec geführt wurde. Dort gibt es eine externe Agentur, die das zur Verfügung stehende Asset-Universum nach Nachhaltigkeitskriterien abgrenzt. Innerhalb des so gebildeten Universums kann sich das Fondsmanagement dann völlig frei bewegen. Fälle wie BP sind damit insoweit ausgeschlossen, weil jede in Betracht gezogene Aktie bestimmte ökologische Mindestanforderungen erfüllt. Allerdings sind dann keine Portfolios mehr erreichbar, die den üblichen Indizes entsprechen, weil unter Umständen ganze Branchen wie die Öl- und Gasförderung wegfallen, da sie eben nicht den Kriterien der Nachhaltigkeit standhalten. Damit hat der Vertrieb hier einiges an Beratung und Aufklärung zu liefern, zumal die Anbieter selbst (die KAG) eine miserable Informationspolitik betreiben: Dieser für die Kunden wichtige Unterschied zwischen relativen und absoluten Beurteilungen der Nachhaltigkeit wird in den üblichen Flyern und Factsheets nicht thematisiert. Da hilft nur eines: Selber nach Informationen bohren, um nicht von bösen Nachrichten à la BP überrascht zu werden. Denn enttäuschte Kunden sind schlechte Kunden.
(Martin Klingsporn)







