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Roundtable Krisentalk

Eine Frage der Werte

Der Strom negativer Nachrichten reißt nicht ab, die Krise hat sich festgesetzt wie ein ungebetener Gast, der sich nicht vom Sofa vertreiben lässt. Und abgesehen von den Erfahrungen bringt sie uns wenig Gutes. Wenigstens diese neuen Einsichten sollten aber wegen des inzwischen ziemlich hohen Preises festgehalten werden. Grund genug für die finanzwelt, zum Roundtable nach Wiesbaden zu bitten.

Die Umwandlung von Erlebtem in Erfahrung beginnt mit bewusster Erinnerung. Daher wollten wir von unseren Gesprächspartnern zunächst wissen, mit welchem Ereignis oder Erlebnis die Krise in ihrer persönlichen Wahrnehmung als ernsthaftes, konkretes Problem erkennbar wurde.

Am 15. September 2008 mit der Lehman-Pleite begann so die Krise für Guenther Tolkmit, beim US-Software-Hersteller Lawson als Senior Vicepresident tätig: „Die Stimmung der amerikanischen Kollegen hatte sich an diesem Tag mit einem Schlag völlig verändert. Es hatte niemand für möglich gehalten, dass eine der großen Banken der Wall Street pleite sein könnte. Von da an wussten alle: Diesmal wird es richtig schwierig."

Für Rechtsanwalt Roland Paule kam die Krise aus einer noch größer gefühlten Entfernung: „Was tun mit den Ander- und Treuhandkonten?", wurde er von Kollegen gefragt. Dass die besondere Verantwortung der Rechtsanwälte für die fremden Gelder, die über ihre Konten gehen, sogar einmal eine besondere Sorgfalt bei der Auswahl der Banken erzwingen könnte, hätte er sich vorher nicht träumen lassen. Seit diese Frage eine ernstzunehmende Frage ist, hat die Krise auch für ihn die Welt verändert.

Zugang zum Zentrum des Sturms hat Robert Feldmeier, der nicht nur als CEO der TA Triumph-Adler AG Verantwortung für ein Softwareunternehmen trägt, sondern auch als Beirat der Genossenschafts-Leasing Zugang zu speziellen Informationen hat: „Als eine deutsche Großbank mehrere Tage hintereinander keine Überweisungsaufträge mehr ausführen konnte", war auch für ihn klar, dass wir in Verhältnisse hineingeraten, die sich nur mit den schwarzen Seiten aus dem Geschichtsbuch vergleichen lassen, wie etwa die Pleite der Darmstädter Nationalbank im Gefolge der Pleite des Nordwolle-Konzerns. So ist er denn auch überzeugt, dass eines Tages, wenn die aktuelle Krise nur noch Stoff für die Geschichtsbücher bietet, zweifelsfrei feststehen wird, dass die Welt nach der Lehman-Pleite ebenso nah am Abgrund stand, wie 1962 in der Cuba-Krise, als der Atomkrieg zur konkreten Möglichkeit wurde.

Seitdem ist für alle drei klar: Die fehlenden Leistungen der Finanzindustrie, also von Banken, Leasinggesellschaften oder Versicherungen sind zum Hemmklotz für die reale Wirtschaft geworden: „Wir kommen leicht in die Situation, dass das Material, die Maschinen und die Arbeitskräfte vorhanden sind und trotzdem nichts produziert wird, weil die nötigen Finanzierungen oder Versicherungen nicht zusammengebracht werden", sieht Anwalt Paule die Gefahr einer regelrechten Depression wie in den 30er Jahren heraufziehen.

Darin sind sich alle drei einig: Die Banken sind so heftig angeschlagen und durch die Verluste in ihrer Aktionsfähigkeit so begrenzt, dass sie weder durch Avale und andere Garantien Risiken übernehmen noch durch Buch- oder Wertpapierkredite finanzieren können. Wann immer man heute zu einer Bank kommt, um über Anschlussfinanzierungen zu verhandeln, kommt die Bank unweigerlich mit dem Thema „Sondertilgung". Die Kreditinstitute haben derzeit nur drei wichtige Wünsche: Cash, Bargeld und Liquidität. Wenn es für die Unternehmen derzeit überhaupt Finanzierungen gibt, dann nur zu horrenden Sätzen. Der Abstand zwischen Bundesanleihen und Euro-Anleihen mit einem BBB-Rating ist von etwa 0,6 auf volle 6 Prozentpunkte gestiegen. Beim Buchkredit der Bank für gewerbliche Unternehmen dürfte dieser Aufschlag eher noch größer sein - wenn der Kreditantrag nicht rundheraus abgelehnt wird.

Robert Feldmeier bestätigt diese Bedenken aus seiner Erfahrung heraus: „Egal wie gut ein ausländischer Kunde etwa in den osteuropäischen Staaten ist, derzeit kriegen wir aufgrund der gestiegenen Länderrisiken und der Risikoscheu der Banken keine Vorfinanzierung der Lieferungen mehr. Entweder gehen wir selbst ins Risiko oder wir verzichten auf das Geschäft." Die Hermes-Bürgschaften bieten seiner Einschätzung nach keine praktikable Alternative, weil sie vom Verfahren her auf große Projektfinanzierungen, aber nicht auf laufende Lieferbeziehungen passen. Das aufwändige Verfahren passt nicht zu den kleinen Tranchen der normalen, alltäglich hinüber und herüber gehenden Zulieferungen.

Dass aber genau auf dieser Ebene etwas getan werden muss, ist unter den Dreien unstrittig. Es gibt keine Alternative zu dem Weg, die Banken wieder arbeitsfähig zu machen. „Und wenn es nicht anders geht, dann durch Staatsbeteiligungen oder auch Verstaatlichungen", macht Paule klar, wie ernst und zentral gerade dieses Problem aus seiner Sicht ist. Hier ist am Ende wohl konkreter Einsatz der Politik gefragt, die hier mit kleinem Aufwand großen Effekt erzielen könnte.

 

 

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