Geldpolitik – EZB
Die Sprache des Beton
Architektur und Formensprache öffentlicher Bauten sagen immer etwas über das Selbstverständnis der darin beheimateten Institutionen. Im Fall der neuen EZB kommt aber noch ein Streit hinzu, der unversehens die Grenzen des konventionellen ökonomischen Denkens bloßlegt.
Schon der Ort der neuen EZB demonstriert den Machtanspruch. Die Hüter der Gemeinschaftswährung haben sich von den Türmen des Bankenviertels nach Osten abgesetzt auf das Gelände des ehemaligen Großmarktes. Sie sind nicht Teil der Banken-Community etwa auf den freien Flächen an der Messe, sie stehen ihr stattdessen gegenüber und halten auf Abstand gegenüber den kontrollierten und gesteuerten Banken. Der Entwurf des renommierten Wiener Büros COOP Himmelb( l)au geht konsequent weiter: Die beiden ineinander gedrehten Türme stellen die konventionellen Bankbauten klar in den Schatten. Die Botschaft: Die Mächtigen beherrschen Kunststückchen, die die weniger mächtigen nur bestaunen aber nicht kopieren können.
Zu den beiden dominierenden Türmen kommt die als Konferenz- und Eingangsbereich neugenutzte Großmarkthalle des Stadtbaumeisters Martin Elsässer, die von Frankfurter Lokalpatrioten so heftig verteidigte „Gemüsekirche“. Auch der seit der Fertigstellung 1928 bewunderte Raum wird zum Objekt der Machtdemonstration: Die Verbindung zwischen Halle und Türmen wird durch einen Verbindungstrakt hergestellt, der auf der Halle zu liegen scheint.
Der Clou: Dieser Baukörper schneidet schräg alle Fluchtlinien der alten Halle und nimmt ihr damit die Eigenständigkeit:
„Seht her, wir machen uns das alte Gemäueruntertan!“
Das Ganze ist ein gelungenes Stück Architektur, die EZB erhält damit einen angemessenen öffentlichen Auftritt, der das Selbstverständnis einer mächtigen Notenbank in Stahl, Glas und Beton umsetzt.
Ähnlich gingen schon die Preußen vor, als sie im 19. Jahrhundert die bis auf eine Außenmauer und die Fundamente längst untergegangene spätantike Thronhalle Kaiser Konstantins in Trier wiederherstellen ließen. Der Bau stößt direkt an die rosa-weißgolden schimmernde Rokoko-Fassade des erzbischöflichen Palais und überragt es. Auch dies eine Machtdemonstration: Das erzbischöfliche Kurfürstentum war 1803 in der napoleonischen Neuordnung Europas untergegangen. Der Wiener Kongress sprach das katholische Land den protestantischen Königen von Preußen zu – die nicht dulden wollten, dass in ihrer neu erworbenen Stadt die katholischen Kirchen größer waren als die protestantischen. Der Wiederaufbau der Basilika („Kaisersaal“) Konstantins und die Umwidmung in eine Kirche war da ein genialer PR-Schachzug: Der Gründer des christlichen Europa wurde für Preußen vereinnahmt, der Sitz des Erzbischofs degradiert und die Katholiken im Wettlauf um die größte Kirche am Ort abgehängt.
Der vergleichbar demonstrative Eingriff in Elsässers bewunderte Halle hat anfänglich heftigen Widerstand hervorgerufen, der sich gegen den frei gestaltenden Umgang mit dem kulturellen Erbe richtet – was freilich gerade als typische Haltung der Moderne zu verstehen ist, wie etwa der niederländische Kulturhistoriker Jacob Huizinga in seinem „Homo Ludens“ verdeutlicht: Erst mit der Moderne verschwindet die im spielerischen liegende Vitalität, die wichtiger Antrieb der künstlerischen Gestaltung ist. Sie wird „von ihrer vitalen Funktion des Gemeinschaftslebens losgelöst“ und in Reservate wie Museen und Galerien verbannt, ein Indianerschicksal. Diese Haltung war dem Baumeister Johannes Seiz völlig fremd, als er den Rokoko- Flügel des erzbischöflichen Palais zwischen den antiken Mauerresten und den strengen Formen des Renaissance-Flügels aufspannte. Rücksichtnahme auf irgendein historisches Erbe war ihm und seiner Zeit fremd. Der kubanisch-französische Romancier und Musikwissenschaftler Alejo Carpentier hat diese Haltung des 18. Jahrhunderts farbenprächtig in Szene gesetzt in der Beschreibung eines (fiktiven) Treffens der Komponisten Händel und Vivaldi im venezianischen Karneval 1712. Beim Katerfrühstück auf der Friedhofsinsel San Michele entspinnt sich folgender Dialog: „Igor Strawinski“, sagte Vivaldi buchstabierend. „Stimmt“, sagte der Deutsche, „Er wollte auf diesem Friedhof ruhen.“ – „Ein guter Musiker“, sagte Vivaldi, „aber manchmal sehr altmodisch in seinen Vor haben“. „Ich kenne seinen `Oedipus Rex´“, sagte der Deutsche; „Manche behaupten, dass er am Schluss des ersten Aktes an meine Musik anklingt. Auch sein `Canticum Sacrum´ haben sie in San Marco gespielt. Darin kommen Melismen in einem mittelalterlichen Stil vor, den wir längst hinter uns gelassen haben.“ – „Das kommt daher, dass diese avantgardistischen Musiker sich unglaublich anstrengen zu erfahren, was die Musiker der Vergangenheit machten. Darin sind wir weit moderner. Mir ist es scheißegal, wie die Opern und Konzerte vor hundert Jahren waren. Ich mache meine Musik nach bestem Können und Vermögen und Punktum.“
Da bleibt kein Zweifel, Strawinski ist schon sehr tot, während Vivaldi und Händel dank ihrer künstlerischen Vitalität immer noch sehr lebendig sind.
Genau diese Vitalität beweist auch das neue Domizil der EZB von COOP Himmelb( l)au und liefert damit den Stein des Anstoßes für die Kulturerbe-Bewahrer – und eine Mahnung an die EZB-Ökonomen: Diese Vitalität erzeugt so schnell und tiefgehend neue Perspektiven und Möglichkeiten, dass die Stabilität der Finanzmärkte bedroht wird. Die Fähigkeit der Finanzmärkte, Erwartungen und immer neue Informationen über die Zukunft in Preise umzusetzen und damit die Ströme von Investition und Finanzierung systemkonform zu lenken, ist nämlich erstaunlich eng begrenzt. Besonders gefährlich sind Wachstumserwartungen jenseits der mathematischen Stabilitätsgrenzen. Wachsen etwa die durch Aktien verbrieften Einkommensströme mit einer höheren Rate als sie wegen der zeitlichen Entfernung per Diskontierung verkleinert werden, explodieren die aktuellen Kapitalwerte gegen unendlich. Ein praktisches Beispiel lieferte die Spekulationsblase 2000/2001. Ebenso problematisch sind Neubewertungen, die zuvor Sichergeglaubtes infrage stellen, denn diese Unsicherheit ist finanztechnisch kaum versicherbar, in der Konsequenz häufig panikerzeugend, wie etwa jede Währungskrise zeigt. Der Bau der EZB mit der völligen Umnutzung und Umwertung der „Gemüsekirche“ ist aber genau so ein Fall.
(Martin Klingsporn)







