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Führen mit dem Placebo-Effekt

Die Kraft der Einbildung

„Ein kalter, gefühlloser, unbeteiligter Arzt wird eine Nocebo-Wirkung hervorrufen. Umgekehrt ist echte Anteilnahme vielleicht wertvoller als jede rein medizinische Behandlung“ – so ein Herzspezialist in einem SPIEGEL-Artikel, der sich mit dem Placebo-Effekt beschäftigt. Placebo, Nocebo – was hat das mit der Führungsarbeit in Finanzdienstleistungsunternehmen zu tun?

In dem Artikel beschreibt Jörg Blech die Heilkraft der Einbildung. Zuversicht und Glaube vertreiben Schmerzen, Hoffnung heilt. Ob Homöopathie, Akupunktur, Naturheilkunde, ja selbst die Schulmedizin: Sie wirken nicht durch die Heilmethode an sich, sondern indem sie Selbstheilungskräfte stärken. Unser Gehirn schreibt Zuversicht in biochemische Prozesse um, die zu Schmerzlinderung und Heilung führen.

Nicht jeder mag dies glauben – der Autor zitiert beeindruckende Beispiele: In einer Studie haben Ärzte schwangeren Frauen erklärt, sie nähmen ein Mittel ein, das Übelkeitsgefühle unterdrücke. Das Ergebnis war einfach überzeugend, den Frauen ging es viel besser. „Was die Frauen nicht wussten: In Wahrheit hatten sie Brechmittel erhalten; der durch ihre Erwartungshaltung ausgelöste Placebo-Effekt jedoch hatte die pharmakologische Wirkung in ihr Gegenteil verkehrt.“ Umgekehrt ist der Nocebo-Effekt wirksam – mit gegenteiligen Wirkungen: Das Lesen des Medikamentenbeipackzettels hat zur Folge, dass der Patient jene Symptome entwickelt, die als mögliche Nebenwirkungen genannt sind.

Die Kraft der Einbildung in der Führung. Sicherlich lassen sich nicht alle Erkenntnisse der Hirnforschung auf den Führungsalltag übertragen – aber einige doch:


  • Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist eindeutig eine der Schwachstellen im deutschen Gesundheitswesen.“ Gerade im digitalen Kommunikationszeitalter sollte bei Ihrer Führungsarbeit Zeit bleiben für das Gespräch von Mensch zu Mensch.


  • Ärzte müssen akzeptieren, dass sie auf die Neurobiologie und die Selbstheilungskräfte ihrer Patienten einen erheblichen Einfluss ausüben. Dies untermauert die Bedeutung der Vorbildwirkung: Durch nichts wirken Sie mehr auf das Verhalten der Mitarbeiter als durch Ihr Verhalten.


  • "Wer die Hoffnung seines Patienten weckt, kurbelt damit automatisch die heilenden Placebo-Schaltkreise in seinem Gehirn an.“ Hoffnung ist die Aussicht auf eine positive, gute, schöne Zukunft: keine Führungsstrategie und Mitarbeiterführung ohne Vision. Eine Vision beschreibt das Warum und Weshalb der Existenz des Finanzdienstleistungsunternehmens, sie bietet Sinnstiftung, Handlungsanleitung und Identifikationsmöglichkeiten.


  • In der Medizin potenziert sich der Placebo-Effekt, wenn die Selbstheilungskräfte durch hochrangige Persönlichkeiten – der Chefarzt erzielt eine höhere Wirkung als der Stationsarzt – und mit einem gewissen „Brimborium“ gestärkt werden. – Im Unternehmen müssen Belohnungs und Belobigungsstrategien sowie Motivationsinstrumente durch das Management begleitet werden. Und ein Lob entfaltet eine höhere motivatorische Kraft, wenn Sie es nicht nur im Mitarbeitergespräch unter vier Augen, sondern in einem rituell-festlichen Rahmen öffentlich aussprechen.


Die Kraft der Suggestion. Führungskräfte, die sich ihren Mitarbeitern widmen, ihnen zuhören, sich Zeit für sie nehmen, signalisieren höchste Wertschätzung, wecken Hoffnung und Zuversicht und setzen die heilenden Wirkungen des Placebo-Effekts in Gang. Sie nutzen die Kraft der Suggestion und des positiven Denkens. Doch wer die Suggestion lobt, wird rasch des Willens zur Manipulation verdächtigt, wer das positive Denken bejaht, gilt als Optimist mit der rosaroten Wahrnehmungsbrille auf der Nase. Wer hat nun recht: Herr Optimist oder Herr Pessimist? Eine grundsätzlich positive Einstellung ist gewiss hilfreich: Wenn Sie Ihre Finanzberater als Menschen sehen, ihnen ver- und eigenständige Entscheidungen zutrauen und Verantwortung delegieren, tragen Sie zur Motivation bei.

Die Gesundung fängt am Geldbeutel an. Mitarbeiterorientierung – sie wird hier nicht zum ersten Mal gefordert und, nun durch den Placebo-Effekt, begründet. Wie aber lässt sie sich durchsetzen? Eine radikale These: Es müssen Indikatoren gelungener Mitarbeiterführung entwickelt werden – etwa die Anzahl und die Dauer der geführten Mitarbeitergespräche – und mit der Entlohnung der Führungskräfte verknüpft werden. Maßstab der Entlohnung ist dann auch die konkrete Zuwendung, die Sie dem einzelnen Mitarbeiter zukommen lassen. Wie der Arzt auf der Grundlage der mit dem Patienten verbrachten Zeit bezahlt werden sollte, so auch die Führungskraft. Ein Beispiel: Ein Vertriebsleiter, der sich den Finanzberatern zuwendet, sie mit Hilfe der Vision führt, begeistert und motiviert, sich um ihre Weiterentwicklung kümmert, sollte entsprechend belohnt und honoriert werden. Seelenvolle Zuwendung im Gespräch genießt höhere Achtung als seelenlose Gerätemedizin, beziehungsorientierte Gesprächsführung ist wichtiger als standardisierte Managementtechnik.

Mit Leidenschaft führen. Was können Sie als Führungskraft tun, wollen Sie den Placebo-Effekt nutzen? Stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeiter die Unternehmensziele nicht nur kennen, sondern verinnerlicht haben und tagtäglich leben, sich mit ihnen identifizieren. Und implementieren Sie Projekte, welche Ihre Mitarbeiter stolz und ihnen den Glauben an die eigenen Stärken bewusst machen. Zu guter Letzt: Fordern und fördern Sie Spitzenleistungen. Mobilisieren Sie mit Ihrer positiven Einstellung brachliegende Mitarbeiterpotenziale, zeigen Sie sich als problemlösungsorientierter und gestaltender Chancendenker.


(DORIS STEMPFLE)


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