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Nur schöne Gefühle statt Rendite?

Ethikfonds, Ökofonds, Umwelttechnikfonds...

Fast alle Anlagegesellschaften haben sie im Angebot, aber längst nicht alle Profis sind so richtig überzeugt von diesen Produkten. Die Rede ist von den Spezialitätenfonds rund um die Themen Ethik, Nachhaltigkeit und Ökologie. Das Ziel der Investmentfonds: Umweltschutz, Menschenrechte und Ressourcen schonendes Wirtschaften mit einer akzeptablen Rendite unter einen Hut zu bekommen.

Die Standardversion funktioniert so: Es werden aus den übergeordneten Zielen wie etwa Nachhaltigkeit (konkret Umweltschutz, Tierschutz, Basierung auf erneuerbaren Ressourcen) oder Menschenrechte (konkret keine Diskriminierung, keine Kinderarbeit, keine Pornografie) mehr oder weniger klare Ausschluss- Kriterien formuliert, an Hand derer das Spektrum der grundsätzlich in Frage kommenden Investments abgegrenzt wird. Diese Abgrenzung wird in der Regel durch möglichst unabhängige Anlageausschüsse oder sogar externe Agenturen geleistet. Ist dies geschehen, wird konventionelles Fonds-Management betrieben, also die Auswahl der einzelnen Investments nach den üblichen Analyseverfahren. Technisch unterscheiden sich solche Fonds von ihren konventionellen Konkurrenten nur durch das beschränkte Anlageuniversum, aus dem die konkrete Anlage gewählt werden kann – was nach der reinen Lehre wegen der beschränkten Möglichkeiten trendmäßig auch nur begrenzte Anlageerfolge zulassen sollte. Immer wieder als Beleg herangezogen wird die enge Korrelation der Umwelttechnik- Fonds mit dem Technologie-Segment.

Die Entwicklung von Ressourcen sparenden und Umwelt schonenden Produktionsverfahren oder Produktvarianten ist weitgehend als High-Tech einzustufen. Daher weisen die Titel der auf alternative Energien oder moderne Entsorgungstechniken spezialisierten Maschinenbauer und Technikfirmen einen engen Zusammenhang zu den Technik-Titeln insgesamt auf. Im Hinblick auf die Rendite müssen die Manager dieser Fonds immer mit einem Handicap gegenüber den konventionellen Instrumenten rechnen. Dennoch widerspricht Christian Zimmermann, Manager des mit fünf Sternen von Standard & Poor´s geschmückten Fonds Activest EcoTec dieser konventionellen Skepsis vehement. Seine Überzeugung: „Irgendwann muss sich Nachhaltigkeit auch im wirtschaftlichen Erfolg niederschlagen.“ Die Beschränkung der Anlagemöglichkeiten durch das Kriterium „Nachhaltigkeit“ wäre demnach unmittelbar für die Investmentqualität relevant, gewissermaßen ein Qualitätsmerkmal. Unternehmen, die nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit wirtschaften, müssen damit Vorteile etwa durch geringeren Aufwand für die Inputs erzielen.

Konsequenterweise macht Zimmermann auch keine Kompromisse bei der Wahl seines Erfolgskriteriums: Seine Benchmark ist der MSCI World – wie bei international anlegenden Aktieninvestmentfonds üblich. Etwas verhaltener sieht es Tjark Goldenstein, einer der Väter des von der Fortis in Luxemburg gemanagten Fonds Ökovision (aktuell drei S & P-Sterne), der aber festhält: „Firmen, die sich um Nachhaltigkeit kümmern, sind insgesamt innovativer als andere“. Und von daher sieht Goldenstein auch keinen Grund, warum Öko- oder Nachhaltigkeitsfonds schlechter sein sollten als andere. Der ethische Anspruch erzeugt enorme Kontroll- und Bewertungsprobleme: Wie geht man etwa mit großen Konzernen wie Siemens oder General Electric um? Allein in der Energietechnik reicht deren Engagement von Windoder Solaranlagen (oder wenigstens Komponenten davon) bis hin zu Atomkraftwerken. Auch auf der Prozessebene gibt es einigen Kontrollbedarf: Wie weit reicht die Verantwortung eines Produzenten für die Einhaltung der eigenen ethischen Standards bei den Zulieferern (und deren Zulieferern)? Viele europäische Unternehmen mit Zulieferung aus der dritten Welt sind schon verdächtigt worden, auf diesem Umweg verdeckt von Kinderarbeit oder stark Umwelt belastenden, aber kostengünstigen Verfahren zu profitieren.

Angesichts solcher Möglichkeiten und Anreize zur Täuschung besteht ein steigender Bedarf an glaubwürdiger und kompetenter externer Kontrolle etwa durch eine spezialisierte Rating-Agentur wie die Münchner oekom-research AG. Grundlage des Geschäfts ist neben der eigenen, über Jahre aufgebauten Expertise vor allem ein weltweit gespanntes Informantennetz, wie oekom- Vorstand Robert Hassler erklärt. Allerdings verschweigt er auch die Probleme nicht: Herzstück des Informationsnetzes sind NGOs, Nicht Regierungs-Organisationen rund um den Globus. Die sind zwar in aller Regel den gleichen ethischen Zielen verpflichtet wie die Fonds, fühlen zuweilen aber das Bedürfnis, sich mit möglichst knalligen Informationen zu profilieren oder spezielle eigene Interessen zu verfolgen. Da gilt es durch sorgfältige Checks der gelieferten Informationen vorzubeugen, um nicht unversehens für fremde Ziele eingespannt zu werden.

Zuweilen wird es zur artistischen Übung, „Gut“ und „Böse“ voneinander zu trennen, selbst wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Beispiel militärische IT-Systeme: Kein Kriegsschiff, kein Flugzeug und kein moderner Panzer bewegt sich noch, ohne dass Betriebssysteme und Programme in Computern die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen steuern und die Kommunikation aufrecht erhalten. So liefern die Deutsche Telekom (DTAG) und ihre Tochter T-Systems der Bundeswehr Know-how und Kapazitäten, um die benötigten Systeme aufzubauen und zu unterhalten. Unterstützt werden damit nach Angaben von T-Systems die militärischen Aufgaben von der Aufklärung bis zum Waffeneinsatz.

Die Telekom-Tochter verabschiedete sich zwar jüngst aus dem Rennen um das aktuell zur Vergabe anstehende, weitaus wichtigste militärische IT-Projekt Hercules, Unteraufträge aus diesem Projekt würde man allerdings annehmen, wie ein Sprecher des Bonner Unternehmens erklärte. Immerhin unterliegen solche Systeme dem Kriegswaffenkontrollgesetz, wenn sie mindestens über die dreifache Fähigkeit „Command- Control-Communication“ (C_) verfügen. Die IT-Firmen sind daher schnell an der Grenze zum Rüstungslieferanten. Der Anlageausschuss des von der Fortis-Gruppe gemanagten Fonds Ökovision kegelte denn auch kürzlich die amerikanischen IT-Firmen Texas Instruments und IBM aus dem Anlageuniversum heraus wegen ihrer Zuarbeit für die US-Streitkräfte, konkret die Entwicklung neuer Großrechner für die militärische Nutzung. Die DTAG ist dagegen im Depot des Fonds, bei dem „Militär“ eigentlich zu den Ausschluss- Kriterien gehört. Und das ist nach Ansicht der oekom-Analystin Evelyn Bohle auch völlig in Ordnung: „Bei unserer Einstufung kommt es auf die Absicht bei der Entwicklung des Produktes an: Wenn die von vornherein auf die militärische Nutzung abzielt, fällt die Produktion und damit das Unternehmen unter das Ausschluss-Kriterium `Rüstung ´. Wenn dagegen eine vorhandene zivile Technologie lediglich an den Militärgebrauch angepasst wird, führt das nicht direkt zum Verstoß.“

Eine Alternative zum Ethik-Fonds nach dem Ausschlussprinzip hat die Londoner Anlagegesellschaft F & C entwickelt, den „reo-Service“. Das Kürzel steht für „responsible engagement overlay“. Gemeint ist: Statt unter den vielen Unternehmen die ethisch „guten“ heraus zu suchen, wird zunächst ganz konventionell nach den Rendite-Kriterien angelegt. Anschließend wird das Investment genutzt, um die gewählten Unternehmen zu „guten“ Unternehmen zu machen. Dazu werden die Möglichkeiten der Aktionärs-Demokratie genutzt, sprich: die Stimmrechte dazu eingesetzt, die ethischen Ziele in der Unternehmensstrategie zu verankern. „Für den Investor bietet diese Strategie den Vorteil, dass er nicht auf Performance verzichten muss, wenn sich Aktien aus einem bestimmten Bereich besonders gut entwickeln“, erläutert Karina Litvack, Head of Governance & SRI bei F & C. Von dieser Basis als Investor her wird dann unter dem Stichwort „Governance Engagement“ der Dialog mit den Unternehmen über das Risikomanagement gesucht – mit dem Ziel, Unternehmensrisiken zu reduzieren oder ganz auszuschließen.

Als drittes kommen dann die Ziele aus dem Bereich Umwelt-Ethik-Soziales im engeren Sinne dazu, soweit diese für das Unternehmen ein konkretes Risiko darstellen. Allerdings greift diese Strategie nur dann, wenn das jeweilige Produkt nicht schon das ethische Problem darstellt. Alkoholfreier Schnaps, rauchfreie Zigaretten, keusche Pornografie oder wirkungslose Waffen sind kaum renditeträchtige Produktideen. Von daher bleibt auch der Grundkonflikt „gutes Gewissen“ versus „Rendite“ bestehen und damit die Frage, wie viel das gute Gefühl denn jeweils kosten darf. Konkrete Erfolge dieser Strategie sieht F & C etwa bei Coca Cola, wo das Recycling der Flaschen und der Umgang mit den Wasserressourcen den Prinzipen der Nachhaltigkeit angenähert wurden. Grundlage für diese Erfolge sind ein am britischen Markt aufgebrachtes Anlagekapital von rund 60 Milliarden Euro, die nach den reo-Prinzipien verwaltet werden. Noch stehen diese Möglichkeiten in Deutschland derzeit nur institutionellen Investoren offen, es wird aber wohl in absehbarer Zeit einen Publikumsfonds auf dem deutschen Markt verfügbar, der von F&C nach reo-Maßstäben geführt wird. Interessanterweise ist das Gegenstück zu den ethisch guten Fonds die Wette auf das Laster mit Investments in Schnaps,Waffen, Tabak, und „zocken“ fast immer überdurchschnittlich ertragreich.

Die Performance des „vicefunds“ (Sündenfonds, siehe www.vicefund.com) ist seit Auflage 2001 jedenfalls recht beständig besser als der Standard & Poor´s 500 Index für den US-Markt, auf dem der Fonds aktiv ist – trotz der Beschränkung auf 4 bis 5 Branchen. Fast scheint es so, dass symmetrisch zu der Prämie, die für ein gutes Gewissen gezahlt wird, eine Prämie kassiert werden kann, wo ein anrüchiges Produkt die Geschäftsgrundlage abgibt. Das gute Gewissen hätte mithin einen schlichten Marktpreis wie die Sicherheit. Er wird von jenen kassiert, die den anderen Marktteilnehmern das Risiko oder das schlechte Gewissen abnehmen.

(MARTIN KLINGSPORN)


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