„Wir leben alle in Amerika...
Europa, hast du es besser?
... Amerika ist wunderbar“, heißt es übersetzt in einem aktuellen Rocksong. Nach diesem Motto handeln im übertragenen Sinne sicher viele Investoren und legen ihr Geld deswegen in den USA und nicht in Europa an, weil sie an die uneingeschränkte Lokomotivfunktion der amerikanischen Wirtschaft und die Leitfunktion der amerikanischen Börse glauben. Dafür gab und gibt es auch sicherlich gute Gründe.
So wuchs die US-Wirtschaft in den vergangenen 10 Jahren durchschnittlich um ein Prozent stärker als in Europa, 2003 lag die Wachstumsrate des US-Bruttosozialproduktes sogar rund 30 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Die Amerikaner arbeiten länger, haben eine höhere Beschäftigungsquote, sind flexibler, unbürokratischer und vieles mehr. Somit könnte man eigentlich weiter glauben, die Welt sei in Ordnung und Amerika wunderbar. Doch weit gefehlt, denn mittlerweile glauben immer mehr Experten, dass die europäischen Aktienmärkte im Jahr 2005 die US-Börsen im Rennen um die Gunst der internationalen Anleger überholen können.
„Während die Vereinigten Staaten von Amerika den Scheitelpunkt ihres Wachstums vorerst erreicht haben, besitzt Europa noch Wachstumspotenzial“, sagt Brian Hilliard, Direktor des Economic Research bei der Société Générale. Der Experte rechnet damit, dass das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in den USA in diesem Jahr nicht mehr den ursprünglichen Wert von 4,8 sondern nur noch 4,3 Prozent erreicht und senkt deswegen seine Wachstumsprognose für das Jahr 2005 von vier auf 3,7 Prozent Wachstum. Für die Eurozone hingegen erhöhen die Société Générale Experten ihre Wachstumsprognose für 2004 leicht um 0,1 Prozent auf 1,9 Prozent und bleiben für 2005 bei ihrer Prognose von zwei Prozent.
Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass gerade dies ein Argument ist, in den USA zu investieren, da eine - zwar nach unten revidierte - Wachstumsprognose von 3,7 Prozent immer noch besser ist als eine von zwei Prozent. Tony Dolphin, Chefstratege der Fondsgesellschaft Henderson Global Investors hat jedoch herausgefunden, „dass die jährlichen Erträge an den Euro-Börsen die Gewinne an den US-Aktienmärkten seit 1996 im Schnitt leicht übertroffen haben - obwohl das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in den USA im Schnitt immer höher war als das der Euro-Zone.“ Dolphin schließt daraus, dass sich steigende Gewinnmargen europäischer Unternehmen bald wie ein „Turbomotor“ für Europas Aktienmärkte auswirken können und empfiehlt daher, europäische Aktien überzugewichten. Verstärkt wird seine Argumentation durch die Historie, die belegt, dass der Gewinnzyklus in Europa den USA um circa ein Jahr hinterher läuft, was auf weiteres Aufwärtspotenzial für Unternehmensgewinne schließen lässt.
>Günstiger bewertet
Zudem hätten die Société Générale Banker errechnet, dass es an den europäischen Aktienmärkten derzeit im Vergleich zu den USA einen hohen Preisnachlass von 25 Prozent gibt. Dieser Preisnachlass liegt normalerweise bei zehn Prozent. Doch heißt das jetzt, dass europäische Aktien unterbewertet sind und amerikanische fair, oder europäische fair und amerikanische Aktien überbewertet? Morgan Stanley gibt dazu eine Antwort. Die Investmentbank sieht das Kurs-Gewinn-Verhältnis vor Goodwill Abschreibungen bei US-Aktien im Jahr 2005 bei 16,3, in Europa dagegen nur bei 11,4, was auf eine Unterbewertung schließen lässt. Zudem gibt es große Unterschiede bei der Dividendenrendite, da die im S&P 500 gelisteten amerikanischen Unternehmen im Durchschnitt 1,8 Prozent ausschütten, die Unternehmen beim europäischen Stoxx 600 hingegen 3,25 Prozent.
„Die relativ hohe Dividendenrendite in Europa - höher als beispielsweise die Rendite zweijähriger deutscher Staatsanleihen - unterstützt die Bewertung und trägt deutlich zur Gesamtrendite bei, insbesondere in einem Umfeld mit allgemein eher niedrigen Renditen“, sagt Andrew Arbuthnott, der Fondsmanager des Pioneer Top European Players Fonds. Doch Arbuthnott verweist nicht nur darauf, dass europäische Aktien günstiger bewertet sind und eine höhere Dividendenrendite vorweisen. Nein, auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei europäischen Aktien sei besser und läge in Europa bei 2,1, in den USA hingegen bei 2,8.
Ähnlich denken wohl mittlerweile viele Fondsmanager, wie aus einer aktuellen Analyse von Merrill Lynch hervorgeht. Merrill Lynch befragt monatlich mehr als 300 Fondsmanager, die ein weltweites Anlagevolumen von 998 Milliarden US-Dollar verwalten. So glauben 33 Prozent der Fondsmanager, dass die amerikanischen Unternehmen weltweit die schlechtesten Voraussetzungen hätten, die Gewinne zu steigern, und 55 Prozent der Befragten, dass amerikanische Aktien überbewertet seien.
>Strukturprobleme?
Aber jetzt in Europa investieren, wo man täglich von Entlassungen hört, von andauernden Verletzungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes, von Schuldenwirtschaft, Hartz IV, vielleicht bald Hartz V, hohen Lohnkosten, Absatzschwierigkeiten und Fabrikschließungen? Oder vielleicht gerade deswegen, weil sich etwas bewegt und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien und in anderen EU-Ländern tiefgreifende Sozialreformen in Angriff genommen werden. „Das Wachstumspotenzial durch erfolgreiche Reformen ist bei weitem nicht in den aktuellen Aktienkursen eingepreist“, sagt Thilo Schmidt, der Fondsmanager des Meag EuroInvest.
Diese Probleme scheinen auch andere ausländische Großinvestoren nicht zu stören, denn jeweils rund 40 Prozent des Kapitals der führenden börsennotierten Unternehmen aus Frankreich und Italien befinden sich in ausländischem Besitz, in Deutschland sind es zwischen 25 und 30 Prozent. Doch es gibt natürlich auch Faktoren, die sich direkt oder indirekt negativ auf die europäischen Aktienmärkte auswirken können. Dieser Frage ging der „Economist“ nach und kam zum Ergebnis, dass die größte Gefahr von der Ölpreis-Front ausgeht. Mit einem gegenwärtigen Preis pro Fass von mehr als 50 US-Dollar kostet das schwarze Gold derzeit deutlich mehr als in den Prognosen der Forscher des Internationalen Währungsfonds (IWF) unterstellt, die von einem Durchschnittspreis von 37 US-Dollar pro Barrel ausgehen. Je länger der Rohstoff auf den aktuellen Höchstpreisen verharrt, umso unwahrscheinlicher wird es, dass die erwarteten Wachstumsraten tatsächlich eintreffen.
„Was wir derzeit an den Rohölmärkten beobachten, ist eine eindeutige Übertreibung, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Es reichen zur Zeit schon unbedeutende Nachrichten, um den Ölpreis nach oben ausschlagen zu lassen“, sagt Winfried Hutmann, Geschäftsführer bei Frankfurt Trust. Der Kapitalmarktexperte erwartet zwar in den kommenden Wochen wieder nachgebende Ölpreisnotierungen, Preise unter der Marke von 40 US-Dollar pro Barrell sieht er allerdings nicht.
Weitere Gefahren für die Aktienmärkte, so der „Economist“ weiter, sind ein Rückgang des US-Konsums, ein weltweiter Immobilien-Crash und eine „harte Landung“ der chinesischen Wirtschaft. Mit Folgen natürlich auch für europäische Unternehmen, da viele von diesen mittlerweile Global Player sind und deswegen durchaus betroffen. Doch auch der „Economist“ glaubt an Europa und genießt deswegen die derzeit so beliebten Negativprognosen für Europa mit Vorsicht. Für den „Economist“ liegt der Grund, dass Europas Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren zurückgefallen ist, vor allem am Konsum- bzw. Sparverhalten der Europäer. Denn die sparen im Durchschnitt zehn Prozent des Haushaltseinkommens - die USA lediglich ein Prozent - und verschulden sich auch weniger. Mit der Konsequenz, dass wenn die zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte dazu führt, dass auch die Kreditaufnahme - so wie in den USA- für die Einzelnen erleichtert wird, dies in Verbindung mit einer Verbesserung der Beschäftigungssituation infolge eines deregulierten Arbeitsmarktes eine Ankurbelung der europäischen Wirtschaft bewirken könnte.
>Standortvorteil?
Und Europa hat einen weiteren Vorteil, so die Experten - den Standortvorteil, denn für europäische Unternehmen zahlt sich die geographische Nähe zu den neuen EU-Ländern mit ihren Produktionsstandorten aus. „Grundsätzlich wird durch die Erweiterung des EU-Wirtschaftsraums der Wettbewerb verstärkt, der Waren- und Dienstleistungsverkehr intensiviert und die Arbeitsteilung verbessert. Dies führt letztendlich zu einem Wohlstandsgewinn für den gesamten Wirtschaftsraum“, erklärt dazu Fondsmanager Thilo Schmidt.
So habe sich die Europäische Union im Jahr 2000 ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2010 will sie sich zum „weltweit dynamischsten und wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum“ entwickeln. Mit der Konsequenz, dass „durch die EU-Osterweiterung sich der Reformtrend, der in Europa bereits vor 10 Jahren eingesetzt hat, weiter beschleunigen wird. Dieser Prozess wird letztendlich dazu führen, dass die Wachstumslücke zu den Vereinigten Staaten durch steigende Beschäftigungszahlen weiter geschlossen werden kann“, so Schmidt weiter.
Doch da gibt es auch andere Meinungen. „Die Auswirkung der Osterweiterung der Europäischen Union ist unserer Meinung nach minimal. Die verhältnismäßig geringe Größe der neuen EU-Mitglieder (hinsichtlich Bruttosozialprodukt, Marktkapitalisierung, etc.) deutet darauf hin, dass der mittelfristige Einfluss gering ist. Langfristig können aber westeuropäische Unternehmen vom bevorzugten Zugang zu den Wachstumsmärkten im Osten profitieren“, erläutert Pioneer Experte Arbuthnott.







