Editorial
Dorothee SchöneichLiebe Leserinnen,
liebe Leser,
der englische Ökonom John Maynard Keynes hatte deutlicher als seine Vorgänger erkannt, dass die Unruhen der Finanzmärkte mit gefährlichen Folgen für die reale Wirtschaft ihren Ausgangspunkt in der mangelnden Stabilität der Zweitmärkte haben. Er forderte daher in einer seiner frühen Arbeiten, die Bindung des Investors an seine Anlage solle „so unauflöslich wie die Ehe“ sein. Schon daraus erkennt man: Das ist lange her. Und dennoch – wer die „rationalen Spekulationsblasen“ und den Hexentanz der Derivate sieht, dem sagt wohl schon das Bauchgefühl, dass der Altmeister zumindest in die richtige Richtung gedacht hat – auch wenn aus dem richtigen Ansatz im ersten Versuch eine vielleicht noch verbesserungsfähige Empfehlung wurde. Irgendeine Bremse für das wilde Hin und Her der Börsenbewertungen ohne erkennbaren Bezug zu den realen Faktoren kann kaum größeren Schaden anrichten, als der ungezügelte Zweitmarkt. Entlang solcher Linien argumentieren die Vertreter der offenen Immobilienfonds gegen die Vorschläge des Finanzministeriums zur Regulierung. Die zielen unter anderem darauf ab, eben solche Zweitmärkte zwangsweise zu installieren.
Die entscheidende Schwäche der offenen Immobilienfonds ist die mangelhafte Transparenz. Statt zum Marktpreis werden sie zu einem Schätzwert gehandelt, hinter dem die im nachdrücklichen Gespräch mit den Gutachtern durchgesetzte Meinung des Managements steht. Letztlich bewerten sich die Verwalter hier selbst und sind erstaunlicherweise überwiegend begeistert von sich. Dass diese Leute dagegen sind, der Disziplin des Marktes unterworfen zu werden, ist nachvollziehbar. Indes hat die Verschleierung der wertbestimmenden Fakten üble Folgen: Zusammen mit der von den Managern offen gezeigten junkerhaften Verachtung für ihre Kunden liegen genau an dieser Stelle die Ursachen der Anfälligkeit für die bekannt gewordenen Korruptionsfälle und die von Gerüchten angetriebenen Panikreaktionen, die in Schließungen enden. Dem kann nur mithilfe vertrauenswürdiger und daher vertrauensbildender Information begegnet werden. Die von ebenso überbezahlten wie unterqualifizierten Beratern propagierte Strategie „Rating statt Transparenz“ taugt dazu nicht, wie die Praxis inzwischen hinreichend bewiesen hat.
Am Ende führen Keynes Einsichten über die Schwächen der Zweitmärkte bei den offenen Immobilienfonds in die Irre, weil es hier kaum einen echten Markt gibt. Was immer sonst an den Vorschlägen des Ministeriums zu kritisieren sein mag: Zur Abwechslung einmal die Regulierung zu nutzen, um mehr Markt zu schaffen, kann in einer Marktwirtschaft kein grober Fehler sein. Daher können die Pläne auch nicht als Willkür weltfremder Bürokraten abgetan werden, sie zielen vielmehr mit Hilfe eines geordneten Marktes auf den Kern der Probleme. Das ist eine gute Nachricht und eine Chance, einem einstmals guten Produkt eine neue Zukunft zu geben.
Herzlichst Ihre
Dorothee Schöneich







