Datum: 29.07.2011
"Der unaufhaltsame Aufstieg des Schweizer Franken"
Die Eidgenossen und die Deutschen sind nicht die besten Freunde. Der Euro verliert zum Schweizer Franken ständig an Wert, heute markierte die Schweizer Währung gegenüber allen wichtigen Weltwährungen neue Rekordhochs. finanzwelt sprach hierzu mit Beat Siegenthaler, FX Strategist bei UBS.
finanzwelt: Rückblickend (2006-2011) hat der Schweizer Franken zum Euro rund ¼ an Wert gewonnen. Die Trendlinien scheinen weiterhin intakt zu sein. Sind nach Ihrer Ansicht im aktuellen Wechselkurs EUR/CHF schon sämtliche negative Nachrichten der Europäischen Gemeinschaft (Schuldenkrise) eingepreist?
Beat Siegenthaler: Die Stimmung auf den globalen Märkten ist momentan miserabel, getrieben von massiven Unsicherheitsfaktoren nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Auf beiden Seiten sind Szenarien möglich, die den Schweizer Franken noch wesentlich stärker werden lassen könnten, beispielsweise ein ungeordneter Default eines Eurozonen-Mitglieds oder gar ein zeitweiser Zahlungsausfall der USA. Zwar sind diese Szenarien mit einer relativ geringen Wahrscheinlichkeit behaftet, aber sie scheinen viel weniger unmöglich als noch vor ein paar Wochen oder Monaten. Der Franken ist der ultimative ‚sichere Hafen’ und wird in der momentanen global Lage entsprechend stark nachgefragt. Sollte die Lage noch schwieriger werden, so kann der EUR/CHF-Wechselkurs auch noch tiefer fallen.
finanzwelt: Ist demzufolge der Schweizer Franken noch fair bewertet – ist die Parität zum Euro eine realistische Vorstellung für die kommenden Monate?
Beat Siegenthaler: Der Franken ist gemäß Standardmodellen von Kaufkraftparität oder handelgewichteten und inflationsbereinigten Währungskörben um vielleicht 15%-20% überbewertet. Allerdings gibt es auch die Argumentation, wonach die Überbewertung viel weniger stark sei, weil die Schweiz nach wie vor große externen Überschuss auf der Handels- und Leistungsbilanz produziert. Der IWF ist beispielsweise ein Vertreter dieses Standpunktes. In jedem Fall können Währungen jedoch während Monaten oder gar Jahren von einer als fair eingeschätzten Bewertung abweichen. Solange die globale Wirtschaftslage derart unsicher und verworren ist wie im Moment, wird dies wohl auch für den Franken weiterhin der Fall sein.
finanzwelt: Für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft wird die teure Währung immer mehr zur Bürde. Einige Experten warnen vor einer deutlichen Konjunkturabkühlung im nächsten Jahr. Teilen Sie diese Ansicht und wenn ja, wie schaut Ihr Szenario für den Jahresbeginn 2012 aus? Sollte die Schweizer Nationalbank erneut intervenieren?
Beat Siegenthaler: Eine starke Währung ist historisch gesehen für die Schweizer Wirtschaft von Vorteil gewesen, da sie strukturelle Veränderungen forcierte und Exporteure zwang, sich auf qualitativ hochstehende, wenig preissensitive und entsprechend lukrative Nischenmärkte zu konzentrieren. Trotzdem hat die Robustheit der Schweizer Wirtschaft auf die historischen Frankenhöchststände praktisch ausnahmslos alle Experten überrascht, inklusive die Schweizerische Nationalbank. Allerdings wird ein EUR/CHF-Wechselkurs auf aktuellem Niveau sich unweigerlich negativ auf die rund 60% der Exporte auswirken, welche in die Eurozone gehen. Entsprechend wird das Wirtschaftswachstum schwächer ausfallen. Ob jedoch die SNB erneut intervenieren sollte, ist eine andere Frage. Erfahrungen in der Schweiz und anderswo haben immer wieder gezeigt, dass Wechselkursinterventionen meist nur kurzfristig Wirkung zeigen, aber einen längerfristigen Trend kaum aufhalten können.
Das Gespräch führte Alexander Heftrich








