Turbulenzen auf dem Markt
Fondsgedanken
In den letzten Wochen sind die Finanzmärkte weltweit in Turbulenzen geraten. Die Aktien büßten binnen weniger Tage bis zu 15 % ihres zuvor erreichten Kursniveaus ein. Wie immer in einer solchen Situation überbieten sich die Auguren nun in Negativszenarien. Bisweilen wird man den Eindruck nicht los, mancher Marktteilnehmer erwarte einen Totalzusammenbruch des Weltfinanzsystems, an dessen Ende wieder der Handel mit Glasperlen in Höhlen stehen könnte.
Zunächst einmal bedarf es jetzt einer besonnenen Einschätzung der Lage. Sie ist ernst, lässt weitere Turbulenzen erwarten, bietet aber auch Chancen und kommt keineswegs unerwartet. Während viele Marktbeobachter sich von den Entwicklungen überrascht fühlen, haben andere Experten auf die Gefahren, die vom amerikanischen Markt für Hypothekenkredite ausgehen könnten, schon seit geraumer Zeit hingewiesen. Vor diesem Hintergrund war die Schieflage einzelner amerikanischer Institute, die sich auf die Finanzierung von privaten Eigenheimen spezialisiert hatten, eigentlich nur eine Frage der Zeit. Und auch der Umstand, dass amerikanische Banken allzu oft die Kredite nicht in ihre Bücher nahmen, sondern verpackt und verbrieft in alle Welt weiterverkauften, war bekannt. Vom Anlass der aktuellen Turbulenzen kann man also nicht überrascht sein, allenfalls vom Zeitpunkt ihres Ausbruchs.Die Krise weitet sich aus. Im Zuge der Unsicherheit hinsichtlich der Höhe der notleidenden amerikanischen Hypothekenkredite ist das gesamte Segment für ABS Papiere weltweit in Ungnade gefallen. In der Folge sind auch Wertpapiere in Sippenhaft genommen und mit brutalen Abschlägen gehandelt worden, die mit den amerikanischen Hypothekenkrediten gar nichts zu tun haben. Der Verkaufsdruck, der vor allem von institutioneller Seite kommt, wo mancher Asset Manager anscheinend eine risikolose Marktrendite jenseits der risikolosen Marktrenditen gesucht hat, führt in diesen Tagen annähernd zum Stillstand des Handels mit ABS Papieren. Bei jenen Investmentbanken, die auch noch kreditfinanziert gehebelt haben, ist die Not am größten. Andere Positionen müssen glattgestellt werden. Die Krise weitet sich aus und greift auch auf den Aktienmarkt über.
Die schnellen Maßnahmen der Notenbanken haben deren Handlungsbereitschaft und -fähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die milliardenschweren Geldmengen-Tender sprechen für diese Einschätzung genauso wie die rasche Entscheidung der amerikanischen Noten-bank, den Diskontsatz, zu dem sich die Banken bei der FED Geld leihen können, gleich um 50 Basispunkte zu senken. Die Wächter über den Märkten haben den Ernst der Lage erkannt und sind bereit, bei Bedarf entschieden zu handeln.
Die Situation wird bis auf weiteres angespannt bleiben. Im Rahmen der Schadensanalysen wird noch manche unerfreuliche Nachricht die Märkte erreichen. Weitere Institute werden in den Seilen hängen und auch einzelne Hedgefonds ins Wanken geraten. Vor diesem Hintergrund bleiben die Weltbörsen volatil. Voraussichtlich wird diese Situation erst in rund einem halben Jahr geklärt sein und könnte die Aktienkurse zwischenzeitlich noch tiefer fallen lassen.
Als Berater sollten Sie mit Ihren Kunden nun einen Blick in die bestehenden Depots werfen. Die geparkten Mittel sollen risikolos und in etwa mit der Geldmarktrendite verzinst jederzeit für den privaten Konsum oder neue Investitionsentscheidungen bereitstehen. In reinen Geldmarktfonds, die ABS freie Zonen darstellen, droht nach heutigem Ermessen keine Gefahr. Schwieriger wird es bei den geldmarktnahen Fonds. Hier wurden nicht selten zum Zwecke der Renditeoptimierung zusätzliche Risiken eingegangen, von denen man sich höhere Erträge versprach. Häufig wurde auf ABS Konstruktionen zurückgegriffen. Da es Anleger und Berater mit den Begrifflichkeiten Geldmarktfonds und geldmarktnahe Fonds nicht immer so ganz genau genommen haben, sollte im Sinne der Produktwahrheit und -klarheit im Detail überprüft werden, was sich in den Depots befindet. Aussagekräftig sind die letzten Rechenschaftsberichte und Nachfragen bei den Investmenthäusern. Im Zweifelsfall sollte mit Kunden aus geldmarktnahen Fonds in reine Geldmarktfonds gewechselt werden. Die liquiden Positionen dürfen nicht dem Risiko ausgesetzt werden, dass die Investmentgesellschaften bei einer Zuspitzung der Lage eventuell die Rücknahme der Anteile vorübergehend aussetzen.
Die offenen Immobilienfonds sind entgegen den Befürchtungen vieler Anleger bis auf weiteres als unproblematisch anzusehen. Es ist zwar von einer Immobilienkrise in den USA die Rede, diese betrifft aber private Immobilien und nicht die Büro- und Gewerbeimmobilien. Bewertungsabschläge im Sinne niedrigerer Miet- und Verkaufserlöse treten, wenn überhaupt, erst später ein, sollte sich die Konjunktur dramatisch abkühlen, wovon derzeit nicht auszugehen ist. Zu klären ist allenfalls, ob im Rahmen des Liquiditätsmanagements der Immobilienfonds auch in ABS Papiere investiert wurde.
Die Frage nach dem Umgang mit bestehenden Aktien- und Rentenfonds im Portfolio ist in Abhängigkeit zum individuellen Anlagehorizont und der Anlegermentalität zu sehen. Mittel- und längerfristig orientierte Anleger dürfen den Rückschlag als Normalisierung ansehen: Die Kapitalmärkte erleben eine „Wiederentdeckung des Risikos“. Dabei wird wieder einmal übertrieben, also das „worst case“-Szenario eingepreist. Der weitgehend hirnfreie Rückzug aus vielen Vermögenswerten und Wertpapieren bietet Anlegern einmal mehr eine Kaufgelegenheit. Voraussetzung ist freilich neben einem Anlagehorizont, der zumindest weit in das Jahr 2008 hineinreicht, auch die Nervenstärke, gegen die vorherrschende Stimmung Aktienfonds, Corporate Bond- und ABS Fonds zu kaufen. Auch der Anspruch, dabei genau den tiefsten Punkt zu treffen, darf einem Anleger nicht im Weg stehen. Die Chancen dafür, dass dieser Tiefpunkt irgendwo zwischen August und November liegt, sind nicht schlecht. Wer also mit einer Portion spekulativen Mutes ausgestattet eine taktische Position aufbauen will, sollte dies in mehreren Tranchen bis November tun. Für strategische Investoren ist der Rückschlag ohnehin eine willkommene Gelegenheit vor dem Stichtag der Abgeltungssteuer auf ermäßigtem Niveau noch einmal richtig in gut gemanagte Aktienfonds umschichten zu können.
(Björn Drescher)







