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Fondsmarkt

Großreinemachen

Pünktlich zum 200. Geburtstag Charles Darwins tritt der deutsche Fondsmarkt in eine Phase der Bereinigung ein, die nur die Starken überleben werden.

So wird im Rahmen der Integration der ehemals zur Commerzbank gehörenden Cominvest in die Allianz Global Investors (AGI) gründlich gesiebt, um nachteilige Doppelungen zu vermeiden und Verlustbringer loszuwerden. Etwa 100 der 500 Fonds allein aus dem AGI-Reich stehen da zur Disposition. Bei der DWS sieht es ähnlich aus, auch hier stehen etwa hundert Fonds auf der Kippe. Investmentfonds lohnen sich erst ab einer gewissen Mindestgröße, die ein effizientes Management mit eigenen Analysten und entsprechenden Researchkapazitäten erlauben. Nach einer in der Investmentbranche verbreiteten Faustregel gelten Fonds ab 100 Mio. Euro als lukrativ, es werden aber 50 Mio. als Untergrenze genannt, von der an aufwärts die Kostendeckung als sicher gilt. Hintergrund der großen Säuberung ist denn wohl auch die unerfreuliche Entwicklung der Mittel: Allein die Aktienfonds haben durch die Krise Mittel in der Größenordnung um 100 Mrd. Euro von knapp 250 Mrd. per Ende Mai 2007 auf noch etwas mehr als 150 Mrd. Euro per Mai 2009 verloren. Der Nettoabfluss aus den Publikumsfonds insgesamt belief sich gerundet sogar auf 150 Mrd. Euro von etwa 750 auf rund 600 Mrd. Euro. Damit rutschte eine Reihe von Fonds unter die kritischen Grenzen, da in den Bedingungen der Investmentfonds in aller Regel vorgesehen ist, dass die Investmentgesellschaften bei Unterschreiten eines bestimmten Mindestvolumens den Fonds auflösen.

Die Tabelle zeigt recht deutlich, dass schon der Crash 2001/2002 eine Schließungswelle nach sich zog. Damals verschwanden viele IT/Internet/Hightech-Fonds mangels Masse vom Kurszettel. Die Kurswerte stürzten ab und die Anleger versuchten zu retten, was noch zu retten blieb. Das endete in ausgehöhlten, nicht mehr sinnvoll zu bewirtschaftenden Fonds, die folgerichtig vom Markt genommen wurden.

Der Druck vom Markt her und durch den Abfluss der Anleger-Mittel wird derzeit noch verstärkt durch Folgen einer Marketing-Offensive der Branche zum Ende des letzten Jahres: Den Ablegern wurde der Einstieg in viele neue Dachfonds angedient mit dem Hinweis, dass auf diesem Weg die anrollende Abgeltungssteuer zu umgehen sei. Tatsächlich sehen die Regelungen auch vor, dass Umschichtungen innerhalb eines Dachfonds - anders als im privaten Vermögen - von 25 % Abgeltungssteuer frei bleiben.

Der Fachinformationsdienst biallo.de warnte daher schon im letzten Jahr davor, dass von den 150 neuen Dachfonds ziemlich viele bald wieder verschwinden würden, weil eben die Zuflüsse gerade bei den neuen Fonds zu mager geblieben waren. Die jetzt kommende Schließungswelle trifft gerade die steuerorientierten Anleger: Wird der Fonds aufgelöst, wird auch dann steuerlich ein Verkauf zugrunde gelegt, wenn der Anleger sein Geld vom aufgelösten in einen anderen Fonds weiterleitet. Nicht zuletzt dieser ärgerlichen Konsequenz wegen bemühen sich die Anlagegesellschaften darum, die Fonds nicht einfach aufzulösen, sondern möglichst mit einem anderen zu verschmelzen. Eine Verschmelzung ist immer steuerneutral und daher aus Anlegersicht der bessere Weg. „Wir bemühen uns wo immer möglich um eine Verschmelzung, weil zufriedene Kunden in aller Regel auch gute Kunden bleiben", bringt AGI-Specher Marc Savani die Interessen auf den Punkt. Wenn der Weg über die Verschmelzung gelingt, ist der Kunde zufrieden und die eigene Investmentgesellschaft behält das Geschäft.

Allerdings sind Verschmelzungen nicht beliebig möglich, die Fonds müssen konzeptionell zusammenpassen. Die entscheidenden Größen sind neben der Abgrenzung der Investitionsziele nach Branchen, geografischer Einordnung und Instrumenten (Aktien, Anleihen oder Derivate) auch Anlagegrenzen, mit denen das Chancen-Risiko-Profil eines Fonds bestimmt wird. Kein auf Vorsicht orientierter Anleger darf unversehens durch Verschmelzung in einem hochriskanten Fonds landen.

Daher könnte es gerade bei den Produktbereinigungen hier und da noch klemmen. „Die Größe des Fonds ist ja bei weitem nicht das einzige Kriterium. Es gibt immer wieder Investmentthemen, die beim Publikum nicht oder nicht mehr verfangen. Dann sind die Fonds natürlich Kandidaten für eine Auflösung oder Verschmelzung", erläutert DWS-Sprecher Claus Gruber und verweist etwa auf einen CO2-Fonds der DWS, der trotz aller Aufmerksamkeit für die „grünen" Investments nicht gerade zum Umsatzrenner wurde.

Zuweilen sind es auch Länder- oder Regionenfonds, die aus der Mode kommen oder auch schlicht von der Entwicklung überholt werden. Ein eigenständiger Österreichfonds ist in einem ohnehin weiter zusammenwachsenden Europa kaum mehr eine sinnvolle Sache. Bei solch speziellen Fonds könnte es aber schwierig werden, einen geeigneten aufnehmenden Fonds für eine Verschmelzung zu finden.

Indes regiert nicht nur der Rechenstift bei den Entscheidungen, auch die Marktstellung der Fonds und nicht zuletzt die Wünsche des Vertriebs fließen in die Entscheidung ein: „Natürlich reden wir vor solchen Entscheidungen auch mit unseren externen Vertriebspartnern und versuchen deren Wünschen entgegenzukommen", betont etwa AGI-Sprecher Savani. Ein weiteres Kriterium ist die Marktstellung und die Perspektive eines Fonds. So wird der via Cominvest mittlerweile bei der AGI gelandete altehrwürdige Fondak wohl kaum vom Markt genommen. Die alten Schlachtrösser der Branche haben eine Art Bestandsgarantie.

Wie heftig die gerade erst anlaufende Schließungswelle wird, ist noch nicht klar. Die kursierenden Schätzungen reichen aber ziemlich weit: 900 bis 1.000 der derzeit rund 6.000 zugelassenen Fonds sollen demnach bis Ende nächsten Jahres verschwinden. Die Zahl der angebotenen Fonds wird aber kaum abnehmen, weil wohl wie bisher genügend neue Fonds auf den Markt kommen werden. Tatsächlich ist der Bestand mit Ausnahme 2003 in jedem Jahr gewachsen.

Für die Anleger und ihre Berater ergibt sich aus alledem eine wichtige Konsequenz: Die Größe des Fonds sollte immer mit im Blick bleiben und Investments in Fonds mit weniger als 50 Mio. Euro Volumen die Ausnahme bleiben.

(Martin Klingsporn)

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