Leserbrief vom 02. März 2010
Liebe Frau Schöneich,
hatte endlich mal genügend Zeit zum lesen und bin bei Ihrem Editorial „hängen“ geblieben. Interessante Gedanken, finde ich. Mir ist dazu noch das Folgende „eingefallen“. Vielleicht eine interessante Ergänzung…
Rechtsstaatliche Strukturen, Rechtssicherheit und sichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sowie stabile politische Verhältnisse sind bestimmt für eine positive Weiterentwicklung eines jeden Wirtschaftraumes (Landes) die wichtigste Voraussetzung, vielleicht sogar die Wichtigste.
Unbestritten hat sich das marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem als das bislang erfolgreichste System gezeigt. Jedenfalls erfolgreicher als die bisher sonst noch praktizierten Systeme, mit denen man es auch versucht hat. Es besteht aber sicher auch Einigkeit darüber, das auch in unserem derzeitigen System nicht alles Gold ist, was glänzt, wie Sie es ja auch schon angedeutet haben.
Es ist sicherlich auch richtig, dass die sog. Entwicklungsländer sich einiges von den Industrieländern des Westens abgucken könnten. Das Instrumentarium oder anders ausgedrückt die technischen Voraussetzungen sind in den hochentwickelten Ländern ohne Zweifel vorhanden, aber ob die Schwellen- und Entwicklungsländer (oder deren Gesellschaften) diese Hilfe auch annehmen wollen ist noch eine ganz andere Frage.
An diesem Punkt möchte ich mit meinen Gedanken ansetzen. Leider kenne ich die komplette Theorie von Herrn Romer nicht. Insofern kann es nun sein, dass ich mit meinen Gedanken nicht ganz den Punkt treffe, oder er diese Gedanken auch berücksichtigt hat. Also vorausgesetzt er hat diesen Teil nicht in seiner Theorie bedacht, möchte ich auf folgenden Gedanken hinweisen.
Die allermeisten der sog. Entwicklungsländer fühlen sich vom sog. Westen dominiert und bevormundet. Ob das nun tatsächlich so ist (oder zumindest in der Vergangenheit so war) spielt zunächst einmal gar keine Rolle. Entscheidend ist, was die jeweiligen Menschen glauben und empfinden. Sicher ist, in den vergangenen Jahrhunderten wurden viele der heutigen Entwicklungsländer von den heute hoch entwickelten Ländern nicht immer freundlich behandelt, um es vorsichtig aus zu drücken. Meistens hat man sich um deren Interessen nicht wirklich geschert. Es ist also ein über Jahrhunderte entwickeltes Misstrauen entstanden. Nun ist es leider nicht durch einen einfachen Federstrich möglich, daß das verlorene Vertrauen einfach wieder zurück gewonnen werden kann. Aus diesem Grunde werden die allermeisten Menschen in diesen Ländern jeden Vorschlag und jede Anregung, kommt sie den aus dem „Westen“, mit allergrößtem Argwohn betrachten und im Zweifel ablehnen oder doch mindestens widerwillig umsetzen. Selbst wenn es diesmal wirklich ehrlich gemeinte Vorschläge mit aufrichtigem Hintergrund sein sollten.
Also: Es gilt eben zunächst durch sog. Vertrauen bildende Maßnahmen ein offenes und auf gegenseitiges Vertrauen basierendes Miteinander aufzubauen. Das kostet aber leider Zeit. Sich Zeit nehmen ist nun leider in der heutigen Zeit etwas, was komplett aus der Mode gekommen ist. Keiner hat Zeit, keiner will sich die Zeit nehmen. Alle sind hektisch und alle wollen alles, und zwar sofort.
Wir müssen uns also damit abfinden, dass die Leute uns (denen, die ihnen so zu sagen aufs Fahrrad helfen wollen) einfach nicht glauben wollen.
Wir können uns jetzt stundenlang über die Geschichte der Welt unterhalten trefflich darüber streiten, wer denn nun wann, wen „über den Tisch gezogen hat“. Es wird uns nicht wirklich weiterbringen. Diese Diskussion führt zu nichts. Jedenfalls wird so kein Vertrauen aufgebaut.
Das Beispiel der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen Ende des vergangenen Jahres zeigt dieses unsägliche Klima des Misstrauens überdeutlich. Die Industrieländer dringen aufgrund von eigenen schlechten Erfahrungen die Entwicklungsländer dazu, dem Umweltschutz mehr Beachtung zu schenken und nicht die gleichen „Fehler“ wie sie selbst zu machen. Eine aus unserer Sicht völlig berechtigte Forderung. Die Entwicklungsländer hingegen wittern wieder nur die Bevormundung und unterstellen dem Westen, dieser wolle sich die mißliebige Konkurrenz vom Hals halten. Stattdessen fordern sie den Westen auf erst einmal mit gutem Beispiel voran zu gehen. Der Westen seinerseits unterstellt nun den Entwicklungsländern, sie wollten sich Wettbewerbsvorteile verschaffen, indem sie die Preise der westlichen Produktion (die ohnehin tendenziell höher liegen, als die der Entwicklungsländer) noch weiter und dauerhafter unterbieten. Jede Seite sieht sich natürlich im Recht und will keinesfalls den ersten Schritt tun. All das ist aus Sicht der jeweiligen Seite auch nachvollziehbar und erklärbar.
Leider kommen wir so aber nicht weiter. Ohne gegenseitiges Vertrauen wird es nicht gehen.
Was wir im Westen zu allererst lernen müssen, ist, wir müssen etwas „abgeben“ – wir müssen lernen „zu teilen“. Das gilt natürlich gleichermaßen für die Menschen in den Entwicklungsländern, wenngleich in unterschiedlichen Ausmaßen. Objektiv betrachtet ist genügend für alle da, wenn jeder jedem einen fairen Anteil zu gestehen würde. In Köln sagt man, glaube ich :“Jönne könne!“
Wie heißt es doch in irgendeinem Lied im Refrain: „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht!“
Beste Grüße
MB