Opportunity
Die Krise austricksen

Die schwer angeschlagene Schiffsbranche lockt Anleger mit opportunistischen Fondsangeboten. Verkürzte Laufzeiten, kein Agio, bevorzugte Ausschüttungen sollen für mehr Attraktivität sorgen.
Das Hamburger Emissionshaus HCI wirbt in seinem jüngsten Beteiligungsangebot „HCI Shipping Opportunity“ mit einem Zitat von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker: „Von den Chinesen kann man lernen, sie haben für Krise und Chance dasselbe Schriftzeichen.“ Will sagen: Jede Krise birgt auch ihre Chancen. Zumindest darin sind sich zurzeit viele Anbieter von geschlossenen Schiffsfonds einig und nennen ihre jüngsten Zeichnungsangebote denn auch „Opportunities“ – Gelegenheiten. Marktbeobachter sehen indes die Schiffspreise nicht in solche Tiefen stürzen, wie sie vielleicht für ein richtig günstiges Angebot nötig wären. An einen „Schnäppchen“-Markt oder gar einen „Ausverkauf“ glauben nur die wenigsten. Aber alle wollen eine Strategie gefunden haben, aus der Krise das Beste zu machen. Es gilt, jetzt die besten Schiffe zu möglichst niedrigen Preisen zu kaufen und später den günstigsten Zeitpunkt zu finden, um das Schiff mit möglichst hohem Gewinn wieder zu verkaufen. „Besonders interessant sind für uns Resales, also Schiffe, die kurz vor der Ablieferung stehen, aber aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten nicht vom ursprünglichen Besteller übernommen werden“, erklärt André Tonn, Geschäftsführer der Oltmann Gruppe, die gerade einen Dachfonds als Blind-Pool-Konstruktion anbietet. Das erfordert zwar von Seiten der Anleger großes Vertrauen, aber der Initiator aus Leer hat bereits fünf Vorgängerfonds mit sehr kurzen Laufzeiten konzipiert, die in schwachen Marktphasen günstig eingekauft haben. Zwei sind bereits wieder aufgelöst. Die Ergebnisse mit 42 und 27,5 % Nachsteuerrendite ordnet Oltmann so ein: „Der Markt ist derzeit geprägt von historisch niedrigen Zinssätzen, sinkenden Schiffsbetriebskosten und in einigen Segmenten stark gefallenen Schiffspreisen“, sagt Tonn.
Auch viele andere Emissionshäuser versuchen, Notverkaufs-Schiffe mit hohen Preisabschlägen zu ergattern. Der Erfolg zeigt sich erst am Ende der Fondslaufzeit. Denn die Schiffe brauchen Charterverträge, die Schiffsbetriebskosten werden wieder anziehen und auch mit weiter steigenden Lohnnebenkosten ist zu rechnen. Allein 2008 hat die Bundesregierung 57 Mio. Euro offen im Bundeshaushalt für die maritime Wirtschaft locker gemacht, um die Lohnnebenkosten für Schiffe unter deutscher Flagge zu senken. Auch für 2009 wurde diese Summe zugesagt. Worauf die Schnäppchenjäger ebenfalls bauen: Viele Schiffe werden gar nicht gebaut, weil die Banken die Finanzierung zurückziehen – davon profitieren langfristig die bereits fahrenden Schiffe.
Tatsächlich geht die kanadische Reederei Seaspan davon aus, dass für fast die Hälfte der weltweit bestellten Containerschiffe das Risiko besteht, aufgrund der Finanzierungsprobleme überhaupt nicht gebaut zu werden. Der Schiffsmakler Howe Robinson prognostiziert, dass vom für 2009 avisierten Flottenwachstum nur zwei Drittel realisiert werden, der Rest wird storniert, verschoben oder vorzeitig abgewrackt. Allein in deutschen Werften wurden wegen der Krise 40 Neubauaufträge storniert, 26 weitere Aufträge sollen gefährdet sein. Laut DNV wurden seit Anfang 2009 insgesamt 491 abbestellt. Dafür steigt die Verschrottung von 320 Schiffen mit 11,8 Mio. dtw in 2008, denen bis Juni 2009 bereits 439 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 14,48 Mio. dtw gegenüberstehen. Ab diesem Sommer sind zahlreiche neue Angebote von Initiatoren im Vertrieb.
Der Shipping Opportunity Fonds des Newcomers Hesse Newman will in Zweitmarktanteile von Schiffsfonds investieren. Denn mit den Schiffspreisen sind auch die Kurse für Schiffsbeteiligungen gefallen: Schiffsbeteiligungen sind mit einem Preisabschlag von durchschnittlich 30 % im Handel. Hesse Newman will Anteile von rund 100 Schiffsgesellschaften aus unterschiedlichen Emissionsjahren ankaufen – und zwar breit gestreut: 30 % Tanker, 10 % Massengutfrachter, 50 % Container- und 10 % Spezialschiffe. Die Gemischtwarenstruktur soll den bestmöglichen Schutz vor Ausfällen bieten. Auch Nordcapital setzt auf fallende Preise am Zweitmarkt und will für 20 Mio. Euro schwerpunktmäßig Containerschiffe kaufen. Die kombinierte Strategie: sowohl Beteiligungen an langfristig beschäftigten Schiffen erwerben als auch an solchen, die nur noch für kurze Zeit oder gar keine Charter mehr haben. Diese Anteile sind besonders günstig zu haben und sollen „von überdurchschnittlichen Renditen beim nächsten Aufschwung profitieren“ Lloyd’s List geht davon aus, dass sich die Schifffahrt zurzeit am Übergang vom 22. in den 23. Schifffahrtszyklus befindet und in den zurückliegenden 275 Jahren jedem Abschwung ein Aufschwung folgte.
Die Investoren kommen jetzt schon in den Genuss von Vorzugsauszahlungen – ab dem auf die Einzahlung folgenden Monat 4 % jährlich bis Ende Juni 2010.
Die Oltmann-Gruppe nennt das Ganze gleich „Schnäppchenfonds I 2009“. Der Fonds investiert sowohl in Secondhand-Schiffe als auch in Neubauten. „Die Zinssätze für Finanzierungen sind niedrig wie noch nie und die aktuellen Einstiegspreise für neue und gebrauchte Schiffe liegen deutlich unter denen von 2008“, so Geschäftsführer Tonn. Allerdings lagen die Preise 2008 auch auf Rekordhoch. Das erste Schiff, ein Mehrzweckfrachter, soll fast 30 % unter dem ursprünglichen Kaufpreis gelegen haben. Über ein zweites Schiff wird derzeit verhandelt. „Wir haben mehr Kaufobjekte in Aussicht, als wir Geld haben“, sagt Tonn. Der reine Eigenkapitalfonds soll 20 Mio. Euro einsammeln – höchstens 50 Mio. Euro, aktuell sind es 10 Mio. Euro. Die Anleger zahlen keine Gebühren auf Ebene der Einschiffsgesellschaft, kein Agio und auch keine Treuhandgebühr.
(Susanne Osadnik)







