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Editorial

Sehr geehrte Leserinnen,
sehr geehrte Leser,

manchmal überholt die Wirklichkeit die Prognosen so schnell, dass einem Hören und Sehen vergeht. Die Anfang November für diese Ausgabe zusammengestellten Einschätzungen von IWF, Sachverständigenrat und Forschungsinstituten hatten eine gemeinsame Grundlinie: Der Aufschwung in Deutschland geht, getragen von einer starken Weltkonjunktur, weiter, wenn auch etwas langsamer. Die Immobilienkrise in den USA, die zum Auslöser der Probleme auf dem Hypothekenmarkt wurde, sei zwar unangenehm, aber letztlich wohl doch überschaubar. So sah es bis gestern aus.

Diese freundliche Aussicht wird heute in Frage gestellt: Die Volkswirte der Deutschen Bank nehmen plötzlich das R-Wort in den Mund und sehen eine ernstzunehmende Wahrscheinlichkeit für eine weltweite Rezession. Es werden sogar schon Vergleiche gezogen zu den Krisen der 70er und 80er Jahre. Die Kette der Verlustmeldungen bei den großen US-Banken reisst nicht ab, mittlerweile summieren sich die offen eingestandenen Verluste aus dem Hypothekengeschäft bereits auf eine Größe von über 50 Mrd. USD. Der ständig nach oben korrigierte Pegelstand der Verluste weckt langsam Zweifel an der Fähigkeit der Banken, Investitionen und Geschäfte weiter im gewohnten Umfang zu finanzieren. Das gilt zumal für die großen Banken in den USA und Europa, die wichtige Finanziers der Emerging Markets sind. Wenn die Banken an dieser Stelle tatsächlich einknicken sollten, dann wird aus überschaubaren Finanzproblemen bald eine reale Krise, wenn die Währungshüter nicht massiv eingreifen.

Diese Nachrichten lassen die Gesundbeter des US-Marktes unter den deutschen Initiatoren in einem immer schrägeren Licht erscheinen: Zuerst wurde die Krise geleugnet. Derzeit werden die deutschen Anleger zu Gewinnern jener Krise erklärt, die es doch gar nicht gibt. Demnächst werden wir wohl hören, dass die Verluste in der Krise unvorhersehbar waren, weil niemand damit rechnen konnte, dass der Ölpreis über 100 USD steigt, oder der Wasserstand des Rheins so tief fällt, oder in China ein Sack Reis umfällt. Das alles wäre leider nur dann lustig, wenn dieser Unsinn nicht die Glaubwürdigkeit der Branche insgesamt beschädigen würde.

Die rasante Zuspitzung wird Folgen haben, selbst wenn die Krise weiter richtig gemanagt wird und von daher keine wirklich ernsten Konsequenzen zu befürchten sind. Das Rezessions- und Depressionsgerede sollte von daher mit viel Gelassenheit gesehen werden. Das Trommelfeuer der bedrohlich klingenden Nachrichten zieht aber die Stimmung nach unten, was vor allem bei den privaten Haushalten die Neigung zum Geldausgeben bremst und das Bedürfnis nach Sicherheit verstärken wird. Ganz praktisch: Die Leute werden ihre Portemonnaies weiter geschlossen halten und ordentlich sparen. Damit wird Geld für neue Umsätze weiter ausreichend vorhanden sein. Zum Zuge kommen wird aber nur, wer mit überzeugenden Argumenten das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Kundschaft befriedigen kann.

Viel Erfolg und eine schöne Vorweihnachtszeit wünscht Ihnen


Dorothee Schöneich





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