Das Zielfoto im Kopf
Erfolg durch Mentaltraining
Persönlichkeitstrainer Jörg Löhr über Mentaltraining im Spitzensport und Mentaltechniken als Basis für erfolgreiches Leben. Woher nimmt ein Michael Schumacher nur die Motivation? Einer, der doch schon alles erreicht hat, was es im Motorsport zu erreichen gibt? Einer, der soviel Geld verdient hat, dass er´s im Leben nicht mehr ausgeben kann? Warum geht er noch Risiken ein?
Die Antwort ist einfach: Schumi liebt, was er tut. Und er konzentriert sich auf den Punkt genau. Sein zweifellos exzellentes fahrerisches Können allein ist es nicht, was ihn zum Siegertyp macht. Die Formel 1 ist seine Berufung, der WM-Sieg sein Ziel. Was er auch tut, welches Rennen er auch fährt, er hat das Zielfoto schon im Kopf.Ein Gegenbeispiel aus der Fußball-Bundesliga: Bayer Leverkusen, eine Mannschaft mit hervorragendem Spielerpotenzial, Vizemeister und Champions-League-Finalist 2002, kämpfte in dieser Saison gegen den Abstieg. Was war passiert? Wo war die Motivation, der Siegeswille geblieben? Allein mit den Verletzungen und Ausfällen starker Spieler war dieses Desaster nicht zu erklären.
> Superfit und doch erfolglos?
"Ich war gut drauf, mein Kopf war frei." So oder ähnlich kommentieren Spitzensportler große Erfolge. Klar, allem Anderen voran ist eine gute Physis die Voraussetzung, um Bestleistungen zu bringen. Kondition, Technik, die richtige Taktik - das ist die Basis des Erfolgs. Doch in der Weltspitze, dort, wo Sportler ohnehin an ihre körperlichen Limits gehen, wo alle Trainingsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, da wird das Eis dünn. Dann entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage.
"Der Psychologe macht aus einer Bretterbude keinen Geigenkasten und aus Nicolas Kiefer keinen Boris Becker. Aber aus einem Gold-Kandidaten einen Gold-Gewinner.", bringt es die Zeitung "Sport Bild" (47/2002) auf den Punkt.
Zwischen Können und Wollen, Druck und Eigenmotivation ist manchmal ein weiter Weg. Kann ich mich auf den Punkt genau konzentrieren? Habe ich den Sieg im Kopf? Was blockiert mich? - Diese Fragen müssen gestellt werden, wenn trotz Potenzials der ganz große Coup ausbleibt.
> "Mentale Muskeln" trainieren
Was mentales Training bringen kann, zeigen viele Beispiele. Dennoch sprechen nur wenige Spitzensportler hierzulande offen darüber, wenn sie sich von einem Mentalcoach beraten lassen.
Da sind uns die Amerikaner um Längen voraus. In den USA gehört Mentaltraining schon zum Standard-Trainingsprogramm. Wer seine Ausdauer verbessern will, arbeitet mit einem erfahrenen Konditionstrainer. Wer seine "mentalen Muskeln" stärken möchte, sucht einen professionellen Mentalcoach auf. Warum auch nicht?
Mentalcoaching ist kein Hokuspokus. Es beruht auf wichtigen Erkenntnissen der Gehirnforschung. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass das menschliche Gehirn nicht unterscheiden kann - zwischen real Erlebtem und intensiv Vorgestelltem. Wer Erfolg haben will, muss sein Gehirn also mit positiven Bildern, mit Zielfotos füttern.
Eine Skiläuferin am Start fährt im Kopf die Strecke noch einmal ab. Sie sieht sich im Ziel, auf dem Treppchen stehen und aktiviert so alle Reserven. Dass sie den Sieg als Ziel visualisieren können, das macht Siegertypen aus. Und so sympathisch es auch wirkt, wenn ein Sportler meint "er hätte mit dem Sieg niemals gerechnet" - letztlich ist es Understatement.
> Favoritensterben - ein bekanntes Phänomen im Spitzensport. Der Erfolgsdruck ist groß, Übermotivation nicht selten die Folge.
Stressmanagement als Voraussetzung für Spitzenleistungen - auch das ist darum ein wichtiger Teil des Mentaltrainings. Nur wer sich frei machen kann von äußerem Erfolgsdruck, nur wer sein Leistungspotenzial im richtigen Moment abrufen kann, wird letztlich siegen können.
Im Sport sind Bestleistungen messbar. Doch ersetzt man sportliche Erfolge durch Lebenserfolg, dann sind Mentaltechniken auch im Alltag nutzbar. Sich berufliche und private Ziele zu setzen, diese zu visualisieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Balance zwischen Spannung und Entspannung zu finden - das macht erfolgreiches Leben erst möglich.
(Jörg Löhr)







