Ökologie
Grüne Investments – eine Beratungsaufgabe
Fast 90 % der Deutschen sind an den Themen Klimawandel, Umwelt und Nachhaltigkeit interessiert und liegen damit vor den Belgiern (81 %) und den Niederländern (71 %).
Dennoch sind die Gewichte grüner Investments im Portfolio der Haushalte in Deutschland mit 11 % kleiner als bei den Belgiern (13 %) oder den Niederländern (27 %). Das besagt jedenfalls eine vergleichende repräsentative Befragung in den drei Ländern, die im Auftrag der Delta Lloyd Asset Management vorgenommen wurde. Die Befragung liefert auch einen Hinweis darauf, wo die Ursache für die Diskrepanz zwischen Interesse und realisierten Investments liegen könnte: Die deutschen Kunden erhalten offenkundig sehr viel seltener (10 % der Fälle) einen entsprechenden Anstoß durch ihre Berater. Diese Quote ist in den Niederlanden (20 %) und Belgien (23 %) gut doppelt so hoch. Die Konsequenz dieses insgesamt schwachen Informationsangebots durch die Finanzbranche bringt Ad Schellen, Manager des Delta Lloyd Water & Climate Fund, auf den Punkt: „Die Anbieter von Fonds, die sich mit den Themen Klimawandel, Umwelt und Nachhaltigkeit beschäftigen, müssen noch viel Aufklärungsarbeit zu ihren Produkten leisten, um auch diejenigen zu erreichen, die derzeit noch gar nicht informiert sind.“
Die Studie zeigt, dass in allen drei Ländern durchaus ein starkes Interesse an grünen Investments besteht, das aus den Besorgnissen über den Klimawandel gespeist wird. Insoweit werden grüne Investments allerdings immer noch eher als eine Frage des Umweltschutzes und wohl auch des guten Gewissens angesehen als eine Frage der konkret erzielbaren persönlichen Vorteile. Rendite und Risikoprofil der Anlage spielen der Befragung zufolge gerade bei den Anlegern generell eine geringere Rolle als das reine Umweltschutzmotiv. Diese eher idealistische Perspektive der Anleger scheint auch das tatsächliche Verhalten zu bestimmen: Obwohl Anleger mit Erfahrungen in ökologischen Investments die Rendite niedriger und das Risiko höher schätzen als Anleger ohne konkrete Erfahrungen, ist bei den erfahrenen Anlegern die Neigung zu weiteren Engagements etwa größer als bei den Anlegern ohne „grüne“ Erfahrungen. Diese hohe Gewichtung des Umweltschutzes zeigt sich indirekt auch bei den Befragten ohne Erfahrungen mit eigenen Investments in Umweltprojekten: Lediglich 13 % halten ökologische Investments für eine Modeerscheinung, während in Belgien und den Niederlanden jeweils rund ein Viertel der Befragten die Aufmerksamkeit für grüne Investments für einen „Hype“ hält und die Frage nach der Nachhaltigkeit nicht nachhaltig gestellt sieht.
Bei der Frage nach der Präferenz für ein bestimmtes Segment fällt auf, dass die Kategorie „allgemeine Umweltinvestmentfonds“ den meisten anderen Verwendungen vorgezogen wird, lediglich die Solarenergie ist ganz klar bevorzugt, wobei allerdings die heute ebenso modischen Alternativen „Geothermie“ und „Biogas“ im Bericht nicht explizit aufgeführt werden.
Diese Neigung zum Allgemeinen deutet auf ein Problem dieser Studie, das aus Untersuchungen der 80er und 90er Jahre gut bekannt ist, in denen konkrete Nachfragefunktionen für Umwelt- und Naturschutz identifiziert werden sollten, ebenfalls mithilfe von Befragungen. Die dort aus konkreter Zahlungsbereitschaft hergeleiteten Nachfragefunktionen für einzelne „grüne“ Zwecke summierten sich recht bald so stark, dass der theoretische Schluss hätte gezogen werden müssen, dass die Bevölkerung weit über 100 % des Einkommens in den Umweltschutz stecken wollte. Dieser offenkundige Nonsens löst sich auf, wenn der spezifische grüne Zweck (von „sauberer Luft“ bis „Schutz der Meerotter an der kanadischen Pazifikküste“, diese Studie gab es tatsächlich) als prinzipiell austauschbare Nachfrage nach „gutem Gewissen“ verstanden wird, wie man es wohl bei „allgemeinem Umweltschutz“ ebenfalls voraussetzen darf. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn die Befragten recht einheitlich die Langfristigkeit der grünen Investments für eine wichtige Eigenschaft halten, sich aber ausgerechnet die ältesten Befragten am stärksten dafür interessieren.
Hinzu kommt offenbar noch eine weitere Schwäche: Wo immer nach konkreten Wünschen und Erfahrungen im Zusammenhang mit grünen Investments gefragt wird, tauchen explizit lediglich „Aktien“ und „Investmentfonds“ auf (so etwa bei der Frage nach den konkreten Erfahrungen mit grünen Anlagen) oder nur unspezifisch „Fonds“. Die für den deutschen Markt wichtigen Beteiligungsmodelle werden nirgendwo thematisiert. Auf diese Unzulänglichkeit dürfte das etwas merkwürdige Ergebnis zurückzuführen sein, dass laut Befragung 96 % der Deutschen „noch nie von Ökofonds“ gehört haben und 93 % „keinen einzigen Ökofonds benennen“ können, womit die Deutschen von dieser Seite her die weitaus am schlechtesten informierte Gruppe darstellen. Das ist angesichts der Zahl von privaten Anlegern, die über die Jahre vor allem in Windkraftfonds investiert haben, ein völliger Blödsinn. Beim Wort genommen hieße das, dass weniger als 3,2 Mio. Bundesbürger schon mal von Windkraftfonds gehört haben. Wer glaubt denn so etwas? In die gleiche Grube fällt das Ergebnis, demzufolge über 50 % der deutschen Anleger (also nur konkret engagierte) Steuervorteile bei grünen Investments für „weniger wichtig“ oder sogar „unwichtig“ halten.
Trotz dieser deutlichen Schwächen liefert die Studie zwei wichtige grundsätzliche Hinweise für die Finanzbranche: Grüne oder ökologische Investments müssen gerade mit dem grünen Aspekt, also der glaubhaft vermittelten positiven Wirkung für die Umwelt, dem Anleger nahegebracht werden. Denn die Zahl der grundsätzlich Interessierten scheint in der Tat weitaus größer zu sein als die Zahl der tatsächlich engagierten Anleger. Dieses zentrale Ergebnis scheint haltbar. Hier liegt ein Potenzial, das für Vertriebe zu erschließen wäre, die die grüne Botschaft selbst „rüberbringen“. Daneben wird gerade nach den Erfahrungen in Deutschland der Einfluss der wirtschaftlichen Faktoren zunehmen.
(Martin Klingsporn)







