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Editorial

Dorothee SchöneichDorothee Schöneich

Liebe Leserinnen,
liebe Leser,

der Bundestagswahlkampf war gähnend langweilig. Wer auf Überraschungen hoffte, musste sich schon mit kleinen Fundstücken zufriedengeben. Eines fanden wir auf den Straßen: Ausgerechnet der linke Protagonist Gregor Gysi lässt den Spruch „Reichtum für alle“ plakatieren. Das Spiel mit dem Klischee funktioniert wunderbar: Jeder erwartet die Forderung nach „Gerechtigkeit“, die der Linken in der Praxis doch immer nur zur Umverteilung des Mangels gerät. Mit der Forderung nach Reichtum kann Gysi aufs Umverteilen verzichten, weil dann ja alle genug hätten. Die unausgesprochene Botschaft heißt also: „Reichtum statt Umverteilung“.

Gregor Gysi ist im Westen nicht sonderlich beliebt und gerade unter den Lesern der finanzwelt dürfte es wenig Sympathie für seine politischen Überzeugungen geben. Indes wird ihn kaum jemand für dumm oder schlecht informiert halten. Auch Gysi weiß also, dass die Forderung „Reichtum für alle“ etwa so sinnig ist wie „Abschaffung von Erdbeben“. Keines von beiden kann die Politik tatsächlich liefern.

Wenn ein Fuchs wie Gysi dennoch damit arbeitet, hat er wohl etwas anderes im Auge. Fakt ist: Ein Slogan ist nur dann gut, wenn er das Gefühl und die Stimmungslage des Publikums trifft. Die Botschaft „Reichtum statt Umverteilung“ macht aber nur Sinn, wenn der Wohlstand in greifbare(re) Nähe rückt. Ginge es um Lastenverteilung und Verzicht, käme „Mehr Gerechtigkeit“ besser an. Gysi spekuliert offenbar darauf, dass die Bürger am Wahltag zumindest ziemlich sicher mit dem anlaufenden Aufschwung rechnen. Ausgerechnet der von der SED über die PDS zur Linken gewanderte Gysi beweist also die richtige Nase für den laufenden Trend – im Gegensatz zu vielen Anlegern und Beratern, die noch immer unter dem Eindruck der Krise stehen und in erster Linie defensiv eingestellt sind.

Tatsächlich ist der Aufschwung aber schon relativ weit gediehen, selbst US-Notenbankchef Ben Bernanke hat gerade das Ende der Rezession verkündet und die Wertpapiermärkte, die der realen Entwicklung immer vorauslaufen, haben sich schon klar zum Aufschwung positioniert: Die völlig überhöhten Risikoprämien der Anleihemärkte haben sich schon deutlich zurückgebildet und Aktien haben längst wieder nach oben gedreht.

Nur die privaten Anleger scheinen den Zug zu verpassen: Eine kleine Umfrage am Londoner Markt ergab Anfang September, dass die institutionellen Anleger bereits begonnen haben, ihre Aktienquoten wieder nach oben zu fahren, während sich die steigende Risikobereitschaft der privaten Anleger allenfalls in der Umschichtung von Geldmarkt und Staatsanleihen hin zu Unternehmensanleihen niederschlägt. Wer allzu vorsichtig ist, sollte bedenken: Die aktuelle Positionierung entscheidet darüber, wie die Bilanz des Jahres 2009 ausfällt. Wer sich erst Anfang November neu ausrichtet, hat den Aufschwung der Finanzmärkte schon zum größten Teil verpasst. Daher kann die Devise für den Vertrieb nur lauten: Mehr Mut zum Reichtum für alle!

Herzlichst Ihre

Dorothee Schöneich


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