Ein Gespenst geht um am Standort Deutschland
Die Globalisierung ist jetzt auch daheim
Da werden Millionen Euro buchstäblich in den mecklenburgischen Sand gesetzt, um beim G-8 Gipfel in Heiligendamm mit einem Zaun Demonstranten auf Abstand zu halten, weil sich auf allen Kontinenten im ATTACNetzwerk organisierte Menschen auf den Weg machen, um ihrem Feind entgegenzutreten: der Globalisierung. Ausgerechnet in Mecklenburg.
Die Streiks bei der Telekom zeigen doch, dass es tatsächlich ernste Spannungen gibt. Und das kommt nicht von ungefähr: Die Wirtschaft wächst zwar weltweit kräftig, aber das Gespenst „Globalisierung“ verdirbt den Arbeitnehmern die Freude am Boom: Sie fühlen sich unzureichend am Ergebnis beteiligt. Nirgendwo wird die Globalisierung stärker fühlbar als auf dem Arbeitsmarkt, wie der Internationale Währungsfonds in seinem Frühjahrsgutachten herausstellte.Aus dem Trend zum Zusammenwachsen der Arbeitsmärkte über die Grenzen hinweg ergibt sich in den Industrieländern effektiv ein ständig steigendes Arbeitsangebot. Ein wachsendes Angebot führt nach der reinen Lehre der Märkte zu fallenden Preisen, hier also Löhne. Und tatsächlich ist der dem Faktor „Arbeit“ zufließende Anteil am Gesamteinkommen in der gesamten westlichen Welt seit den 80er Jahren kontinuierlich zurückgegangen. In Kontinentaleuropa um 10 Prozentpunkte von knapp über 70 auf etwa 60 %, ähnlich in Japan, während die Verschiebung in den angelsächsischen Ländern mit einem relativen Verlust der Arbeitseinkommen in der Größenordnung von 3-4 Punkten eher moderat ausfiel. In Wirklichkeit entwickelt sich so etwas wie ein globaler Arbeitsmarkt. Dabei spielt die politisch so heftig diskutierte direkte Wanderung der Arbeitskräfte nur eine Nebenrolle. Entscheidend ist der Handel, wie die IWF-Ökonomen betonen. Unterm Strich schätzen die IWFÖkonomen, dass sich das international verfügbare Arbeitsangebot in den letzten 20 Jahren effektiv vervierfacht hat. Diese Größenordnungen ergeben sich, wenn das Verhältnis von Exporten zur Gesamtleistung als Gewichtung für das jeweilige nationale Arbeitsangebot benutzt wird. Der Gedanke dahinter: Das gigantische chinesische Arbeitskräftepotenzial etwa wird für Europa erst dadurch relevant, dass die hiesigen Unternehmen und Konsumenten sich relativ frei auf dem Markt bedienen können. Tatsächlich beruhten die bisher bestehenden Unterschiede bei den Einkommen zu einem großen Teil auf den Hemm- und Hindernissen für die Handelsströme über die Grenzen hinweg.
Die veränderte Marktlage verschlechtert die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer, was der Gegenseite er laubt, auch Beschäftigungsrisiken überzuwälzen. Richtig teuer an den Kräften sind ja gerade Einkommensgarantien, die weitgehend unabhängig von der tatsächlichen Beschäftigung sind. Die Leiharbeit blüht: Gut die Hälfte der mit dem Aufschwung im letzten Jahr neu entstandenen Jobs sind bei Zeitarbeitsfirmen entstanden. Die Auftraggeber der Verleiher zahlen für die externen Kräfte im Normalfall deutlich mehr als das Doppelte dessen, was sie für die gleichen Mitarbeiter als Festangestellte zahlen müssten. Diese Spanne ist der Preis für die Flexibilität. Wobei die Verleiher das Risiko sogar selbst weiterwälzen: Die rot-grüne Koalition hob mit Hartz I die zeitliche Begrenzung des Verleihs auf, was die Verleiher konsequent nutzen: Etwa drei Viertel aller Zeitarbeiter, so beobachten Gewerkschaften und
Arbeitsverwaltung, sind dauerhaft in der Probezeit und damit jederzeit kündbar.
Der politisch aufgebaute Druck hat auch das Einkommensgefüge verschoben: In den 80ern lag der Durchschnitt der von den Zeitarbeitsfirmen gezahlten Einkommen nur 5-10 % unter dem Durchschnitt aller Arbeitnehmer. Mittlerweile erzielen die Zeitarbeiter noch die Hälfte dessen, was die Festangestellte erhalten. Damit sorgen diese Jobs vor allem bei wenig qualifizierten Kräften selbst schon wieder für ein soziales Problem. Bei über 10 % liegt der Anteil der Zeitarbeiter, die trotz Vollzeitjob ergänzende Sozialleistungen nach Hartz IV benötigen, um über die Runden zu kommen. Dieses Absinken am unteren Ende der Lohnskala erklärt wohl auch, warum der Lohn-Rückstand wuchs, gerade als auch höher qualifizierte Beschäftigung zunehmend über die Zeitarbeit abwanderte. Selbst die Ingenieure der Entwicklungsabteilungen, etwa bei den Autobauern, „gehören“ heute häufig den großen Verleihern und nicht der Industrie. Vor allem die Berufseinsteiger haben heute kaum eine andere Möglichkeit, überhaupt hineinzukommen.
Diese negative Seite der Globalisierung wirkt bis in die Finanzbranche hinein: Die immer schärfere Spaltung in Gewinner und Verlierer verändert den Markt und die Bedürfnisse der Kundschaft. Ganz vorne steht eine klare Polarisierung zwischen den Gewinnern, die eine zwar relativ kleine lukrative, aber wohl auch anspruchsvolle Kundschaft darstellen und der breiten Masse, deren Budget nicht mehr als die absolut notwendige Absicherung durch Standardprodukte hergibt. Die Verschiebung von Risiken in die privaten Haushalte hinein dürfte den Bedarf an Flexibilität in den Produkten stark erhöhen. Der Anteil der Kunden, die relativ sicher langfristig gleichmäßige Einzahlungen für Sparpläne oder Versicherungen leisten können, wird weiter abnehmen. Überspitzt gesagt laufen die Alternativen des Finanzvertriebs auf die Pole „high end“ auf Basis exzellenter Qualität und persönlicher Betreuung oder „Aldi-Produkte im Tchibo-Vertrieb“ hinaus. Gerade Letzteres birgt aber große Probleme: Je weniger die Haushalte sich eine angemessene Vorsorge leisten können, desto stärker gerät der Vertrieb in eine Schere: „In diesen Fällen ist nur wenig zu verdienen mit hohem Beratungsaufwand bei beachtlichem Haftungsrisiko“, meint Versicherungsexperte Manfred Poweleit: Gerade bei knappen Mitteln entständen streitträchtige Lücken wie im Falle von Lebensversicherungen ohne Absicherung der Berufsunfähigkeit.
(MARTIN KLINGSPORN)







