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Marktausblick

Die Wende geschafft?

In den letzten sechs Wochen gab es bereits eine Reihe überraschend guter Nachrichten, vor allem unter den Daten für das 2. Quartal, die auf den beginnenden Aufschwung deuten. Die wichtigste kam jetzt aus den USA: Im 2. Quartal 2009 stoppte der seit dem 3. Quartal 2007 anhaltende Abwärtstrend der privaten Vermögen in den USA.

Einen so langen Abwärtstrend hat es noch nie gegeben, soweit die Statistik zurückreicht: Sechs aufeinanderfolgende Quartale, in denen das Vermögen der US-Bürger fühlbar schrumpfte. Und der Verlust ist beachtlich, die US-Bürger verloren in eineinhalb Jahren rechnerisch etwas mehr als ein Achtel (12,8 %) ihres Nettovermögens. Nimmt man die absoluten Zahlen der Vermögensrechnung der FED (Flow-of-Funds) und des CIA-Factbooks (307,2 Mio. Einwohner) dann ist das Vermögen pro Kopf von Oktober 2007 bis März 2009 kontinuierlich von 191.026 USD auf 166.476 USD geschrumpft. Das 2. Quartal des laufenden Jahres brachte eine Wende mit dem Zuwachs um knapp 2 Bio. USD (1.998 Mrd.), was pro Kopf immerhin 6.505 USD ausmacht.

Die US-Vermögensstatistik spielt für die globale Konjunktur eine zentrale Rolle, weil die Nachfrage der US-Bürger nach wie vor einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der letzten Jahre war – was freilich auch einen Teil der Krise ausmachte: Die US-Nachfrage selbst wurde durch eine ständig steigende Verschuldung angetrieben, was zunächst das Wachstum rund um den Globus angefacht hatte und dann in den Kollaps mündete.

Die Erholung auf der Vermögensebene steht in Einklang mit der Rückkehr zum Wachstum in wichtigen Volkswirtschaften: Frankreich und Deutschland in Europa, ebenso Japan und Korea in Asien. Dennoch finden sich nach wie vor vorsichtige und warnende Stimmen. Prominentestes Beispiel aus Deutschland dürfte Norbert Walter sein: Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank sieht aktuell große Risiken und befürchtet, dass die momentan positiven Nachrichten ein irreführendes Zwischenspiel darstellen. Aus seiner Sicht sind die guten Zahlen lediglich das Ergebnis der massiven politischen Anstrengungen, die Weltwirtschaft nicht in eine Depression abrutschen zu lassen. Es wird sofort wieder schwierig, wenn in den kommenden Monaten Subventionen wie die Abwrackprämie auslaufen und die Notenbanken gleichzeitig daran gehen müssen, die Zinsen wieder hoch zu setzen und die reichlich verteilte Liquidität wieder einzusammeln, um Inflationstendenzen zu stoppen. Hier besteht die große Gefahr, den Aufschwung abzuwürgen. Folge wären dann unvermeidlich auch neue Einbrüche der Finanzmärkte, allen voran der schon in Erwartung des Aufschwungs deutlich gestiegenen Börsen.

Weniger lautstark, aber einflussreich ist die EZB, die mit ihren jüngst vorgestellten Projektionen ebenfalls durch ihre Skepsis überraschte: Ihre Anfang September veröffentlichten Wachstumserwartungen für 2010 lagen deutlich unter dem, was die Bankvolkswirte auf der Rechnung hatten. Allerdings sind „Prognosen“ von Seiten einer Notenbank mit Vorsicht zu genießen: Aus Sicht der Währungshüter sind solche Zahlenwerke Instrumente, Mittel zum Zweck, mit dem die Märkte gesteuert werden sollen. Eine möglichst exakte Vorhersage ist dabei nicht das wichtigste Kriterium. Von daher betrachtet, kann man trefflich über die „wahre“ Haltung der EZB spekulieren. Ein unausgesprochener Faktor ist die klar erkennbare Überbewertung des Euro, die der exportorientierten Industrie zunehmend zu schaffen macht. Der wichtigste Antrieb des Aufschwungs kommt derzeit aus Asien mit der Nachfrage, die durch die expansive Politik der Pekinger Regierung angeregt wurde. Dieser exportgestützte Aufschwung könnte durch einen zu starken Euro (aus-)gebremst werden. Da wäre eine bisschen EZB-Skepsis gegenüber der eigenen Wirtschaftskraft angebracht – und zudem ein Mittel, den Euro ein wenig herunterzureden.

In diesen Überlegungen und Prognosen kommt eine beachtliche Unsicherheit zum Vorschein: Eine Krise wird meist als Korrektur verstanden, die von gelaufenen Fehlentwicklungen zurück zur „Normalität“ führt. Die aktuelle Krise lässt so ein Zurück aber nicht zu: Die Ursachen der Krise liegen im „business as usual“ der vergangenen Jahre. Bestes Beispiel sind die aktuellen Zahlen aus den USA. Die an sich positive Wendung in der Vermögensrechnung der privaten Haushalte hat einen schalen Beigeschmack: 98 % des Zugewinns beim Nettovermögen sind durch bloße Marktwertänderungen des Bestandes generiert worden, nur die restlichen 2 % sind reales Ersparnis, die sich in Investitionen (1,75 %) und Netto-Schuldentilgung (0,25 %) niederschlagen. Dieser „Erfolg“ sieht dem Weg in die Probleme hinein verdächtig ähnlich, eine vertrauenerweckende Basis für einen anhaltenden Aufschwung fühlt sich anders an.

Zumal das Wachstum eben nicht wieder auf die alten Bahnen zurückkehren kann. Der Einbruch hat die Produktionskapazitäten nicht einfach nur lahmgelegt, sondern auch in nennenswertem Umfang vernichtet, argumentiert Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Schon von daher ist die Rückkehr auf die alten Wachstumspfade seiner Auffassung nach ausgeschlossen. Ähnlich argumentieren das Research der Helaba um Chefvolkswirtin Gertrud Traut, die die Auftriebskräfte in den USA gebremst sehen durch die strukturellen Probleme, die zur Krise geführt haben: Vor allem die privaten Haushalte werden noch einige Zeit brauchen, um ihre Verschuldungsprobleme zu lösen. Daher werden die Wachstumsraten in den USA nicht an die Jahre ab 2004 (Durchschnitt 3,2 %) anschließen können.

Unterm Strich bleiben bestenfalls durchwachsene Aussichten, weil sich die Weltwirtschaftskrise eben nicht wie mit einem Lichtschalter einfach aus- und die neue Wachstumsphase einschalten lässt: „Erkennt der Markt die Risiken nicht oder will er sie nicht erkennen?“, fragt daher Kapitalmarkt-Analyst Dennis Nacken (AGI). Da verbietet sich eine allzu offensive Positionierung auf den Märkten: Die Favoriten der Asset Manager aus dem Allianz-Konzern sind die Segmente Emerging Markets und Unternehmen im Rentenmarkt.

(Martin Klingsporn)


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