Rohstoffe
Ex oriente lux

Die Rohstoffe haben offenbar wenigstens fürs Erste einen Boden gefunden nach dem steilen Abstieg im 2. Halbjahr 2008.
Fast alle Preise sind seit Mitte Dezember entweder stabil oder steigend, wie der Chart zeigt. Der Trend hat eine breite Basis, die von Lebensmitteln (hier die Reis-Notierung des weltgrößten Exporteurs) über die Energieträger (hier Öl) bis zu den Metallen (hier Kupfer) reicht. Schon diese Breite spricht dafür, dass dahinter auch entsprechender physischer Verbrauch und nicht etwa nur spekulative Portfolio-Nachfrage steht. Damit stellt sich die Frage: Nur eine technische Reaktion auf den Absturz oder schon eine Trendwende?
Rückblick: Die Krise schickte die Rohstoffnotierungen auf eine wilde Achterbahn. Zunächst ging es steil bergauf, weil Anlage suchende Mittel in der ersten Phase der Krise von den Finanzmärkten auf Rohstoffe umdirigiert wurden. Kupfer ging mit einem Anstieg von 6.500 auf rund 9.000 Dollar/Tonne noch den kürzesten Weg. Die Notierung für den ganz Asien massiv beeinflussenden Reis aus Thailand stieg zunächst von 300 auf rund 1.000 Dollar/ Tonne und fiel dann auf ein Niveau um 550-600 Dollar/Tonne zurück. Ähnlich wild waren die Bocksprünge beim Öl: Dort wurden die Wegmarken von 60 Dollar/ Barrel auf fast 150 und zurück auf knapp 50 Dollar/Barrel passiert.
Das Muster ist leicht erklärt: Der starke Zufluss der rein unter spekulativen Aspekten angelegten Mittel kehrte sich um, als sich die Märkte an den Gedanken gewöhnten, dass aus der Finanz- eine ausgewachsene Wirtschaftskrise geworden war: Nachdem die Rohstoffmärkte mit dem Motto „Sachwerte" bis zum Weißglühen hoch gejazzt worden waren, erkannten auf einmal alle darin die sprichwörtliche heiße Kartoffel. Die kann bekanntermaßen nur fallen. Und tatsächlich lassen sich auch nur fallende Preise erwarten, wenn die Industrieproduktion rund um den Globus einbricht und damit natürlich auch die Nachfrage nach den Ausgangsprodukten.
Diese Achterbahnfahrt der Märkte vollzogen auch die Investmentfonds mit Rohstoff-Aktien. Seit unserer letzten Besprechung (finanzwelt 04/2008) sind sie bis heute unterm Strich um rund 40 % gefallen, was ziemlich exakt dem Verlust des DAX entspricht. Die von uns damals genannten Risiken wurden schlagend, die spekulativen Übertreibungen der Rohstoffmärkte waren noch nicht abgebaut. Hinzu kam die deutlich schärfere Bewertung in Form höherer Risikoprämien: Alles was nicht kurzfristig liquide und sicher war, musste weitere Abschläge hinnehmen.
Soweit ist die Geschichte ziemlich übersichtlich und nachvollziehbar. Was aber ist passiert seit Dezember? Die Botschaft der Einzelpreise fasst der CRB-Index zusammen in einem Anstieg von knapp unter 300 auf aktuell etwa 340 Punkte, was ein Plus von 15 % ergibt. Die Aktien waren nicht annähernd so lukrativ in diesem Zeitraum. Offenbar gibt es doch noch Märkte und Volkswirtschaften, deren Schlagzahl hoch genug ist, um einen positiven Trend bei den Rohstoffen anzuregen. Dass diese Verbraucher weder in Europa noch in den USA zu finden sind, zeigen die aktuellen Wachstumsraten: In den USA liegt das Schrumpfungstempo aktuell bei 6 % p. a., in Deutschland sogar bei 8 %. Und Japan, die immer noch zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, hat auch keine besseren Daten zu vermelden, sondern den Rückfall in eine Deflation. Das Wachstum findet woanders statt: Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht. Vor allem in China findet weiter kräftiges Wachstum statt. Ein Blick auf die regional gegliederten Projektionen des IWF (siehe Chart Wachstumsrate s. 78)
Mit diesen Zahlen ist der IWF - zumindest was China betrifft - durchaus vorsichtig, die Volkswirte der US-Investmentbank Goldman Sachs revidierten vor kurzem ihre Zahlen für China deutlich nach oben, für 2009 von 6,0 % auf 8,3 % und für 2010 von 9,0 % auf 10,9 %. Und auch die traditionell in Asien besonders gut verankerte britische Großbank HSBC(Hongkong and Shanghai Banking Corp.) erwartet offenbar sehr viel aus China, auch wenn sie das nicht direkt in Zahlen verpackt, sondern durch die Empfehlungen ihrer Asset Manager verdeutlicht. Deren Botschaft an die private Kundschaft lautet: Aggressiv Aktien kaufen, weil von Asien ausgehend der Aufschwung 2010 die Börsen nach oben bringen wird.
Das Szenario hinter dieser optimistischen Sicht setzt darauf, dass die Binnennachfrage Chinas (und Indiens) weiter kräftig sein wird, weil die Regierung in Peking an allen Hebeln gezogen hat, die das Tempo des Wachstums hochhalten könnten. So wurde ein etwa 850 Mrd. Euro schweres Konjunkturprogramm aufgelegt, mit dem die Infrastruktur erneuert und ausgebaut werden soll. Diese direkte Nachfrage ist nach allen vorliegenden Informationen bereits an den Märkten wirksam. Darüber hinaus hat dieses Programm auch dauerhaft positive Effekte, weil die gesamte Infrastruktur vom Verkehr über die Energieversorgung und die Entsorgung hoffnungslos überlastet und veraltet ist. Das Programm wird also neben der direkten Nachfrage heute auch fühlbare Effizienzgewinne in der Zukunft bringen, was in den Industriestaaten bekanntlich nicht immer der Fall ist. Der Einsatz Pekings hat politische Gründe: Die Führung hält an der Orientierungsmarke 8 % reales Wachstum fest, weil bei diesem Tempo genügend neue Jobs entstehen, um die Abwanderung vom Land aus der Agrarwirtschaft aufzufangen. Liegt das Wachstum drunter, befürchtet Peking Unruhen. Schließlich ist der ideologische Kitt des Kommunismus weitgehend abgeschliffen, eine demokratische Grundlage im westlichen Sinne ist auch nicht in Sicht. Da bleibt allein der wirtschaftliche Erfolg zur Legitimierung der Herrschaft übrig.







