Vor einer neuen Asienkrise?
Emerging Markets
Die Zange aus stark anziehender Inflation und schwachem Wachstum bringt die asiatischen Staaten von Indien bis zu den Philippinen in eine gefährliche Lage.
Für die Philippinen, den weltgrößten Nettoimporteur von Reis, heißt das konkret: Der gewaltige Anstieg des Reispreises von rund 350 auf über 1.000 USD die Tonne von Januar bis Mai traf zusammen mit einer Abwertung des Peso um etwa 10 % von 40 auf 44 PHP/USD. Konsequenz: Der Einkaufspreis des Grundnahrungsmittels stieg von 14.000 auf 48.000 Peso die Tonne (siehe Chart 1). Die Krise hat sogar schon selbstverstärkende Tendenzen: Die Regierung hat den Reisimport über den laufenden Verbrauch hi naus ausgeweitet, um Vorräte anzulegen, mit denen unerwartete Knappheiten ausgeglichen werden können. Die zusätzliche Nachfrage treibt allerdings auch den Preis an, wie Landwirtschaftsminister Artur Yap in einem Reuters-Interview eingestand. Das staatliche Budget wird ebenfalls kräftig belastet: Kurzfristig werden rund 500 Mio. USD für die Landwirtschaft bereitgestellt, um durch verbesserte Agrartechnik die heimische Produktion zu verbessern. Das Ziel: Die durch Importe zu schließende Lücke zwischen Produktion und Verbrauch soll kleiner werden. Ähnlich sehen die Verhältnisse und Größenordnungen in den anderen Staaten aus.
Notenbanken und Finanzminister versuchen denn auch seit der Jahreswende mit einem Mix aus Interventionen am Devisenmarkt und Zinserhöhungen den Karren wieder flottzumachen. In Indien etwa hat sich die Rohstoff-Hausse bereits in das allgemeine Preisniveau übertragen, die Jahresraten der Inflation stiegen binnen 12 Monaten von 4,3 auf 11,1 % und zwangen die Notenbank zu Zinserhöhungen, die bisher allerdings nur auf 8,5 % führten. Damit bleiben die Realzinsen klar negativ, was weniger die Inflation als das reale Wachstum bremst. Die negativen Realzinsen entsprechen nicht zufällig den US-Verhältnissen, wo der Leitzins bei 2 % steht gegenüber einer Inflationsrate mit einer 4 vor dem Komma. Auch in Indien kneift die Währungszange, hier besonders über den Ölimport: Das Land ist praktisch vollständig auf ausländische Quellen angewiesen, rund 8 % Abwertung zum Dollar bei einem Anstieg des Ölpreises von rund 50 % schaukeln sich dabei gegenseitig auf (siehe Chart 2) und treffen im Falle Indiens in erster Linie den Staatssäckel, weil die wichtigen Ölprodukte subventioniert werden, so dass sprunghaft steigende Staatsschulden noch zum Krisencocktail hinzukommen.
Die schwache Zinstherapie könnte zudem schwere Nebenwirkungen haben: Das aufgrund des Kostendrucks auf die Unternehmen ohnehin abgeschwächte Wachstum könnte endgültig abgewürgt und die vorhandenen Probleme zur offenen Krise werden, wenn der Export einbrechen sollte.
Erster Ansatzpunkt ist daher der Devisenmarkt, über den zumindest die Preiseffekte der Abwertungen gebremst werden könnten. Vorreiter sind die Koreaner, die durch Interventionen die Probleme wenigstens so weit in den Griff kriegen wollen, dass die Abwertung den Inflationstrend zumindest nicht mehr weiter verstärkt. Der seit dem Herbst laufende Verfall des Won erreicht schon gegenüber dem Dollar mehr als 15 %, was die effektive Belastung durch den Anstieg der Energiepreise auf fast 80 % in heimischer Währung anschwellen lässt. Die Industrie wie die privaten Haushalte kommen mit diesen Kosten gehörig unter Druck und das schafft einen starken Handlungsdruck für Notenbank und Regierung. Die Interventionen haben den Trend am Devisenmarkt aber nicht umkehren oder wenigstens brechen können, weil sie eben nicht von ausreichenden Zinsschritten flankiert werden.
Ursache für die halbherzige Politik ist die Dollarorientierung. Solange Korea (wie auch die anderen südostasiatischen Staaten) seine Währungspolitik zugunsten des Exports an einer mehr oder weniger strengen Bindung an den Dollar ausrichtet, importiert das Land unvermeidlich die Zinspolitik der USA – und die ist für die asiatischen Verhältnisse viel zu expansiv ausgerichtet. Korea und seine Nachbarn haben in den letzten Jahren im Windschatten des Booms in China große Bestände an Dollar-Reserven aufgebaut, die gegen heimische Währung von den Notenbanken angekauft wurden. Damit sollte der Aufwertungseffekt der hohen Handelsüberschüsse kompensiert werden. Im Gegenzug wird allerdings die Geldmenge im Inland aufgebläht.
Sogar in Vietnam sind die Preissteigerungen inzwischen zu einer enormen Belastung geworden. Zehntausende Arbeiter um Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) und in der Hafenstadt Haiphong streikten zu Jahresbeginn für einen Inflationsausgleich. Die Lebensmittelpreise sind innerhalb eines Jahres um 25 % gestiegen, die Benzinpreise um 36 %. Die schwierige wirtschaftliche Lage veranlasste die Rating-Agentur Standard & Poor’s bereits, den Ausblick für die Verbindlichkeiten Vietnams in Fremdwährung von „stabil“ auf „negativ“ herunterzustufen. Die Regierung will daher ihre Investitionspläne deutlich herunterschrauben und die Ausgaben in 2008 um 10 % kürzen. Zusätzlich dazu wird die Geldmenge weiter beschränkt werden, das bedeutet unter anderem auch die Beschränkung der Kreditvergabe an Inves toren am Aktien- und Immobilienmarkt. An diesen dirigistischen Maßnahmen kommt zum Vorschein, was Kenner der Situation vor Ort bestätigen: Speziell in Vietnam sind die alten, kommunistischen Strukturen noch so lebendig, dass die der Krise zugrunde liegenden Markttendenzen durch schlichte Anordnungen der staatlichen Instanzen aufgefangen werden können: Wenn Preiskontrollen ohne folgende Kapitalflucht durchgesetzt werden können, ist die Inflation nicht mehr ganz so problematisch. Allerdings bremsen diese Eingriffe den Grundtrend zur Marktwirtschaft hin.
Ein Research-Papier aus dem Hause Goldman Sachs versucht den Stand einzelner Staaten in dieser schwierigen Lage mit Hilfe umfangreicher Datenanalysen genauer abzugrenzen anhand verschiedener Faktoren und kommt dabei unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Inflation gut zu bewältigen ist, wenn 1.) die Währung unterbewertet ist, 2.) die Außenwirtschaft Überschüsse ausweist, 3.) der Schock bei den Lebensmittelpreisen „manageable“ ist. Gemessen an diesen Kriterien sieht es vor allem für Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Indien schlecht aus, während Malaysia, Singapur und vor allem China eher gute Aussichten haben. Hintergrund dieser Überlegungen ist die Stabilisierung über den Devisenkurs, die, so weit die Währungen tatsächlich noch unterbewertet sind wie wohl in China, sicher helfen könnte. Allerdings birgt die direkte Aufwertung auch beachtliche Risiken: Vor allem im derzeit schwierigen Klima der Finanzmärkte, auf denen viel Liquidität wenigen Chancen gegenübersteht, ist so ein klar vorgegebener Aufwertungstrend ein ideales Investment. Die Konsequenz der Aufwertung wäre dann ein starker Zustrom von ausländischem Kapital, der die Inflation sogar verstärkt. Diese Erfahrung haben verschiedene Schwellenländer in Lateinamerika und Asien seit den 70er Jahren mehrfach gemacht. Die asiatischen Staaten haben freilich – vor allem wenn sie gemeinsam handeln – ein Instrument zur Verfügung, dass wahrhaft radikal den Dollar schwächen könnte: Sobald die asiatischen Staaten ihre Finanzierung der US-Defizite auch nur fühlbar einschränken, stürzt der Dollar ab wie ein Stein. Der Lehrbuchökonomie folgend wäre das auch ein probates Rezept gegen die heimischen Probleme: Die Geldschöpfung würde gebremst, sobald die Notenbank die Dollarüberschüsse nicht mehr aufkauft und getauscht in US-Staatsschulden in die Währungsreserven einstellt. Alle monetären Probleme wären vom Tisch. In den Augen der politischen Eliten ist das allerdings so etwas wie eine ökonomische Atombombe: Das Problem „Inflation“ würde geradezu selbstmörderisch durch eine Aufwertung gelöst, die den Export als zentralen Motor der Entwicklung abwürgen könnte. Wenn so ein Plan überhaupt ernsthaft ins Auge gefasst wird, dann nur gemeinsam mit den Nachbarn auf Basis einer regionalen Währungskooperation, die nach den Vorbildern von EWS und Euro einen nennenswerten Anteil des Außenhandels gegen die Devisenmärkte abschottet. Und dazu gibt es bereits erste Ansätze. Die Asiatische Entwicklungsbank arbeitet bereits im Auftrag der ASEANRegierungen an entsprechenden Plänen. Sobald die Regierungen Ernst machen mit diesem Projekt, ergibt sich hier ein positiver langfristiger Trend, der die Osterweiterung der EU noch übertreffen dürfte. Aktuell sollte allerdings eher Vorsicht walten gegenüber Investments in diese Region, namentlich von den besonders betroffenen Ländern Indonesien, Philippinen, Vietnam und Indien sollte vorerst Abstand gehalten werden. In der konkreten Anlage sind auch die häufig angebotenen Fonds mit dem Anlagekonzept „Asien ex Japan“ eher zu meiden, da diese meist einen großen Teil ihres Vermögens in den genannten Problemländern anlegen. Auch die Anleihen dieser Region haben bereits begonnen nachzugeben.
(Martin Klingsporn)







