FINANZWELT sprach mit Joseph Tse
Im Jahr des Affen
Ganz Asien steht nach dem chinesischen, 5.000 Jahre alten Mondkalender derzeit im Zeichen des "Affen". Glaubt man den Auguren, dann verheißt das "Jahr des Affen" einige Turbulenzen, viel Temporeichtum und Spannung. Gilt das auch für ein Investment in Asien? Finanzwelt sprach mit Joseph Tse, dem Fondsmanager des Fidelity Asian Special Situations Fund.
FINANZWELT: Herr Tse, sollte man jetzt in Asien investieren?
Tse: Auf jeden Fall! Und zwar aus mehreren Gründen: Einer davon ist der enorme Trend zum Outsourcing sowie die hohe Exportkraft Asiens. Nehmen wir China als Beispiel. Dieses Land hat große Outsourcing-Anteile dazu gewonnen, und das gleich von mehreren Seiten. Hierzu zählen andere asiatische Staaten wie Taiwan oder Korea, aber auch die USA und zunehmend sogar Europa. Ein weiterer Grund ist das massive Nachfragepotenzial, das in China steckt. Millionen Wanderarbeiter und Millionen Menschen auf dem Land sind dabei, ihren Lebensstandard zu verbessern, Güter nachzufragen und zu konsumieren. Und das nicht allein in China, sondern in ganz Asien. Hinzu kommt die rasante Entwicklung marktwirtschaftlicher Strukturen, die weitere enorme Potenziale schaffen. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Makrobedingungen im Gegensatz zu früher ebenso stark verbessert haben wie die Investitionsmöglichkeiten. Zudem sind die Bewertungen der Aktien meiner Meinung nach noch nicht zu hoch.
Tse: Indien ist ein sehr interessantes Land mit vielen intelligenten Köpfen, vor allem in der Computerbranche. Es ist allerdings nicht im Benchmark des Fonds. Nichtsdestoweniger gibt es dort ein paar Firmen, in denen ich investiert bin. Japan ist auch nicht in unserer Benchmark, und da ich kein Japan-Spezialist bin, besteht hier kein Engagement.
FINANZWELT: Wie beurteilen Sie mögliche Überhitzungserscheinungen der chinesischen Wirtschaft und die Versuche seitens der Regierung, eine sanfte Landung der Wirtschaft herbei zu führen? Das spricht doch gegen ein Investment in dieser Region, oder?
Tse: Es gibt bestimmte Sektoren, bei denen die chinesische Regierung daran interessiert ist, eine Verlangsamung der Nachfrage herbeizuführen. Dies betrifft vor allem den Rohstoffsektor, speziell die Stahlnachfrage, den Immobiliensektor sowie die Kreditnachfrage. Diese Branchen sind in der Regel sehr zyklisch, so dass es schnell zu Überinvestitionen kommt, wenn sich die Konjunktur in einer Boomphase befindet. In anderen asiatischen Ländern wie Thailand, Korea oder Hongkong kommt es derzeit zu Blasenbildungen durch Überinvestitionen und Fehlallokationen des Kapitals. Ich persönlich hoffe jedoch, dass die Regierung es schafft, die Nachfrage zu bremsen - aber auch nicht zu stark, damit es auf der anderen Seite nicht zu einer harten Landung der Wirtschaft kommt.
FINANZWELT: Wie reagieren Sie in Ihrem Fonds darauf?
Tse: Auf diese Entwicklungen habe ich dahingehend reagiert, dass ich mein Engagement in China und speziell in diesen Sektoren seit vergangenem Jahr von 10 Prozent auf derzeit 6,1 Prozent heruntergefahren habe. China ist somit untergewichtet. Derzeit favorisiere ich Länder wie Südkorea oder Hongkong. In Südkorea zum Beispiel besteht eine große Inlandsnachfrage. Deshalb interessieren mich vor allem Konsumgüteraktien. In diese habe ich immer dann investiert, wenn die Nachrichtenlage schlecht war. Problematisch am Konsumgütersektor ist, dass es zu wenige Aktien gibt, in die man investieren kann. Wenn es sie gäbe, würde ich diesen Sektor noch stärker im Fonds gewichten. Generell manage ich den Fonds nach einem Bottom-up-Ansatz. Dies bedeutet, dass bei der Auswahl der Werte die einzelnen Unternehmen im Vordergrund stehen und nicht das Land oder die Branche. Nehmen wir den Telekommunikationssektor Chinas als Beispiel: China Mobile und China Telecom sind die größten Anbieter, die zusammen rund ein Achtel des Marktes ausmachen. Wenn man nun ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis oder andere Daten wie das Vorhandensein eines positiven Cash-Flows und das Zahlen einer Dividende berücksichtigt, können diese Unternehmen durchaus mit der internationalen Konkurrenz mithalten.
FINANZWELT: Nach welchen Kriterien wählen Sie Unternehmen aus?
Tse: Ich favorisiere Unternehmen, die wettbewerbsfähig sind, ein gesundes Wachstum aufweisen und schon einen nachhaltigen Shareholder Value geschaffen haben. Viele Unternehmen erfüllen unsere hohen Ansprüche nicht. Wenn wir aber ein solches identifiziert haben, versuchen wir das Geschäftsmodell zu verstehen. Dazu analysieren wir die Branche, die Zulieferer, den Kundenstamm und vieles mehr. So sprechen wir zum Beispiel auch mit den Wettbewerbern, um herauszufinden, warum dieses Unternehmen so wettbewerbsfähig ist und eine derartige Stellung im Markt aufweist. Des Weiteren ist für uns natürlich auch das mögliche zukünftige Wachstum des Unternehmens von entscheidender Bedeutung. Deswegen erarbeiten wir unter anderem Schätzungen, ob und wie das Unternehmen ein höheres Wachstum als die Branche generieren kann. Natürlich muss zudem der Preis und die Bewertung der Aktie unseren Vorstellungen entsprechen. Zusammenfassend lautet unser Auswahlkriterium: Qualität zu einem vernünftigen Preis.
FINANZWELT: Das hört sich so an, als wäre Ihr Fonds eher wachstums- als wertorientiert?
Tse: Es ist weder ein Growth-Fonds noch ein Value-Fonds. Es ist ein Blend-Fonds, dem beide Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Derzeit ist er zwar werthaltiger ausgerichtet, aber ich investiere - wie gesagt - auch in Wachstumsunternehmen, die günstig bewertet sind. Das muss kein Gegensatz sein. So sind einige wachstumsorientierte Unternehmen, die in Ungnade gefallen sind, mittlerweile als wertorientiert einzustufen. Solche Aktien suche ich mit Vorliebe.
FINANZWELT: Wir haben gelesen, Sie besuchen um die 200 Firmen pro Jahr. Wie schaffen Sie das, ohne Ihren Fonds zu vernachlässigen?
Tse: Das stimmt. Aber eigentlich ist das gar nicht so viel, sondern nicht einmal eine Firma pro Arbeitstag. Zudem besuchen uns viele dieser Firmen in unserer Niederlassung in Hongkong, so dass unser Zeitaufwand nicht allzu groß ist. Da sprechen wir dann neben dem Tagesgeschäft mit ungefähr drei Firmen pro Tag. Und wenn wir auf Reisen sind, sind es vier Unternehmen pro Tag, mit denen wir Gespräche führen. Das ist, wenn man seine Hausaufgaben ordentlich macht, gut zu bewältigen.
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