Sehr geehrte Leserin, sehr geehrte Leser,
das Jahr neigt sich dem Ende zu und Resümee ziehend entsetzt mich die scheinbare Gleichgültigkeit vieler Konzerne gegenüber ihren Mitarbeitern. Die Werte, die einst unsere Gesellschaft prägten, weichen der Gewinnmaximierung. Dies ist nicht nur meine persönliche Wahrnehmung der vielen Geschehnisse. Aus diesem Grund lesen Sie hier einen Auszug des Interviews aus dem SPIEGEL mit einem Manager, der ein Unternehmen führt, das nicht nur phantastische Autos baut, sondern auch Verantwortung für seine Mitarbeiter übernimmt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – auch ich führe ein Unternehmen und möchte und muss Gewinne erzielen. Ich fühle mich jedoch nach inzwischen 13 Jahren als Inhaberin und Geschäftsführerin in meinen Werten bestätigt – und einer davon ist die Verantwortung den Menschen gegenüber, die an meiner Seite Tag für Tag die gleichen Ziele verfolgen.
„Auf welchem Stern leben wir?“Auszug eine Interviews, SPIEGEL – Ausgabe vom 25.09.2006
Porsche Chef Wendelin Wiedeking, 54, über die mangelnde Glaubwürdigkeit von Managern, die Milliardengewinne erwirtschaften und dennoch Arbeitsplätze abbauen oder verlagern.
SPIEGEL: Sie wollten mit Ihrem Buch „Anders ist besser“ Ihren Managerkollegen noch einmal die Leviten lesen. Vorständen bei der Allianz und der Deutschen Bank beispielsweise, die Milliardengewinne erwirtschaften und zugleich Tausende Arbeitsplätze streichen. Oder?
Wiedeking: Ich will niemanden die Leviten lesen, das steht mir auch nicht zu, sondern lediglich Anstöße geben. Es muss uns doch zu denken geben, wenn die Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Es ist nicht nachzuvollziehen, wenn Konzerne Rekordgewinne melden und zugleich ankündigen, dass sie Tausende von Arbeitsplätzen streichen. Aber ein möglichst hoher Gewinn kann doch nicht das einzige Ziel eines Unternehmens sein.
SPIEGEL: Bei Continental verzichtete die Belegschaft des Werks Hannover auf Teile des Einkommens. Ein halbes Jahr später entschied der Vorstand, dass die Produktion dennoch ins Ausland verlagert wird. Wer soll das noch verstehen?
Wiedeking: Niemand. Einige glauben, sie können Wertvorstellungen einfach über Bord werfen. Das könnte dazu führen, dass unsere ganze Gesellschaft instabil wird.
SPIEGEL: Plädieren Sie dafür, dass das alte deutsche Wirtschaftssystem mit seiner sozialen Marktwirtschaft, das immer mehr dem angloamerikanischen weicht, erhalten bleibt?
Wiedeking: Wir müssen nicht alles, was im angloamerikanischen Bereich funktioniert, eins zu eins kopieren, zumal wir ja den Beweis seit Jahrhunderten liefern, dass unsere Vorstellung von Wirtschaften auch funktioniert. Wir haben eine Tradition. Die Kultur in Europa ist deutlich älter als die in den USA. Die Fugger haben schon Handel betrieben, als in Amerika noch Jagen angesagt war. Der Druck ist groß. Aber man kann die Prämissen schon anders setzen. Bei Porsche lautet unsere Philosophie immer: Erst kommt der Kunde, dann kommen die Mitarbeiter, dann die Lieferanten und dann die Shareholder. Wenn die drei Ersten zufrieden sind, dann hat der Aktionär auch eine Menge Spaß.
Ich wünsche Ihnen eine traumhafte Vorweihnachtszeit im Kreise Ihrer Lieben und ein wenig Zeit zum Nachdenken.
Ihre
Dorothee Schöneich