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Hochkarätiger Austausch von Informationen

FINANZWELT-Experten-Pflegegespräch

Im exklusiven Ambiente des Schlosshotels Kronberg im Taunus fand das FINANZWELT-Versicherungsexperten-Treffen zum Thema Pflege statt. Dort trafen sich ausgesuchte Spezialisten aus allen wichtigen Sparten der Pflegebranche, um sich über die Problematik in Deutschland und dessen Zukunft auszutauschen.

Die Situation. Die Pflegeversicherung gilt seit Jahren als reformbedürftig. Auf der einen Seite kommt es durch die konstanten Pflegepauschalen bei steigenden Pflegekosten zu einer Erosion der Pflegeversicherungsleistungen. Auf der anderen Seite bewirken die kommenden demographischen Veränderungen ein großes Problem für die Umlagenfinanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung. Denn: Die kürzlich erschienene 11. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes rechnet für das Jahr 2050 mit bis zu 10 Millionen über 80-Jähriger. Dies würde unter Berücksichtigung von Faktoren wie der Entwicklung der Sterblichkeit oder Zuwanderungsquote eine Verdrei- oder Vervierfachung gegenüber der heutigen Zahl bedeuten und somit auch einen Anstieg der Pflegefälle in Deutschland. Demnach nicht verwundernswert, dass eine Reform der Pflegeversicherung sowohl bei der Union als auch bei der SPD eines der wesentlichen Punkte für das Jahr 2007 war. Diese Reform wird nun zum 01. Juli 2008 kommen, bringt aber keine gravierenden Verbesserungen. „Sie wirkt kontraproduktiv. Man hat nur ein wenig Wasser auf den heißen Stein gegossen, doch nachhaltig verändern wird sich dadurch nichts“, so Stephan Baumann, Bundesvorsitzender Verband Deutscher Altenund Behindertenhilfe e.V. Mit einer Beitragserhöhung um 0,25 Prozentpunkte auf 1,95 % für Versicherte mit Kinder und auf 2,2 % für Versicherte ohne Kinder und beabsichtigten (dynamisierenden) Leistungserhöhungen sowie dem Aufbau von landesweiten Pflegestützpunkten rechnet Ministerin Ulla Schmidt damit, bis zum Jahr 2014/15 auskommen zu können. „Das wichtige Thema Demenz ist praktisch gar nicht belegt. Es gibt derzeit circa 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz leiden. Von diesen erhalten laut Entwurf der Bundesregierung gerade einmal 350.000 eine Förderung von bis zu 2.400 Euro im Jahr“, erörtert Bianca Threumer, Produktmanagerin Pflege- und BU-Versicherungen Volkswohl Bund Versicherungen. Die restlichen erhalten nichts von der gesetzlichen Versicherung. „Eine Mogelpackung“, wie Baumann findet. „Man suggeriert den Menschen, dass sie im Demenzfall 2.400 Euro pro Jahr bekommen. In Wirklichkeit erhält nur ein kleiner Kreis den Höchstsatz dieser Förderung. Festgehalten wird zudem am Umlageverfahren, welches gravierende Folgen für die Finanzierung der Pflegeleistungen haben wird.“ Über den Nachhaltigkeitsfaktor bei der Pflege könne man laut Plänen Schmidts in Ruhe in der nächsten Legislaturperiode diskutieren. Fraglich, ob Schmidt dann noch in Amt und Würden sein wird.

Brisanz der Pflegebedürftigkeit wird verdrängt.„Viele Menschen haben leider bis dato noch nicht erkannt, dass die gesetzliche Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung ist. Die Deutschen verlassen sich bei der Finanzierung der Pflege noch zu stark auf den Sozialstaat und sehen keine Notwendigkeit einer Vorsorge durch eine private Pflegeversicherung. Das Problem wird verdrängt“, erläutert Baumann weiter. Dabei wird es wichtig sein, ein Umdenken in den Köpfen zu erreichen. Der Lebensabschnitt „Pflege“ muss als etwas Bewusstes anerkannt werden. „Die Initialzündung bei vielen kommt erst, wenn man in der eigenen Familie einen solchen Fall erlebt. Diese haben dann in der Regel zwar die finanziellen Möglichkeiten, sind aber in einem Alter, wo es recht schwierig wird, eine passende Absicherung zu finden. Hier gilt es, gerade bezüglich des ganzheitlichen Beratungsansatzes noch einiges zu tun“, erörtert Heinz-Jürgen Busch, Vorstand „best intention“® Versicherungs-MaklerService AG. Und laut einer Studie der Continentale machen sich die meisten Menschen bei einer Pflegebedürftigkeit keine Gedanken um sich selbst, sondern um ihre Angehörigen. „65 % der Befragten fürchten, ihrer Familie persönlich, z. B. durch pflegerische Tätigkeiten, zur Last zu fallen, und 63 % fürchten eine finanzielle Belastung ihrer Angehörigen“, beschreibt Gerhard W. Stry, Generalbevollmächtigter und Direktor Unter nehmenskommunikation Die Continentale.

Lars Hertwig, Produktmanager KV bei Jung, DMS & Cie. Pool GmbH, erklärte: „Zudem müssten die Nachkommen als Zielgruppe für die Pflegevorsorge stärker berücksichtigt werden: Ein Generationenvertrag somit von Kind zu Eltern. Schließlich möchten viele Kinder im Falle eines Falles die bestmögliche Versorgung ihrer Eltern, können dieses aber aus Zeitgründen in den eigenen vier Wänden schwer gewährleisten. Haben die zu pflegenden Eltern keine private Pflegeabsicherung, kann dies monetäre Folgen für die Kinder bedeuten.“ Sind nämlich die finanziellen Reserven der Eltern aufgebraucht, prüft das Sozialamt, ob die Kinder die Pflegekosten (z. B. für ein Pflegeheim) mitfinanzieren müssen. Dabei werden die Einkommens- und Vermögensverhältnisse jedes Kindes überprüft.

Keine Chance der Geldwäsche. Bereits heute ist – bei steigender Tendenz –jeder vierte der stationären Pflegebedürftigen auf die Unterstützung des Staates angewiesen. Besonders erwähnenswert ist jedoch, dass das kurzfristige Plündern des Kontos eines Pflegebedürftigen nichts bringt – denken einige doch, dass man dadurch das Geld „retten“ und zudem einen Antrag auf Sozialhilfe für den Pflegebedürftigen stellen kann. „10 Jahre wird das Sozialamt in solchen Fällen das Geld zurückverfolgen. Hierbei greift kein Bankgeheimnis, das Sozialamt wird sich das Geld holen. Schenkt z. B. in diesem Zeitraum die Oma dem Enkel Geld für ein Auto, dann muss sich dieser summa summarum an den Kosten für die Großmutter beteiligen, bis die Schuld wieder ausgeglichen ist“,erklärt Baumann.

Mit zunehmendem Alter steigt die Gefahr, pflegebedürftig zu werden. Aber auch immer mehr junge Menschen werden – beispielsweise durch einen Unfall – völlig unerwartet zum Pflegefall. Meist ohne entsprechende Vorsorge. So stellt Holger Timmermann, Leiter Produktmanagement Versicherungen bei Jung, DMS & Cie. Pool GmbH, Test: „Die Beiträge einer Pflegepolice richten sich nicht nur nach vereinbartem Leistungsumfang und Geschlecht des Antragsstellers, sondern auch nach seinem Alter und Gesundheitszustand bei Vertragsabschluss. Aufgrund dieser Tatsache wird es zukünftig notwendig sein, die private Pflegeversicherung als Absicherungsform des dritten Lebensabschnittes möglichst früh zu implementieren.“

Dass somit genug Bedarf an privaten Pflegeversicherungsprodukten vorhanden ist, darüber waren sich alle Teilnehmer des Experten-Treffens einig. Weshalb dennoch nur ca. eine Million Menschen bis dato eine solche Police abgeschlossen haben, darüber waren sich die Teilnehmer uneinig. Ein Knackpunkt für den bisherig dürftigen Durchdringungsgrad der Pflegepolice liegt sicher an der Priorität der Altersvorsorge. Eine wichtige aber auch schwierige Aufgabe. Seitdem selbst die Politik offen zugab, dass eine private Altersvorsorge unumgänglich sei, und zudem noch einige Produkte staatlich fördert, wird zunächst für die Rente anstatt für die Pflege gespart. „Es fehlt oft einfach nach Abschluss eines staatlich geförderten Altersvorsorgeproduktes à la Riester, Rürup und betrieblicher Altersvorsorge an weiteren finanziellen Mitteln für eine private Pflegepolice“, so Peter Gansfort, Vorstand RfW AG RING FREIER WIRTSCHAFTSBERATER. Und Gerhard Ziegler, Vorstand FG FINANZ-SERVICE AG, ergänzt: „Die Pflegepolice wird für viele erst dann interessant werden, wenn sie ebenso wie einige Altersvorsorgeprodukte staatlich gefördert wird.“

Auch in Sachen Vergütung sahen einige Vertriebsexperten noch Verbesserungspotenzial. „Wenn man über den breiten Markt schaut, dann werden Pflegezusatzversicherungen per se weniger vergütet als Altersvorsorgeprodukte. Auch danach wird sich ein Finanzdienstleister richten“, erklärt Ralf Steinmeister, Vorstand FORMAXX AG. Dies sahen die Experten aus dem Versicherungsbereich anders. „Der Vertrieb kann bei einer Pflegepolice sehr wohl genauso gutes Geld wie bei einem Altersvorsorgeprodukt verdienen“, so Stephan Schinnenburg, Vorstand IDEAL Versicherung AG.

Mehr Aufklärungsarbeit. „Die Notwendigkeit einer privaten Pflegevorsorge muss vermehrt an den Menschen herangetragen werden“, erklärt Bernhard Lüneborg, Generalbevollmächtigter Vertrieb Hallesche Krankenversicherung a. G. „Wir müssen die kommende Pflegereform nutzen, um den Menschen die Schwächen der Reform klarzumachen und die Notwendigkeit einer privaten Police erläutern.“ Hilfe kann hier die neue Dokumentationspflicht bieten. So kann ein Dokumentationsprotokoll gerade im Rahmen einer ganzheitlichen Beratung dafür sorgen, dass dem Kunden die Wichtigkeit der Pflegeabsicherung nahegelegt wird und er selbst entscheiden muss, ob er darauf verzichten will. „Mit dem Bewusstmachen beim Kunden und der gleichzeitigen Abkehr vom Produktverkauf erreichen wir eine Positionierung der Pflegepolice“, so Steinmeister. Des Weiteren stellt Karl Bernd Telger, Vorstand MÜNCHENER VEREIN Versicherungsgruppe, fest, dass „Finanzdienstleister in der heutigen Zeit aus Haftungsgründen sogar verpflichtet sind, das Thema Pflege anzusprechen. Der Vertrieb ist durch eine lückenlose Dokumentation der undenkontakte zum Nachweis verpflichtet, dass alles getan wurde, um eine Schädigung des Versicherten zu vermeiden.“ Ergänzend hierzu wünscht sich Peter Lissek, Geschäftsführer BVF GmbH, dass Finanzdienstleister entsprechende mediengerechte Hilfsmittel erhalten: „Sie brauchen Motive, daher sind bspw. emotionale Videos oder Image-DVDs, die der Vermittler beim Kunden vorzeigen kann, zum Verdeutlichen der Pflegeproblematik ungemein wertvoll.“ Zudem sollte die Versicherungsbranche laut Lissek einmal über „Sonderkonditionen für Finanzdienstleister“ nachdenken. „Wenn ich beim Kunden sagen kann: `Schau her, dieses Produkt ist so wichtig, ich habe es selbst abgeschlossen´, kann dieses Argument das Produkt forcieren.“ Auch könnte das Image durch eine Namensverbesserung – z. B. Erbenschutzprogramm – verbessert werden.

Neue Produkte? Der Markt der privaten Anbieter stellt sich derzeit mit drei Variationen von Pflegepolicen auf: Pflegerenten-,Pflegetagegeld- und Pflegekostenversicherung. Alle drei Variationen sorgen dafür, dass man sich nach seinen individuellen Vorstellungen und Möglichkeiten versichern kann, um somit auch im Ernstfall abgesichert zu sein. Von Vertriebsseite vorgeschlagen wurde eine Kombination aus Renten- und Pflegeabsicherung – wie durch ein Pflegetagegeld. „Ein Mixprodukt aus Rente und Pflege wäre dem Kunden sicherlich besser zu erläutern als ein reines Pflegeprodukt“, erläutert Ziegler. „Außerdem haben Ansparprodukte in Verbindung mit Pflege bei erschwinglichen und flexiblen Beiträgen den Vorteil, dass man auch junge Menschen besser davon überzeugen kann“, erklärt Gansfort. Problematisch sehen einige Versicherer, dass solche Kombiprodukte wesentlich teurer werden könnten. „Demzufolge könnte es sinnvoller sein, durch Integration von Optionen und auch Dynamik mehr Attraktivität zu erzielen“, so Stry.

Ein informationsreicher Tag nahm seinen Abschluss in dem Resümee, dass es im Bereich Pflege noch viel zu tun gibt. Sofern alle Seiten das Thema Pflege und die Problematik der Versorgungslücke sowie die daraus folgenden Probleme für den Pflegebedürftigen aber auch die Angehörigen transparenter machen, wird das Produkt in den kommenden Jahren einen Aufschwung erreichen können.


(MARC OEHME)


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