„Man nehme... ”
Die optimale Rezeptur der Altersvorsorge
Seit unser Staat seinen Bürgern die Verantwortung für die Altersvorsorge weitgehend selbst überlässt, ist die Frage nach dem „richtigen“ Instrument auf der Tagesordnung.
Ein Blick auf die Praxis zeigt, dass die Kundschaft grundsätzlich vernünftig an das Thema herangeht, wie man auch an den Zahlen des Branchenverbandes BVI sieht. Aus den summierten Nennungen ergeben sich deutlich mehr als 100 %, wobei – abgesehen von der fondsgebundenen Lebensversicherung – fünf Instrumente mit weniger als 5 % der Nennungen ausgelassen wurden. Diversifizieren ist wohl nie ein Fehler, wenn es um langfristige Absicherung geht.
Das in der aktiven Berufsphase angelegte Geld soll sich zunächst möglichst gut verzinsen, um einen zumindest ausreichenden Kapitalstock aufbauen zu können. Diese langfristige Anlageplanung ergibt zwangsläufig einen starken Zinseszinseffekt, so dass ein Prozentpunkt bei der Rendite auf 30 und mehr Jahre einen stärkeren Effekt auf das Ergebnis hat, als deutlich höhere oder niedrigere Sparraten. So rechnete der BVI einmal vor, dass Sparpläne mit Aktieninvestmentfonds über 30 Jahre bisher im Durchschnitt bei einer monatlichen Sparrate von 100 Euro ein Endvermögen von knapp 170.000 Euro erbracht hätten. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Verzinsung von 8,9 % der angesparten Mittel. Erzielen die Fonds dagegen nur 7 %, so fällt das Ergebnis auf rund gerechnete 113.000 Euro, was fast ein volles Drittel weniger ist. Zum Vergleich: Dieses relativ schlechtere Ergebnis hätte man mit höheren Durchschnittsverzinsungen schon bei einem Einsatz von rund 70 Euro monatlich erzielt.
Ein scharfer Blick auf die Rendite bedeutet also nicht unbedingt Gier, sondern eher Vorsicht. Denn die aus dem Endwert des Vermögens erzielbare Rente verändert sich natürlich proportional zum erzielten Kapitalstock. Und da macht es schon einen Unterschied, ob man sich am Ende mit 700 Euro Zusatzrente monatlich begnügen muss, oder aber fast 1.100 Euro monatlich auf das Konto bekommt.
Wohneigentum. Dieser Renditeeffekt dürfte vor allem jene Kunden negativ erwischen, die ein Eigenheim zum Bestandteil ihrer Vorsorge gemacht haben. Wo immer das selbst genutzte Wohneigentum unter Versorgungsgesichtspunkten angepriesen wird, sollte bedacht werden: Die private Altersvorsorge wurde notwendig, weil unser staatliches Rentensystem bei einer schrumpfenden Bevölkerung nicht voll arbeitsfähig bleiben kann. Schließlich ist der Saldo aus Geburten und Sterbefällen hierzulande seit Anfang der 70er Jahre negativ gewesen, die Lücken sind längst im Arbeitsmarkt angekommen und wurden durch die gleichzeitig politisch bekämpfte Zuwanderung nur mühsam überdeckt. Weniger Einzahler sind aber auch weniger Einwohner – und damit weniger Nachfrager nach den mühsam angeschafften Häusern. Schon heute ist absehbar, dass die Vorsorge- Rechnung nur für jene Eigentümer aufgehen wird, die ihre Objekte an Standorten haben, die vom Bevölkerungsrückgang eher profitieren werden. Dies sind die heute schon wirtschaftlich starken Zentren wie die Großräume um Hamburg oder München, das Rhein-Main-Gebiet, der Stuttgarter Raum oder die Gegend um Köln und Düsseldorf. Wo dagegen schon heute mehr Landschaft als Leute und Jobs vorhanden ist, rutschen die Preise schon der demografischen Verwerfungen wegen. Dort ist das Wohnen im selbstfinanzierten Eigenheim wirtschaftlich als stille Geldverbrennung anzusehen. Damit ist wohl klar: Wohneigentum gehört nur dann in die Backmischung „Fröhlicher Ruhestand“, wenn es an starken Standorten beschafft wird.
Auch der Blick auf die erreichten Gewichte zwingt zur Vorsicht gegenüber dem Betongold: Die Deckungsrückstellungen der Lebensversicherer stehen bei etwa 550 bis 600 Mrd. Euro, in der gleichen Größenordnung bewegt sich das Volumen der Publikums-Investmentfonds (etwa 580 Mrd. Euro). Die von den Privaten gehaltenen Immobilien werden dagegen auf etwa 3.500 Mrd. Euro geschätzt, das sind 3,5 Billionen Euro.
Dem Renditeziel stehen immer Risiken gegenüber. Fühlbar mehr als bei der Anlage in staatlichen Schuldscheinen (Schatzbriefe, Obligationen, Bundesanleihen) gibt es nur bei Übernahme von zusätzlichen Risiken. Gefragt ist daher ein professionelles Management, das das Chancen-Risiko-Verhältnis im Sinne der Kunden optimiert. Hier tummeln sich die Profis des Asset Managements und darin ist wohl auch der Grund für das starke Wachstum der Spezialfonds zu sehen. Laut Branchenstatistik haben diese gemessen am Volumen in den letzten Jahren die Publikumsfonds deutlich überholt. Unterm Strich dürfte das aus den Unternehmen ausgelagerte und in die Fonds geflossene Sozialkapital zusammen mit den direkt von Privaten angesparten Summen bereits einen dreistelligen Milliardenbetrag erreicht haben.
Auch Produkte wie Riester-Rente oder der betrieblichen Altersvorsorge stützen sich häufig auf solche im speziellen Auftrag und zuweilen auch nach speziellen Vorgaben (vor allem zum Risikomanagement) geführten Fonds. Ebenso die Lebensversicherer greifen natürlich auf die Kompetenz der Fondsbranche zurück und lassen einen beachtlichen Teil ihrer Mittel dort verwalten.
Auch das beste Management kann aber an einem Risiko nur wenig ändern: Wenn der Aktienfonds-Sparplan in einen ungünstigen Börsentrend hineinläuft, sinken die Renditen ins „Aschgraue“. Die Ergebnisse von Fondssparplänen mit 30 Jahren Laufzeit wiesen in einer Studie des map-report eine Spannweite zwischen 2 und 12 % aus, je nachdem wo jeweils Start- und Endpunkt der 30-jährigen Laufzeit angenommen wurde. Zudem zeigt diese Studie auch den ausgleichenden Effekt einer langen Sparphase. Bei den kürzeren Laufzeiten sind Spannweiten zwischen bestem und schechtestem Ergebnis noch größer. Beim Vergleich auf Basis von 10 Jahren ergibt sich laut map-report eine Spanne der Renditen von 31 % bis zu einem Minus von 6,3 %. Je länger die Laufzeit der Ansparphase, desto stärker wirkt sich der ausgleichende Effekt einer Durchschnittsbildung bei den Kaufkursen im Auf und Ab der Märkte aus. Gewinn und Verlust hängen hier sehr stark davon ab, ob die Kursverläufe auf den Märkten richtig eingeschätzt und die Ausstiegspunkte zumindest nicht allzu ungünstig gewählt werden.
Daher werden inzwischen Modelle angeboten, die gewissermaßen einen Lebenszyklus abbilden: In den ersten Jahren wird eher renditeorientiert angelegt (praktisch: hoher Aktienanteil), um einen kräftigen Ansparstart hinzulegen. Je näher es an den Endpunkt der Sparphase geht, desto vorsichtiger wird die Anlage strukturiert (praktisch: steigender Anteil von Immobilien-, Renten- und Geldmarktfonds), um das Risiko zum Ausstiegszeitpunkt zu minimieren.
In jedem Falle gilt: Hier können viele teure Fehler gemacht werden. Vor diesem Hintergrund wird denn auch die Einschätzung von map-report- Herausgeber Manfred Poweleit nachvollziehbar: „Die normale Kapitallebensversicherung ist und bleibt für die überwiegende Mehrheit der Kunden das wichtigste Vorsorge-Instrument.“ Die Kombination aus einer – wenn auch niedrigen – Garantieverzinsung mit einer traditionell auf Sicherheit ausgerichteten Anlagepolitik und der Möglichkeit, das Anlageergebnis direkt als Leibrente zu verwerten. Kurz: Die alte KLV-Police ist relativ sicher und wenig fehleranfällig.
Aus der Perspektive des einzelnen Anlegers bleibt ein grundsätzliches Problem: Wie immer er sein Geld anlegt – sein einziges Mittel gegen ineffiziente oder unseriöse Geldverwalter ist Flexibilität. Nur wenn der Wechsel zu einer anderen Anlage möglich ist, kann einem schlechten Vermögensmanagement begegnet werden. Diese Flexibilität ist nicht zuletzt auch wegen der notorischen Intransparenz der Fonds ein wichtiger Punkt: Die Anleger haben gar keinen Einfluss auf die laufende Verwaltung und nur wenig Information darüber, welche Anlagen konkret getätigt werden. Sie (wie auch professionelle Analysten) können sich nur an die effektiven Ergebnisse halten, um im Verbund mit den spärlichen Informationen Schlüsse auf die tatsächlich verfolgten Anlagestrategien zu ziehen. Den Sparern wird eine Blackbox als Anlagevehikel geboten. Die nötige Flexibilität steht dem Renditeziel tendenziell entgegen, weil mit dem Recht der Sparer auf Abzug der Mittel auf Seiten des Managements Liquidität vorgehalten werden muss, was zu Lasten der Rendite geht.
Aus dieser Sicht haben vor allem Fondspolicen einen gewichtigen Nachteil, weil sie in aller Regel genau diese Flexibilität auf der Ebene der Anlage nicht bieten können. Eine langfristige feste Bindung auf Gedeih und Verderb an einen einzigen Manager ist schon ein gewichtiges Risiko. Zumal auch hier das Problem des Zeitpunktes der Auflösung wieder voll zuschlagen kann: Am Ende der Sparphase müssen die Fondszertifikate versilbert werden. Die effektiv gebotene Leistung lässt sich nämlich als Summe aus Risiko-Lebensversicherung plus Fondssparplan darstellen. In aller Regel ist die direkte Beschaffung dieser Einzelteile für den Sparer günstiger. Zudem bietet der Fondssparplan mehr Flexibilität und Chancen als die feste Bindung an einen Fonds. „Die Fondspolicen sind so nützlich wie geschlossene Fonds, deren Vermögen ausschließlich in Investmentfonds angelegt wird“, kritisiert denn auch der ehemalige DFI-Chef und Branchenkenner Helmut Kapferer diese Produktlinie. Kapferer sieht nicht zuletzt die zugunsten der Fondspolice ausgerichtete Provisionsstruktur als Problem: So würden die aus seiner Sicht im Interesse der Kunden handelnden Vertriebe auch noch bestraft.
Bei der Altersvorsorge ist aber noch ein anderes Risiko zu beachten: Ein sehr langes Leben bedeutet auch einen sehr langfristiger Bedarf. Wer also das Glück hat, lange zu leben, könnte damit auch Pech gehabt haben: Ohne Versicherung kann die benötigte, lebenslange Rente nicht sicher dargestellt werden. Neben den Diensten der Portfolio-Manager muss die Risikotragfähigkeit der Versicherungen in Anspruch genommen werden, um die nötige Sicherheit herzustellen. Allerdings haben die Versicherer durch handwerkliche Fehler selbst dazu beigetragen, das Image der privaten Rentenversicherung zu beschädigen: In 15 Jahren drei verschiedene Sterbetafeln (1989, 1994 und 2004) mit entsprechenden Tarifanpassungen haben das Vertrauen in die Kompetenz der Versicherer angeschlagen, weil die Schäden durch eine zu niedrig kalkulierte Lebenserwartung durch Leistungskürzungen an die Kundschaft weitergegeben wurden. Zumal hier noch ein weiteres Problem im Hintergrund steht: Die Leistung der Versicherung kann nur in Bezug auf den nominalen Betrag sicher sein, die Inflation wird damit zur latenten Gefahr.
In jedem Falle sollte deutlich sein, dass jede Anlagestrategie an den drei genannten Kriterien zu messen ist: Optimierung der Rendite vor dem Hintergrund Chance-Risiko, Flexibilität oder Absicherung in der Ansparphase und Absicherung des Risikos Langlebigkeit. Diese drei Punkte sind entscheidend. Der zweite, nicht triviale Baustein ist die Frage: Wie viel Einkommen soll eigentlich abgesichert werden? Derzeit werden aus der staatlichen Rentenkasse durchschnittlich knapp 1.000 Euro gezahlt. Die beschönigend als „Verlängerung der Lebensarbeitszeit“ verkaufte effektive Rentenkürzung wird diesen Betrag noch nach unten bringen. Bei nur 500 Euro Miete und einem VW Golf (monatliche Vollkosten bei etwa 400 Euro laut ADAC) bleibt schon kaum genug für Lebensmittel. Der Bundesgerichtshof hatte unlängst im Rahmen von Unterhaltsansprüchen über die angemessene Höhe der privaten Vorsorge zu entscheiden und legte sich auf 5 % vom Einkommen fest. Damit ergibt sich nach Berechnungen des map-report ein laufender Monatsbeitrag in der Größenordnung von ca. 150 Euro. So kann man bei 40-jähriger Ansparfrist in der privaten Rentenversicherung 450 bis 500 Euro monatliche Zusatzrente erzielen. Auch dann bleibt es noch knapp.
(Martin Klingsporn)







