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Editorial

Sehr geehrte Leserinnen,
sehr geehrte Leser,

Ökologie, Nachhaltigkeit – das sind die Schlagworte, von denen sich viele in der Finanzbranche, vor allem die Spezialisten für Beteiligungen, einen neuen Frühling nach dem Ende der Steuermodelle erhoffen. Und es besteht auch kein Zweifel daran, dass nicht nur die aktuelle Bundesregierung, sondern auch praktisch alle derzeit denkbaren Alternativen in genau diese Richtung zielen und bereit sind, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Damit trifft die Politik einen Nerv, ein Gefühl von Bedrohung, das weit verbreitet ist („... die schlimmsten Tornados seit dem Beginn der Aufzeichnungen“).

Gefühle auffangen und in Strömungen umsetzen, die am Ende zu Wahlergebnissen werden – das ist das Geschäft der Politiker. Das ist keine Kritik, sondern nur die einfache Feststellung von Tatsachen. Denn die entscheidende Frage lautet: Reicht das heute politisch ausbeutbare Gefühl so weit wie der Verstand? Politisches Wohlwollen und daraus abgeleitete finanzielle Unterstützung werden nicht viel weiter reichen als eben dieses Gefühl. Das ist für die Beteiligungsmodelle und ihre Anleger keine rhetorische, sondern eine praktische Frage. Die Anleger als Lieferanten des Eigenkapitals lassen sich in aller Regel auf eine langfristige Bindung ihrer Mittel ein.

Ein Seitenblick auf die Investmentbranche zeigt den geringen Tiefgang der „nachhaltigen“ Wünsche vieler Investoren. Kaum eine institutionelle Adresse vergisst heute noch, ein paar politisch korrekte Kriterien in die Anweisungen der Spezialfonds oder die Mandate für die Vermögensverwaltung zu schreiben. Allerdings in den seltensten Fällen so eng formuliert, dass sie wirklich binden. Es handelt sich eher um eine defensive PR-Strategie im Vorfeld: Etwaige Negativmeldungen sollen schon im Voraus ausgeschlossen werden.

Angesichts der Nachrichten brauchen wir wohl tatsächlich eine dauerhafte Wende, deren Konsequenzen wir nicht mögen werden. Vieles wird teurer, insbesondere Energie, der Grundstoff von Bewegung, Licht, Wärme. Vor allem wird es noch viel teurer, als es jetzt schon ist, weil da noch viel Selbstbetrug abgearbeitet werden muss. Unsere Produktion von Bio-Sprit zu Lasten der Erzeugung von Nahrungsmitteln ist etwa so ehrlich wie die Beseitigung von Giftmüll durch den Export nach Afrika. Dieser billige Ausweg wird sich also bald schließen, weil man das sogar via Bildzeitung jedem verständlich machen kann – und weil mit dem Wort Hunger große Gefühle ausgelöst werden können. Nicht zu unterschätzen auch: Was nicht teurer wird, wird lästig wie das Sortieren von Müll. Spätestens wenn an solchen Punkten der Frust einsetzt, wird es schwierig für Ökologie und Nachhaltigkeit. Wie haltbar dann noch politische Förderung und Unterstützung sind, etwa für die regenerativen Energien, ist doch sehr fraglich. Denn Gefühle auffangen und in Strömungen umsetzen, die am Ende zu Wahlergebnissen werden – das ist das Geschäft der Politiker. Wie gefährlich es ist, sich davon abhängig zu machen, haben die Steuerdiskussionen seit 1998 gezeigt.

Ihre

Dorothee Schöneich



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