Entlassungen
Ich bin ein Star, kauft mich hier raus!

So oder so ähnlich muss sich derzeit das Hamburger Emissionshaus Lloyd Fonds fühlen. Denn leider war unter den 15 % betriebsbedingter Mitarbeiterkündigungen ein Hamburger Abgeordneter dabei. Und diese lassen sich nicht so einfach vor die Tür setzen. Aber auch sonst hat die Finanzkrise einige Unternehmen getroffen.
Es war Dezember 2007 und alles war gut. Das traditionsreiche Emissionshaus Lloyd Fonds hatte ein gutes Jahr hinter sich gebracht. Die Hamburger hatten im Jahr 2007 sehr gute 452 Mio. Euro Eigenkapital bei ihren Anlegern platziert. Dieses entsprach einem Anstieg von 50 % gegenüber dem Vorjahreswert (2006) von 301 Mio. Euro. Um den konsequenten Anstieg fortzusetzen, wurde so auch Thomas Böwer im Dezember des Jahres 2007 eingestellt. Der Abgeordnete mit guten Kontakten zu Politik und Wirtschaft erhielt einen Job als Projektleiter, den er nicht mal ein Jahr später wieder los sein sollte. Mitte November hat die Lloyd Fonds AG eine Neustrukturierung bekannt gegeben, verbunden mit einem Abbau von 15 % des Mitarbeiterbestands in Hamburg. „Aufgrund der dramatischen Situation an den Finanzmärkten sind wir wesentlich schneller zu Anpassungen gezwungen, als wir ursprünglich geplant hatten", so Michael Seidel, Finanzvorstand der Lloyd Fonds AG, in der Pressemeldung vom 17. November 2008.
Die Gleichung, wonach mehr Mitarbeiter mehr Umsatz und mehr Gewinn bedeutet, trifft laut Lloyd Fonds für Emissionshäuser nicht länger zu. Im Falle von Böwer war es nur unpässlich, dass es ausgerechnet ein Abgeordneter war. Beim Arbeitsgericht klagte Böwer auf Wiedereinstellung. Denn: Laut Abgeordnetengesetz ist die Kündigung eines Bürgerschaftsabgeordneten nur aus „wichtigem Grund“ möglich. Der Kündigungsschutz gilt bis ein Jahr nach Ausscheiden aus dem Parlament. Und so ging es vor Gericht, wo der fleißige SPD-Mann 150.000 Euro Abfindung für knapp ein Jahr Betriebszugehörigkeit verlangte, da diese Summe ihm nach seinen Angaben zugesichert worden wäre. Es gilt nun, sich außergerichtlich zu einigen. Geschieht dies nicht, folgt die Fortsetzung im März vor Gericht! Im Falle der Neustrukturierung von Lloyd Fonds ist diese sowohl organisatorisch und räumlich zum Jahreswechsel umgesetzt worden. Künftig orientiert sich das Unternehmen primär an den Prozessen entlang der Wertschöpfungskette. Ziel dieser Reorganisation ist es, übergreifende Tätigkeiten zusammenzufassen, die bisher in jeder einzelnen Assetklasse vorhanden waren, sowie Prozesse und Abläufe effizienter zu gestalten.
MPC Capital startete gleich ein mehrstufiges Strategieprogramm. Infolge eines zuletzt nicht gerade erfolgreichen Geschäftsjahres und anhaltend düsterer Prognosen reagierte das Emissionshaus und reduzierte jede sechste Stelle. Der Personalstand, der an einem platzierten Eigenkapitalvolumen von über 1 Mrd. Euro und auf Wachstum ausgerichtet ist, wird somit angepasst, und es stehen 55 der 300 Arbeitsplätze zur Disposition. Bereits im November teilte das Unternehmen mit, dass mit einem Verlust von ca. 70 Mio. Euro zu rechnen ist. Gründe sind vor allem der Rückgang des Platzierungsvolumens sowie die Wertberichtigung auf die Beteiligung am Gegenspieler HCI Capital. Mit dem Ziel, sich für die unternehmerischen Herausforderungen des Jahres 2009 robust auszurichten und in eine aussichtsreiche Position für das Folgejahr zu bringen, startete MPC Capital Anfang des Jahres ein mehrstufiges Strategieprogramm. Der erste Schritt beinhaltet demnach eine Anpassung der Organisationsstruktur sowie Kostensenkungen. Im zweiten Schritt stellten die Gesellschafter Corsair III Investments, die MPC Holding und die Oldehaver Beteiligungsgesellschaft sicher, dass das Eigenkapital um rund 48,5 Mio. Euro auf insgesamt rund 121 Mio. Euro erhöht wird. Sie unterstreichen damit ihr Vertrauen in das Unternehmen. Zeitgleich erhält MPC Capital im dritten Schritt von seinen Finanzierungspartnern weit reichende Zusagen hinsichtlich bestehender sowie neuer Konditionen und Verträge. Beide Schritte sind laut Pressemeldung vom 16. Januar 2009 ein wichtiges Signal für die unternehmerische Unabhängigkeit der MPC Capital AG.
Mit ihrem Personalabbau stehen die genannten Unternehmen nicht alleine. Schätzungen zufolge sind im Finanzsektor weltweit bereits 150.000 Stellen verloren gegangen. Andere sprechen sogar nur vom Anfang einer Stellenabbauexplosion. Hierbei sind vor allem der Bereich Investmentbanking und das Handelsgeschäft vom Arbeitsplatzabbau betroffen. Sie haben mit den fast zum Erliegen gekommenen Kapitalmärkten und mit dem Einbruch beim Übernahme- und Finanzierungsgeschäft zu kämpfen. Gleich, ob Citigroup, Unicredit, UBS, Goldman Sachs oder wie die internationalen Großbanken auch heißen. Viele haben in großer Anzahl Investmentbanker vor die Tür gesetzt. Auch die 141 in Deutschland arbeitenden Mitarbeiter der Credit Suisse Asset Management haben Ende letzten Jahres sicher einen Schock bekommen, als sie vernehmen mussten, dass nach Fidelity auch die Fondsgesellschaft von Credit Suisse eine Entlassungswelle ankündigt. Von weltweit 5.300 Arbeitsplätzen, die bei Credit Suisse wegfallen werden, entfällt dabei die Mehrzahl (650) auf die Schweiz. Hieß es in 2008 noch nach Einschätzung von Experten, dass es in Deutschland nicht zu einem flächendeckenden Stellenabbau bei den Banken kommen wird und Entlassungen wie sei nerzeit bei der angeschlagenen WestLB von bis zu 2.000 Menschen als eine traurige Ausnahme angesehen werden sollten, kann davon aktuell keine Rede mehr sein. So haben nicht nur diverse Landesbanken mit dem Jahr 2008 zu kämpfen – bis 2013 muss beispielsweise die BayernLB aufgrund der schlechten Zahlen konzernweit 5.600 Jobs abbauen. Mit Blick auf die gegenwärtigen schlechten Ergebnisse von Deutsche Bank oder DZ Bank stellt sich zudem die Frage, wann die nächsten Umstrukturierungen starten. Wohl auch ein Grund, weshalb „Notleidende Banken“ das Unwort des Jahres 2008 wurde. Die Formulierung stellt das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf, sagte der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, Sprecher der unabhängigen Jury.
Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Finanzdienstleister ohne Klagen. Im Rahmen einer finanzwelt-Anfrage stellten Häuser wie König & Cie., Hannover Leasing, Jamestown, Buss Capital oder die Dr. Peters Gruppe klar, dass es weder einen Personalabbau gegeben hat, noch ein solcher aktuell überlegt wird. Im Falle der Dortmunder Dr. Peters Gruppe wird sogar mit einem Personalwachstum gerechnet. So heißt es dort: „Im laufenden Geschäftsjahr wird unser Haus ein weiteres attraktives Investitionssegment erschließen und dafür ein Tochterunternehmen gründen. Entsprechend wird bei der Dr. Peters Gruppe weiter qualifiziertes Personal eingestellt und die Mitarbeiteranzahl wird wachsen.“ Demnach gut zu hören, dass die Finanzkrise nicht in jedem Personalbestand eingeschlagen hat. Hört man neuerdings ja sogar Meldungen, wonach selbst Finanzmedien gewaltig dezimieren müssen.
Gewiss – in Zeiten von Krisen müssen Unternehmen handeln, und Personalentlassungen gehören in einer Umstrukturierung natürlich mit dazu. Ein fader Beigeschmack bleibt jedoch. Es ist doch für manche Menschen nicht zu durchschauen, weshalb kurze Zeit nach einer Notlage bereits mit diesen „Personalmitteln“ reagiert werden muss. Geht es den betroffenen Unternehmen so schlecht, dass Sie einen solchen Zeitraum nicht überbrücken können – vor allem wenn die Jahre zuvor mit Gewinnen bestückt waren?
(Marc Oehme)







