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Nichts wissen kann man über jeden Markt

Internationale Märkte

Eine der positiven Erfahrungen aus der aktuellen Krise der Finanzmärkte heißt: Die großen Blöcke der Weltwirtschaft sind durch die Entwicklungen der letzten Jahre wieder ein Stück unabhängiger voneinander geworden. Technisch ausgedrückt: Die Korrelationen der Märkte werden schwächer.

Die Konsequenz: Die internationale Streuung der Anlagen bleibt ein wichtiges Instrument bei der Strukturierung von Portfolios. Diese Einsicht ist den meisten Anlegern allerdings nur schwer zu verkaufen. Es gibt scheinbar gute Gründe, sich auf den heimischen Markt zu konzentrieren: Die Informationen sind einfacher und schneller zu beschaffen. Zusammen mit der Vertrautheit entsteht der Eindruck, die nahe liegenden Investments seien sicherer. Die deutschen Automobilhersteller „kennt man“, ein südafrikanisches Telekom-Unternehmen, eine kasachische Bank oder ein Pharmaunternehmen aus den USA sind fremd.
Wichtigster greifbarer Unterschied: Das Währungsrisiko ist (scheinbar) ausgeschaltet. Allerdings nur scheinbar, weil kein Unternehmen und die darauf lautende Aktie durch die Notierung in heimischer Währung vor negativen Devisenkursentwicklungen auf den Beschaffungs- oder Absatzmärkten geschützt ist. So tragen die deutschen Autobauer mit ihren großen Umsatzanteilen in den USA dem Investor immer ein gewisses Dollar-Risiko ein.
Aber auch die Informations-Argumente tragen bei Licht besehen nicht sehr weit: Bekannte, allen Marktteilnehmern zugängliche Informationen sind in den seltensten Fällen eine Grundlage für Profit, weil sie sofort in die Kursbildung eingehen. Alle Informationen die online oder gedruckt publiziert werden, sind mit dem Erscheinen verbraucht. Nur echte Insider-Informationen nützen als Grundlage für systematisch (d.h. nicht zufällig) erfolgreiche Spekulationen. Es nützt also wenig, wenn man den Geschäftsbericht in der Originalfassung lesen kann. Es käme darauf an, ihn vor allen anderen zu kennen. Bei Licht besehen sind alle auf „bessere Information“ aufbauenden Argumente zugunsten der Heimatorientierung bei der Portfolio-Selection sogar paradox: Ausgangspunkt der Diversifikation ist ja gerade die Annahme, dass niemand genug Informationen für eine Kursprognose hat. Über welchen Markt die Anleger genug wissen, um mehr als allgemeine Wahrscheinlichkeitsaussagen machen zu können („...können steigen oder fallen...“), ist am Ende doch ziemlich unwichtig.

Ein erster Blick darauf, was internationale Streuung heißen kann, zeigt die Gewichtung der einzelnen Länder im Lyxor ETF MSCI World (ISIN FR0010315770). ETF steht für Exchange Traded Fund und zeigt an, dass hier kein aktives Fonds-Management, sondern die möglichst exakte Nachbildung eines zugrunde liegenden Index (hier der MSCI World) geboten wird. Die Gewichte im Fonds stimmen daher normalerweise bis auf marginale Bruchteile mit dem jeweiligen Index überein. Dieser Fonds bildet daher einen guten Bezugspunkt für den Vergleich mit drei weiteren Fonds, die sich in der Kategorie „international anlegend“ finden. Nützlich sind diese Werte auch, wenn ein Portfolio „handgestrickt“ werden soll – wofür es durchaus gute Gründe geben kann. Die Gewichte des ETF und des Index geben gewissermaßen den Neutralpunkt an: Relativ höhere oder niedrigere Gewichte für einen Markt sind nur mit über- oder unterdurchschnittlichen Profiterwartungen für die jeweiligen Märkte zu rechtfertigen.

Im Vergleich mit den anderen Fonds fallen die Unterschiede der Gewichtung der USA auf, die deutlich schwächer als im Weltindex ist. Gleiches gilt für Japan, das im Index das dritthöchste Gewicht hat, aber nirgendwo unter den ersten fünf auftaucht: Die Fondsmanager sind oder waren eher skeptisch. Der Anleger (oder Berater) tut also gut daran, bei den aktiv gemanagten Fonds einen genaueren Blick auf die Struktur zu werfen. Da kann sich hinter einer gegebenen Rubrik ziemlich Unterschiedliches verbergen.

Ein interessanter Sonderfall ist das Vereinigte Königreich jenseits des Kanals, das auf den ersten Blick ein erstaunlich hohes Gewicht im Index hat (11,3 %), was aber die Rolle Londons als Finanzplatz spiegelt. Und selbst dieses Gewicht wird zumindest bei Templeton und Fidelity überboten, während die DWS die Briten leicht untergewichtet. An dieser Stelle kommt allerdings auch zum Tragen, dass der Fidelity-Fonds ein (im Verhältnis 6:4) gewichtetes Mittel aus Welt- und Europa-Index aus der MSCI-Familie benutzt.

Ein Blick schützt zumindest den Kurzprospekt vor negativen Überraschungen: In vielen Onlineportalen wird dieser Fonds trotz der klaren Europa-Lastigkeit unterschiedslos mit den anderen in der Kategorie „weltweit anlegend“ geführt. Gut zu erkennen in diesem Vergleich ist auch, dass Europa insgesamt derzeit hoch im Kurs steht. Dieser Vergleich zur Benchmark lässt auch relativ genau erkennen, was die Fondsmanager tatsächlich denken: Die Wahrheit liegt im Anlagetableau, nicht im Interview.

Bleibt eines festzuhalten: Der MSCI geht bereits selbst auf eine Überarbeitung zu, denn der Rest der Welt enthält die Emerging Markets, die nach dem stürmischen Wachstum der letzten Jahre inzwischen wohl ein Gewicht von deutlich über 11 % am weltweiten Markt haben dürften. Zumindest als Gruppe kämen sie auf einen der Plätze von 2 - 4. Auch das ist ein akzeptabler Grund, sich seinen Weltfonds unter Umständen selbst zusammenzustellen. In jedem Fall aber gilt: Wer sich nur auf den Heimatmarkt hinorientiert, verschenkt Chancen und geht unnötige Risiken ein.

(Martin Klingsporn)


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