Riester-Rente
Immer noch ein Dauerbrenner?
© Foto: falkjohann - Fotolia.comNach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich Riester im Vertrieb und in der Bevölkerung als absoluter Verkaufsschlager. So ist die Gesamtzahl der Riester-Verträge zum Stand 30. Juni auf 14.798.000 gestiegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird spätestens bis Ende des Jahres die 15-Millionen-Grenze geknackt. Trotz der Freude über die guten Zahlen – im Verhältnis zu den Jahren zuvor kränkelt der Absatz ein wenig. Ist die Riester-Wiese eventuell abgemäht?
Der aktuelle SchuldnerAtlas Deutschland 2011 von Creditreform/CEG/microm macht es deutlich: Die Überschuldungsproblematik hat sich 2011 in der Gesamtbevölkerung zwar entschärft, allerdings ist ein Rückgang der überschuldeten Personen allein bei weiblichen Schuldnern festzustellen. Während die Zahl der Männer in Überschuldungsprozessen um 1,2 Prozent auf 4,10 Millionen Personen zunahm, sank die Zahl der betroffenen Frauen um 5,3 % auf 2,31 Millionen. Knapp zwei Drittel aller überschuldeten Deutschen (64,0 %; Vorjahr: 62,4 %) sind demnach männlichen Geschlechts, auch weil Männer bei der Übernahme finanzieller Verpflichtungen als risikobereiter gelten. Gleichwohl zeigt sich in einer längerfristigen Perspektive, dass auch Frauen zunehmend finanzielle Risiken eingehen und in die Schuldenfalle geraten. So liegt die Zahl der überschuldeten Frauen aktuell um rund 220.000 Personen höher als 2004 (Männer: minus 350.000).
Zahlen, die deutlich machen, wie gravierend es um Thema Altersarmut bestellt ist. Gerade aufgrund der demographischen Bedingungen und der inflationsbereinigt sinkenden gesetzlichen Rente wird es vermehrt immer mehr ältere arme Menschen geben. Ein Mittel gegen diesen Trend zu steuern, stellt die Riester-Rente mit ihren staatliche Zulagen und Steuervorteilen dar, die sich mit ihrer Versicherungsvariante (mehr als zwei Drittel der Riester-Policen sind Versicherungsverträge) gerade in der Vergangenheit beim Kunden als bedarfsorientierte Lösung darstellte. Inzwischen stockt der Verkauf ein wenig. So erhöhte sich im ersten Halbjahr die Zahl der Riester-Sparer nur um 409.000 –2010 kamen noch dreimal so viele neue Verträge hinzu.
Beim Vergleich mit Versicherung, Banksparplan und Investmentfondsvertrag haben Wohn-Riester- bzw. Eigenheim-Renten-Verträge diesmal mit plus 97.000 auf nun 641.000 erstmalig die Nase vorn. „Wir beobachten, dass fondsgebundene Riester-Renten, die mit entsprechenden Garantien ausgestattet sind, gut nachgefragt werden. Kunden schätzen die im gesetzlichen Rahmen mögliche Flexibilität und die gegenüber klassischen Produkten höhere Renditechance bei gleichzeitiger Absicherung der eingezahlten Beiträge. Private Altersversorgung und damit die Absicherung der Langlebigkeit macht die Kernkompetenz einer Versicherungslösung aus“, erörtert Helmut Kriegel, Vorstand der maklermanagement.ag.
Und auch für das laufende Jahr gibt es gute Argumente: In Folge der schrittweisen Erhöhung des Eintrittsalters der gesetzlichen Rentenversicherung wird die Auszahlung für eine ab 2012 abgeschlossene Riester-Rente erst mit Vollendung des 62. Lebensjahres möglich sein. Bisher konnten Riester-Sparer bereits mit vollendetem 60. Lebensjahr die Auszahlungsphase beginnen. „Wir erwarten daher im 4. Quartal des Jahres 2011 eine erneute Nachfrage nach Wohn-Riester-Verträgen. Die Nachfrage wird aber auch in 2012 anhalten “, prognostiziert Peter Ulrich, Vorstandssprecher der BKM – Bausparkasse Mainz. Dennoch: „Der Boom ist sicherlich abgeflacht, aber insgesamt bewegt sich Riester auf einem recht hohen – und nach unserer Einschätzung recht konstanten Niveau. Ich würde also durchaus sagen, dass sich das Geschäft gut eingependelt hat“, beschreibt Prof. Dr. Hans-Wilhelm Zeidler, Zurich Vorstand für den Bereich Makler Leben, den Status Quo.
Den Beweis, dass Riester derzeit nicht mehr in alle Kundenmunde ist, stellt eine aktuelle, repräsentative Studie, die das Wirtschafts- und Finanzforschungsinstitut Icon im Auftrag des DSGV durchgeführt hat: Der Anteil aller Riester-Berechtigten, die bereits einen Vertrag abgeschlossen haben, liegt mit 45 % exakt auf dem Niveau des Vorjahrs. Deutlich seltener haben Geringverdiener mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.000 Euro monatlich einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Hier liegt die Quote nur bei 36 %. Da gerade finanzschwächere Verbraucher im Ruhestandsalter von einem Riester-Vertrag profitieren und prozentual sehr hohe staatliche Zuschüsse erhalten, könnte eine Vereinfachung der Förderrichtlinien gerade auch hier für Impulse sorgen. Noch gravierender ist das Interesse bei jungen Menschen: Noch vor einem Jahr erklärten 58 % der Riester-Berechtigten unter 30 Jahren, einen Riester-Vertrag einzuplanen und in Kürze „sicher“ oder „wahrscheinlich“ abzuschließen. Der aktuelle Wert liegt dagegen nur noch bei 33 % – ein Rückgang um deutliche 25 Prozentpunkte. Wohl auch ein Grund, weshalb der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) Heinrich Haasis fordert, dass „die Riester-Rente einfacher und verständlicher werden muss. Dies gilt sowohl für Neuabschlüsse als auch während der Vertragslaufzeit. Bislang sind die Förderung und die Abwicklung der Riester-Verträge für Sparer und Anbieter noch viel zu bürokratisch und nicht nachvollziehbar.“ Und Dr. Günther Blaich, Direktor Produktmanagement bei AWD Deutschland, ergänzt: „Die Überlegungen der Bundesregierung zur Zuschussrente können die Entwicklung bei Riester ggf. noch dynamisieren. Wer viele Jahre gearbeitet oder Kinder erzogen hat und trotzdem nur wenig Rente erhält, soll einen Zuschuss erhalten. Das Einkommen wird auf 850 Euro im Monat aufgestockt. Voraussetzung für den Zuschuss ist, dass man 45 Jahre in der gesetzlichen Rente versichert war (inklusive Ausbildungszeiten) und mindestens 35 Jahre berufstätig gewesen ist oder Zeiten für Erziehung oder Pflege vorweisen kann. Zudem muss man eine Riester- oder Betriebsrente abgeschlossen haben.“
Ergänzend zu den Verbesserungen könnten sich aber auch die Produktanbieter und Vertriebe künftig besser aufstellen. So ergab eine finanzwelt-Umfrage unter ausgewählten Versicherern und Banken, dass es bezüglich der optimierten Zulage keine nachhaltige Kundenaufklärung gebe. Hintergrund: Um die volle Zulage zu erreichen, müss(t)en die Riester-Sparer selbst dafür sorgen, dass die Höhe ihres Beitrages die ungeschmälerte Zulage auslöst. Seit 2008 beträgt die Bemessungsgrundlage für den Erhalt der vollen Zulagen 4 % des Vorjahresverdienstes. Abzüglich der Summe der Zulage(n) auf den Vertrag, bei Pflichtversicherten allerdings mindestens 60 Euro p. a., ermittelt sich der dafür aufzubringende Beitrag. Hat der Riester-Sparer beispielsweise 2007 einen Vertrag abgeschlossen und bezahlt seitdem kontinuierlich den gleichen Beitrag, verdient aber inzwischen wesentlich mehr, dann wird die Grundzulage entsprechend gekürzt. Gerade hier wäre für den Vertrieb ein hervorragender Ansatzpunkt, um den Kunden zu helfen und eventuell eine ganzheitliche Beratung durchzuführen. Hierzu erklärt Guido Heitz, Direktor Produktmanagement OVB Vermögensberatung AG: „Entscheidend, um eine optimale staatliche Förderung und somit den größtmöglichen Kundennutzen zu gewährleisten, ist es, die Kunden während der gesamten Vertragslaufzeit zu betreuen. Nur so lässt sich beispielsweise sicherstellen, dass der jeweilige Riester-Vertrag und somit der Förderanspruch geänderten Rahmenbedingungen wie einer neuen familiären Situation durch Heirat oder Geburt eines Kindes angepasst werden kann.“
Fakt ist jedoch: Riester bleibt eine der wenigen steuerlich bzw. zulagengeförderten Altersvorsorgemöglichkeiten: „Riester ist aus meiner Sicht nach wie vor eine wichtige Säule für die Altersvorsorge in Deutschland und bleibt damit ein entsprechender Baustein der geförderten Rentenvorsorge. Im Rahmen einer ganzheitlichen Beratung gehört Riester zu den Standardthemen. Viele Familien mit mehreren Kindern nutzen Riester bis heute nicht oder die Beiträge stimmen nicht in Relation zu den Fördermöglichkeiten“, so Gottfried Baer, Geschäftsführer der MehrWert GmbH für Finanzberatung und Vermittlung. Und auch Walter Klein, Inhaber der ASG-Gruppe, verdeutlicht abschließend: „In einer alternden Gesellschaft ist die Vorsorge für spätere Lebensabschnitte eine brandaktuelle Frage. Meines Erachtens ist Riester derzeit ohne echte Alternativen, da diese Form der Vorsorge quasi ‚nur‘ die 2004 geöffnete Lücke der gesetzlichen Rentenversicherung schließt. Eine betriebliche Altersvorsorge oder ein Rürup-Produkt können zwar als Ergänzung fungieren, aber das Motto muss lauten: Das Eine zu tun ohne das Andere zu lassen.“ Somit dürfte erklärt sein, dass Riester zumindest in den Augen des Vertriebs auch in 2012 ein Dauerbrenner bleiben wird.
(Marc Oehme)
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