Verluste in der Branche
Die Reise nach Jerusalem: Wer gewinnt? Wer verliert?
Nie waren Verluste in der Branche geschlossene Fonds größer als heute. Die Bilanzen der großen Emittenten zeigen hohe Zahlen auf der falschen Kontoseite. Werden diese Beträge jemals wieder hereingeholt? finanzwelt hat nachgefragt und festgestellt, dass es auch Beispiele gibt, die Laune machen.
Die Pressesprecherin des großen Emissionshauses war genervt: „Wie können Sie so viele Fragen stellen, wozu wollen Sie so detailliert wissen, wie es uns geht? Wir haben eh schon genug zu tun.“ Dabei wollen wir nur wissen, wann und wie die Verluste, die sich derzeit in der Bilanz ihres und anderer Emissionshäuser addieren, wieder verdient werden sollen. Das wollen doch Aktionäre und zehntausende von Anlegern wissen! Statt Verständnis der Nachschlag der ansonsten freundlichen Pressedame: „Denken Sie bloß nicht, dass unser CEO Ihren Brief vorgelegt bekommt, nur weil Sie ihn angeschrieben haben.“ Nein, jetzt denken wir das nicht mehr.
Belegt diese Reaktion, welche Stimmung bei den großen Emissionshäusern derzeit herrscht? Möglich! Die angeschriebenen Emissionshäuser haben unsere Anfragen doch alle beantwortet, auch das Haus der genervten Pressedame tat dies. Zwei Fragen haben wir den Hamburgern MPC, HCI und Lloyd Fonds, also den wichtigen, börsennotierten Produktanbietern, gestellt:
Welche Maßnahmen haben die Initiatorenhäuser neben allgemeinen Umstrukturierungs-und Kosteneinsparungsmaßnahmen ergriffen, um die Verluste wieder aufzufangen, und welche Maßnahmen planen diese, um künftigen Verlusten entgegenzuwirken?
Die Antworten waren unterschiedlich detailliert.
Bei HCI sind es zwei Aussagen, die auffallen. Erstens: Das Produktangebot wird auf derzeitig relevante Anleger-Bedürfnisse ausgeweitet. Und zweitens: HCI hat eine Kommunikationsoffensive in Richtung auf Vertriebe und Zeichner gestartet. HCI:
„Wir haben das Team für die Anlegerkommunikation ausgebaut und neu aufgestellt, um unsere Anleger zeitnah und transparent über die Entwicklung ihrer Investments zu informieren.“ Das ist großartig.
Auch bei MPC und Lloyd Fonds wird an einer Arondierung und Anpassung des Produktangebotes gearbeitet. Allen Antworten haben gemeinsam, was HCI wie folgt zusammenfasst: „Wir wollen Umsätze sichern, Kosten senken und die gestiegenen Kosten abschirmen.“
Es ist eine Erkenntnis der Finanzkrise, jedenfalls sehe ich es so, dass die Produktangebote der Zukunft nicht mehr wie in der Vergangenheit aussehen werden. Diese Meinung teilt offenbar auch HCI, denn: „Wir haben unser Produktangebot auf die derzeitigen Anlegerbedürfnisse ausgerichtet.“ Diese definiert HCI vor allem mit dem Wort Sicherheit. Für künftige Schiffsfonds legt der Konzern den Fokus auf Vermögensaufbaupläne und Produkte mit Kapital- und Ausschüttungsgarantien. Der klassische Schiffsfonds von HCI wird künftig als Private Placement gestaltet. Schiffs-Opportunity-Fonds werden wir von HCI auch künftig sehen. Der avisierte Start eines ersten HCI-Solarfonds ist gleichbedeutend mit dem Auflegen einer neuen Asset- Familie.
Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass die HCI-Idee, mit Garantien Platzierungserfolge zu erzielen, greifen wird. Anleger, die ein wenig Erfahrung haben, und Berater, die sich in der Vergangenheit auskennen, wissen, dass Garantien meist dann gegeben werden, wenn Märkte, Unternehmenskonzepte oder Verantwortliche nicht ganz sicher sind, ob die entsprechenden Erwartungen, die in den Platzierungskonzepten avisiert werden, wirklich belastbar sind. Gute Konzepte und gute Unternehmer verzichten auf Garantien.
Unter dem Stichwort „Abschirmung von Risiken“ allerdings betritt HCI Neuland und folgt damit als erstes deutsches Emissionshaus den von mir in finanzwelt-Ausgabe 04/2009 vorgestellten Überlegungen zu Fonds-Management und Controlling- Maßnahmen der Zukunft. Ich schrieb unter der Überschrift „Bosse oder Crash Test Dummies“: „Wir brauchen qualifiziertes Fonds-Management.“ Ich habe Fonds- Manager gefordert, die eigenverantwortlich neben dem Führungsteam des Initiators wirken. Dazu gehört selbstverständlich auch Controlling-Know-how. Das ist die Voraussetzung für aussagestarke Leistungsbilanzen.
HCI heute: „Es erhöhen sich aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise die Anforderungen an das Fonds-Management.“ Wie wahr. HCI hat deshalb „... das Fondsmanagement neu aufgestellt.“ Es wurde das Fondscontrolling weiter entwickelt, „... um Problemfälle rechtzeitig identifizieren zu können.“ Auch die Anforderung an die Anlegerkommunikation wird verändert und der Zeit angepasst. Warum? „Weil die Anleger verstärkte Transparenz und Informationen über die aktuelle Entwicklung ihrer Beteiligung erwarten.“ Glückwunsch, Dr. Friedrichs (Vorstandschef HCI). Wenn sie wirklich auf meine Anregungen reagierten, dann war das schnell. Wie auch immer. Diese Pläne sind zur Nachahmung empfohlen.
Ich kann mir vorstellen, dass dieses und das HCI-Restrukturierungs-Konzept, das wie HCI schreibt „mit den Hauptgläubiger- Banken und Haupt-Gesellschaftern erarbeitet wurde“, den Weg zu neuen Gewinnen bereiten wird.
Lloyd-Fonds, und zwar Dr. Torsten Teichert, der Vorstandsvorsitzende des Hauses, beantwortet unsere Fragen am 5. November 2009 wie folgt:
„Wir haben frühzeitig auf die veränderten Marktbedingungen reagiert und im Rahmen unserer Neuausrichtung zahlreiche Maßnahmen durchgeführt. Zu diesen zählten unter anderem die Entlassungen Ende letzten Jahres, die Restrukturierung der internen Prozesse, eine Intensivierung des Vertriebs, eine Fokussierung auf die Kernbereiche Immobilien, Schifffahrt und Transport sowie die Reduzierung der Schiffspipeline. Wir sind damit schon ein gutes Stück vorangekommen. Darüber hinaus stehen wir im Rahmen der Risikominimierung im intensiven Dialog mit unseren Finanzierungspartnern, um eine Lösung für Schiffspipeline und laufende Zwischenfinanzierungen zu erarbeiten. Die Gespräche mit unseren Partnern waren bisher sehr konstruktiv und wir sind bereits einen guten Schritt vorangekommen.“
Dann, am 11. November 2009, versendet Lloyd Fonds eine Pressemitteilung mit der bemerkenswerten Information „Lloyd Fonds AG gründet Investoren-Beirat und stärkt aktiven Dialog mit ihren Anlegern“. Drei Wochen nach der HCI-Entscheidung, die Investoren besser zu integrieren, zieht Lloyd Fonds nach, denn was ist die Einbindung der Investoren als Beirat anderes (wenn ernst gemeint), als dem Management einen Aufsichtsrat zur Seite zu stellen? Die Begründung von Lloyd Fonds: „Die Finanzkrise ist gleichzeitig auch eine Vertrauenskrise der Anleger, die sich auf alle Finanzprodukte erstreckt. Emissionshäuser geschlossener Fonds sind aufgrund der indirekten Kommunikation über Vertriebspartner in der Vergangenheit oft nicht nah genug am Anleger gewesen. Ein direkter Meinungsaustausch mit den Anlegern wird zukünftig aber notwendig sein, um im Markt bestehen zu können“, so Teichert. Erstmals in der Unternehmensgeschichte verzeichnete der Emissionsgigant MPC Hamburg 2008 einen Verlust: 96 Mio. Euro. Unsere Fragen an den Vorstand beantwortete MPC unter anderem so:
„Auf der Produktseite haben wir uns auf klassische Core-Immobilienfonds sowie einem Energie- und Rohstofffonds konzentriert, da diese Produktsegmente von der Nachfrageschwäche deutlich weniger betroffen sind. Unser Augenmerk gilt der Stärkung des Vertriebs.“ Und weiter: „Klassische Sachwert- Fonds, innovativ und nach den höchsten Qualitätsstandards konzipiert, stellen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten attraktive Investitionsmöglichkeiten dar.“
Zusammengefasst zeigen die MPC-Antworten nicht den erwarteten „Ruck“, der durch die klassischen MPC-Platzierungsprogramme und Managementstrukturen gehen könnte, müsste, sollte. Es klingt alles ein wenig nach „business as usual“ auf gedrücktem Niveau.
Die Großen machen ernsthafte Anstalten, etwas zu verändern und, das wünsche ich jedenfalls, sie werden ihre Verluste tilgen und ihre Anleger hoffentlich weitgehend von Problemen verschonen können. Große Impulse allerdings gehen von den börsennotierten Marktpartnern noch nicht aus. Die Vorbildfunktion der Emissionsgiganten ist möglicherweise Geschichte.
Verluste überall, aber auch jede Menge Erfolge gibt es derzeit. Meinen Hut ziehe ich vor Christoph Kahl. Der Mann mit der Fliege hat eine Sensation vollbracht. Am 30. September 2009 schloss der Jamestown Fonds & Co. Invest Nr. 5 mit 450 Mio. US-Dollar Cash auf der Bank. Eingesammelt für US-Immobilien in 705 Tagen. Still und heimlich, keiner hat’s gemerkt. Ich wette, wenn das Geld investiert ist, wird es mit Turbogeschwindigkeit weiter wachsen (s. unseren Beitrag USA-Immobilien S. 50 ff.).
Ganz stark auch Jürgen Salamon, Chef von Dr. Peters, Dortmund. Auf dem Branchenmeeting der Kollegen von Fonds & Co. in Hamburg kürzlich steht er neben mir an der Bar, trinkt in bester Laune ein Glas Wein und sagt zu mir: „Können Sie sich vorstellen, dass wir für unseren großen Airbus 380 in drei Wochen 30 Millionen eingesammelt haben?“
Stark ist auch die Leistung des neuen Initiators POC, Berlin. Frau Monika Galbas jüngster Öl-Fonds hat in wenigen Monaten 20 Mio. Euro auf dem Konto. Solche Konzepte wie POC müssen die Großen ins Grübeln bringen.
Schauen wir uns an, warum die einen Erfolge feiern, die anderen ihre Wunden lecken. Ich habe da meine Theorien. Wer in den letzten Ausgaben der finanzwelt meine Berichte gelesen hat, wird wissen, welche ich meine. Es sind die Parameter, die die Branche geschlossener Fonds umkrempeln werden.
Management: Es kommt nicht auf die Finanz- und Vertriebs-Stars an der Spitze der Emissionshäuser an, sondern auf die nachhaltig wirksam eingesetzte Kompetenz an der Spitze des Fonds.
Unternehmer-Flair, Know-how und Kontinuität: Nicht die diversifizierten Multi-Asset-Fonds, die angeblich so risikostreuend sind, sind gefragt, sondern Mit-Unternehmer-Konzepte. Das sind solche, wie Kahl und Salamon sie vormachen.
Reporting-und Controlling-Elemente: Nicht umsonst schreibt das Aktienrecht den Vorständen von Aktiengesellschaften vor, wie und was sie zu berichten haben. Ich rate den Chefetagen der börsennotierten Häuser die ihnen vorgeschriebenen Pflichten an die Fondschefs weiterzugeben oder bei neuen Fonds ähnliche Pflichten zu schaffen. Transparenz ist Trumpf. Wenn das geschieht, werden die großen Häuser wieder zum Vorbild.
Szenenwechsel: Die Emittenten geben die Produkte vor, Vertriebe und Berater platzieren. Wenn deren Stimmung am Boden ist, leiden die Emittenten noch größere Qualen. Wie sich die Stimmungslage der Vermittler in den letzten zwölf Monaten entwickelt hat? Lesen Sie, was unser Vertriebs-Round Table ab Seite 110 dazu sagt.
(Dieter E. Jansen)







